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Tagebücher678
diese unglückliche thronrede hat hier Allen mißfallen, mit ganz allei-
niger Ausnahme des großdummkopfes fürsten metternich, der am ersten
tage ganz stolz umherging, aber schon am zweiten einlenkte und jetzt
selbst darüber schimpft, wir wollen nun die nächsten sitzungen in Berlin
abwarten, der unmuth der Abgeordneten soll so stark geworden seyn, daß
sie der könig einzeln beschwichtigen und pater peccavi sagen mußte, ein
viel versprechender Anfang. übrigens handelt der mann viel besser als er
spricht: die neuen gesetze wegen öffentlichkeit der gerichte, wegen veröf-
fentlichung der landtagsverhandlungen, das toleranzedikt, die maßregeln
wegen der Presse und Aufhebung der censur, die dem landtage vorgeleg-
ten gesetzentwürfe, endlich die veröffentlichung des finanzetats sind vor-
trefflich und ganz unangreifbar. Wären wir nur erst so weit.
An kuranda sandte ich neulich einen Aufsatz über das liberale Pro-
gramm in ungarn, welchen mir louis Batthyany heraufschickte. ich suche,
soviel ich kann, die hiesigen und böhmischen stände zu einem entscheiden-
den schritte zu bewegen, durch eine declaration of rights, neulich sprach
ich Breuner davon, nous verrons. Auch eine Protestation gegen das letzte
Anlehen und gegen alle zukünftigen, die ohne vernehmung der stände ge-
schlossen werden sollten, wäre angezeigt und ein angenehmes cadeau für
den Jubelgreis fürst metternich.
egbert Belcredi war auf einige tage hier und hat mir über die dinge
in mähren referirt, im vergleiche zu früher viel erfreuliches. die leute
fangen auch dort an sich zu rühren, und an mir soll es nicht fehlen. Auch
stockau hatte ich neulich ein paar stunden lang bey mir und hoffe, ihm mit
hülfe von landesordnungen und alten urkunden die überzeugung beyge-
bracht zu haben, daß die mährischen stände, wenn sie theilnahme an der
gesetzgebung etc. verlangen, wirklich auf dem rechtsboden stehen, denn
darum war es ihm hauptsächlich zu thun, le bon enfant.
hammer war neulich lange bey mir und sprach wie gewöhnlich in einem
fort, jedoch immer geistreich und interessant, er gibt jetzt eine geschichte
des cardinals clesel heraus, auf die ich mich sehr freue.1 die Buseck sind
von münchen hier und erzählen lola-geschichten, die sachen waren är-
ger als wir glaubten. neulich war ich lange bey heeckeren, der ein grund-
gescheidter mann ist und sehr gut berichtet. durch ihn erfuhr ich, daß
man mit dem gedanken umgeht, eine große Zeitung als regierungsorgan
zu gründen. gut, aber für die stimmen der gegenparthey muß sich dann
auch ein Blatt finden, vielleicht die Allgemeine Zeitung. Pepi Esterhazy,
1 Josef hammer-Purgstall, khlesls, des cardinals, directors des geheimen cabinetes kai-
sers mathias, leben. mit einer sammlung von khlesls Briefen, staatsschreiben, vorträgen
… beinahe tausend bis auf wenige bisher ungedruckt. 4 Bde. (Wien 1847–1851).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien