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Tagebücher680
ich nicht gesagt habe.1 Auf alles dieses werde ich zu seiner Zeit in einem
längeren Artikel antworten.
kolb schrieb mir neulich einen charmanten Brief. klagen seyen nicht
eingelaufen, ich möchte ihm doch über den eindruck schreiben, den meine
Artikel hier gemacht hätten. das will ich denn noch morgen thun und ihm
überhaupt über die hiesige Physiognomie des momentes etwas mittheilen.
erzherzog carl liegt in den letzten Zügen und wird die nacht kaum über-
leben, eine celebrität weniger, wohl unsere einzige verdiente.
Magnifique sind die preußischen Verhandlungen, und allgemein, selbst
unter den ultra hofschranzen und Wiener dummköpfen erkennt man es
an, schon diese Anerkennung ist für uns ein ereigniß, es gewöhnt die leute
an die idee. nie hätte ich soviel politischen takt, soviele ruhe und doch
gedankenschwung von ihnen erwartet! so ein schauspiel muß den deut-
schen nahmen heben im Auslande und das nationalbewußtseyn unter uns.
Wir wollen nur hoffen, daß sich die sache bis zu ihrem ende so wohlthätig
entwickle. leider sind der theuerung wegen unruhen in Berlin und an-
dern städten Preußens ausgebrochen, was man nicht ermangeln wird, zum
nachtheile der freyheit auszubeuten.
trubetzkoi war einige tage hier und erzählte mir vieles aus mailand
und italien, auch die Waldsteins sind da, neulich aß ich mit ihnen bey ma-
rie lobkowitz. die arme toni esterhazy ist richtig gestorben, neulich spei-
ste ich bey eskeles mit Pilat, welcher sich mir aufführen ließ – wozu das?
ich ließ mich übrigens auf kein weiteres gespräch ein.
lamberg ist mit instruktionen von mir versehen nach Prag zum land-
tage abgegangen, es scheint, daß dieser landtag ein außerordentlich be-
suchter werden wird. nach meinem schlachtplane soll der hauptangriff,
das Programm von hier ausgehen, in Prag und Brünn sollen nur einzelne
liberale Anträge: auf veröffentlichung der landtagsverhandlungen, auf
eine comunalverfassung, eine Protestation gegen das letzte Anlehen etc.
etc. geschehen, und demgemäß habe ich lamberg, Belcredi etc. instruirt,
ich glaube, bald wird etwas entscheidendes geschehen.
1 die grenzboten. Zeitschrift für Politik und literatur 6 (1847), i. semester, ii. Bd., 117–128:
Parteistimmen aus österreich. der Artikel zerfällt in drei teile: 1. vorbemerkungen der
redaction (117–123), gezeichnet i[gnaz] k[uranda], worin es heißt (120), Andrians schrift
„ist das Programm der landständischen, liberalen Adelspartei“, die in diesem Buch „dem
Bürgerthum die Hand“ reiche; 2. Was wollen die Landstände in Oesterreich? Aus Wien
(123–126); und 3. Die österreichischen Landstände. Aus Prag (126–128); Teil 2 und 3 sind
jeweils mit einem kürzel gezeichnet. der erste teil ist teilweise gedruckt in rietra, Wir-
kungsgeschichte, 146–148.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien