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Juni 1847
was mir das liebste wäre, diesen sommer mit der redaction irgendwo zu-
sammenkommen kann.1
egbert Belcredi war 8 tage lang hier, um seinen rapport zu erstatten,
nicht viel tröstliches. fürst salm hat Alles hintertrieben, doch sprach ich
egbert muth zu, denn aller Anfang ist schwer. Auch hugo und Albert no-
stitz waren mehrere tage hier und viel bey mir, wir aßen neulich bey dom-
mayer und vorgestern beym schändlichsten Wetter in Baden zusammen,
sonst meist beym schwan. in Baden war auch der eben angekommene car-
los Auersperg mit, der an der spitze der böhmischen deputation wegen
des lottos etc. hier ist. ihn und Albert nostitz führte ich gestern zu dobl-
hoff. es ist merkwürdig, wie die leute anfangen, auf Alles aufmerksam zu
werden. vorgestern im theater, während ich noch mit Auersperg, Bergen-
thal, nostitz etc. sprach, kam fürst schönburg zu mir, um mir zu erzählen,
er habe so eben in einer loge gehört, morgen um 11 sey konferenz der
Böhmen, mährer und oesterreicher bey mir. meine stellung wird immer
schwerer und gefährlicher. neulich wurde ich ganz ordentlich ins Bocks-
horn gejagt, indem ich auf bewußtem Wege Wind bekam, als beabsichtige
man eine hausuntersuchung. Wiewohl ich dieß für einen falschen lärmen
halte, und man auch bey mir durchaus Nichts finden würde als ständische
Akten, die kein geheimniß sind, so hielt ich es doch für klüger meine maß-
regeln zu treffen, einige Briefe etc., welche andere leute compromittiren
könnten, in sicherheit zu bringen und gegenwärtiges tagebuch, welches
für sie der beste fang wäre, bey mir gehörig zu verstecken. Auch ging ich
mit fleiß nach Baden und ließ es den leuten wissen, damit sie lieber in
meiner Abwesenheit diese untersuchung vornähmen, was aber nicht ge-
schah. unangenehm wäre mir die sache schon des spektakels wegen auf
jeden fall.
In Böhmen wird etwas Vortreffliches vorbereitet: eine Petition des Bür-
gerstandes und der unadeligen gutsbesitzer, daß ihnen pro kreis 2 reprae-
sentanten bey der ständeversammlung bewilliget werden.
ein Besuch, der mich sehr freute, war der des neuen gubernialrathes
oettl, welcher auf der durchreise nach gallizien hier ist, ein ganz gescheid-
ter kerl.
der böhmische ritterstandsdeputirte Bergenthal war gestern lange bey
mir und brachte mir Akten etc. des letzten landtags. Albert deym hat sich
als eines der mitglieder des comités wegen der gemeindeordnung an mich
gewendet. dagegen dürfte ich vielleicht mit fritz deym ganz leise brouillirt
1 der Artikel erschien schließlich unter dem titel ständische regungen in österreich in zwei
teilen (19.7., 145f. und 20.7.1847, 153f.) in der ab 1. Juli 1847 in heidelberg erscheinenden
deutschen Zeitung. vgl. eintrag v. 26.7.1847.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien