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seyn, denn er war, soviel ich höre, mit meinem Artikel über den ständi-
schen commissionsbericht gar nicht einverstanden, freylich hatte ich ihn
auch nach meiner Weise zugestutzt und dazu hauptsächlich das votum
neubergs (der bey der discussion schmählich umgesattelt hat) benützt. ich
schrieb deym neulich durch Palacky, er hat mir aber schon lange nichts
mitgetheilt.
[Wien] 27. Juny
die böhmische deputation ist am 24. vom kaiser sehr kurz und schnöde
abgefertiget worden und tags darauf ingrimmig abgefahren. Jedoch waren
Auersperg und Bergenthal jeder für sich noch bey kolowrat, welcher ih-
nen die besten versicherungen gab und sich als warmer freund der stände
zeigte – !? Auf die schrift wegen des vorbehaltes werde keine Antwort erfol-
gen, weil man das recht der stände einsehe, wegen der verweigerten 50.000
fl werden die gewünschten Nachweisungen geliefert werden1 etc. si è vero.
die beyden herrn, besonders Bergenthal waren viel bey mir, le dernier est
trés malléable, und ich habe es benützt. ich habe ihn aufgefordert, den gan-
zen verfassungskampf in einer eigenen Brochure zu veröffentlichen, von
der deputation des Jahres 1845 angefangen bis zur letzten diätalschrift,
und er wird es thun. ich habe ihm für A. deym und das gemeindecomité
manches mitgegeben und ihn auch mit rücksicht auf die ungarische frage
entsprechend instruirt.
in dieser letzten Angelegenheit ist casimir Bathiany hier, er meint auch,
daß die sache in ungarn sehr populär werden dürfte, und daß es mit den
instructionen keine schwierigkeit haben wird.
Albert Widmann war gestern lange bey mir und hat mir über mähren
und den landtag vieles erzählt, es ist merkwürdig, wie wenig die leute
wissen, was in des nachbarn hause vorgeht! Widmann z.B., der einer der
Allerbesten ist, meinte, der heurige „fiasco“ der böhmischen Stände habe die
mährer entmuthigt! während dieß doch der glänzendste landtag in Böhmen
seit Jahrhunderten war! ursache mehr, um meine idee zu verwirklichen,
welche ich auch jetzt wieder den Böhmen einbläute, daß die verschiedenen
Provinzialstände sich ihre verhandlung per extensum mittheilen.
Auch ein kärnthnerischer landstand, v. moro, war neulich eine stunde
lang mit Plänen und landkarten bey mir, um mir die straße über den loibl
1 in der Auseinandersetzung über das steuerbewilligungsrecht der stände hatte der böhmi-
sche landtag einen grundsteuerzuschlag von 50.000 gulden auf das dominikalland mit
der Begründung gestrichen, die zur deckung der kosten der kriminaljustiz bestimmte
summe komme der Allgemeinheit zu gute und könne daher nicht einseitig den grund-
herrn aufgebürdet werden. die regierung dagegen bestritt das recht der stände, diesen in
den Jahren zuvor bereits bewilligten Budgetposten zu streichen.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien