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aber dort nur einige stunden und incognito aufhalten, um mit kuranda das
nöthige zu besprechen. von da will ich nach frankfurt und an den rhein
und schließlich nach Baden, den druck jener schriften will ich irgendwo in
der nähe, mannheim, frankfurt etc. besorgen und dort die correctur selbst
übernehmen. Auf dem rückwege möchte ich gerne zu lerchenfelds nach
heinersreuth, wozu mich gustav so eben wieder auffordert, auch da hätte
ich manches zu besprechen, namentlich wegen der deutschen Zeitung.
ende August oder Anfangs september denke ich zurück zu seyn, und will
dann nach ungarn gehen, weil gerade dann der entscheidende moment der
comitatswahlen und landtagsinstruktionen seyn wird. casimir Batthyány
war jetzt ein paar mahl hier und brachte mir einen entwurf zu einer
Brochure, wie man ihn dort wünscht, dazu Briefe von louis Batthyány etc.
mein Artikel über diesen gegenstand ist gestern in der Allgemeinen Zei-
tung nur wenig verändert, jedoch mit um so mehr redaktionsnoten verse-
hen, erschienen und macht Aufsehen.1 die Brochure moerings ist sehr gut
(mir gewidmet) und wird ebenfalls einen vortrefflichen Eindruck machen,
so wäre denn Alles eingeleitet. übrigens antworte ich louis Batthyany so
eben, um ihm zu sagen, daß dieses Alles bis nun bloß demonstrationen auf
litterarisch theoretischem felde seyen, und daß er dafür sorgen müsse, sie
jetzt auf das practische terrain zu versetzen, was durch die instructionen
der comitate und eine entsprechene motion am landtage geschehen kann.
die Brochure über die böhmische verfassungsfrage wird vorbereitet,
und f. deym, dem ich kein geheimniß daraus machen konnte noch wollte,
schreibt mir so eben, daß er sich daran betheiligen (d.h. mit Bergenthal
conferiren) will, doch will er nach seiner Art eine menge heterogener ge-
genstände mit hinein bringen, was der sache nur schaden würde. darüber
mußte ich ihm nun schreiben. er will, daß ich zu ihm nach lieblitz komme,
das ist mir aber jetzt nicht möglich.
trotz der schönen Worte kolowrats soll an das böhmische gubernium
ein donnerndes Reskript (hinsichtlich der 50.000 fl) ergangen und die Be-
hörde angewiesen worden seyn, „ähnlichen übergriffen der stände in Zu-
kunft zu begegnen.“ die leute wollen es zu einer krisis bringen. denn die
reichen werden übermüthig, und die Beamten und die Armen brennen vor
Begierde, sich mit ihnen zu messen, d.h. zu kämpfen, so sagte neulich hof-
rat Pippiz zu georges lubomirski! Quos deus perdere vult, dementat.
franz stadion ist vorgestern nach galizien abgereist. kraus ist 2. gu-
bernialpräsident. stadion hatte dieß begehrt, könnte sich aber ebensogut
1 Allgemeine Zeitung v. 6.7.1847, Beilage 1493f.: ungarn, datiert von der österreichisch-
ungarischen Gränze, 22. Juni; im Inhaltsverzeichnis angekündigt als: Das Programm der
liberalen Partei.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien