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Tagebücher696
decret sedlnitzkys, das er mir vorlas, beauftragt, mich über meine Autor-
schaft zu befragen. er meinte, ich solle die Wahrheit gestehen, da sedl-
nitzky im conträren falle die Absicht habe, meine erklärung im Auslande
zu veröffentlichen, im schlimmsten falle könne eine geldstrafe von 40 du-
caten für mich daraus entstehen. ich antwortete, daß ich nur dem kaiser,
sonst niemand, das Recht zuerkenne, mich darum zu fragen, übrigens sähe
ich keinen Anstand es zu läugnen, übrigens hätte ich schon im may 46
meine entlassung nachgesucht, eben weil ich den staatsdienst mit meiner
stellung nicht für vereinbarlich hielt etc. diese erklärung nahm Born zu
Protokoll, und ich fertigte sie.1 Wir wollen nun sehen, was daraus wird,
wahrscheinlich gar nichts.
neulich hatte ich eine sehr interessante soirée bey Prof. neumann mit
richard cobden, es waren noch da lubomirski, sommaruga, Bach, fränzel
und hock, letzterer schien mir der gescheidteste von Allen. Bey cobden
frappirte mich hauptsächlich der klare gesunde einfache menschenver-
stand, großer Antiaristokrat, und ein großes genie gerade auch nicht.
gestern aß ich noch in s. veit bey troyers und war dann Abends auf
einem glänzenden feste auf dem Wasserglacis. hier ists schon sehr leer,
das Wetter aber scheint sich consolidiren zu wollen. meine déjeuners im
Paradiesgarten haben bis inclusive heute gedauert.
frankfurt a/m. 22. July Abends
Am 16. Abends verließ ich Wien, ich traf auf der eisenbahn fast fortwäh-
rend Bekannte: Hector Gallenberg, Gräfinn Mercandin von Olmütz, Zdenko
sternberg, vincenz Auersperg, georges Waldstein etc. etc. im Prager Bahn-
hofe fand ich giovannina Ahsbahs, die ihre schwägerinn erwartete, und
führte sie bis zu ihrem hause, dann aß ich mit georges W[aldstein] im roß
und ging dann zu Albert nostitz, welcher mich in den Baumgarten, Bu-
benetsch etc. kutschirte, eine sehr schöne fahrt. um 7 uhr fuhr ich nach
obrzistwy und übernachtete dort.
sonntag den 18. morgens fuhr ich mit dem dampfschiffe Bohemia ab,
an Bord traf ich louis karoly, sonst niemand Bekannten, doch sprach ich
mit einem doctor aus hamburg etc., in tetschen stieg general vieth ein,
in Pillnitz eine masse häßlicher dresdnerinnen etc. um 7 waren wir in
dresden, und ich ging mit karoly ins hôtel de Pologne. Auf der Brühlschen
terrasse traf ich später gozze, welcher hier unser chargé d’Affaires ist,
und saß ziemlich lange mit ihm und einem Paar seidlitz, dann soupirte ich
noch zuhause mit karoly und ließ mir von ihm hungarica vom regierungs-
1 das Protokoll der einvernahme ist gedruckt in rietra, Wirkungsgeschichte, 79–81, der
name des einvernehmenden Polizeibeamten ernst Born ist falsch mit korn transkribiert.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien