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Juli 1847
standpunkte erzählen, selbst diesen leuten leuchtet meine Allianz-idee
ein. montag früh suchte ich kurandas freund, den kapellmeister hiller
auf, um über dessen gegenwärtigen Aufenthalt zu erfahren, er war aber
in kissingen. dann ging ich in die Bildergallerie und fuhr um 1 nach leip-
zig, wohnte im hôtel de Baviére, kaum angekommen, fuhr ich zu Brock-
haus, der aber nicht anwesend war, später fand ich es für klüger, nach
Welsch’s rath mich an den Buchhändler Jurany zu wenden, und ließ ihm,
da er ebenfalls nicht zuhause war, die beyden manuscripte da (1. moerings
Brochure; 2.a. die denkschrift der niederösterreichischen stände über ihre
verfassung ddo 1619, b. ihre declaration über kaiser ferdinands wider-
rechtliches Verfahren vom selben Jahre; c. das innsbrucker libell 1518)1
und sagte, ich werde am nächsten tage wieder kommen. Abends sah ich im
theater die „karlsschüler“ von laube, ungeachtet seiner mängel doch ein
schönes stück, aber sehr mittelmäßig gespielt.
Am 20. hatte ich dann zwey unterredungen mit Jurany, einem ganz jun-
gen Menschen, die Brochure gefiel ihm sehr, das Andere aber wollte er An-
fangs nicht nehmen und verstand sich nur dazu, als ich dieß als Bedingung
für die überlassung der Brochure setzte.2 Wir kamen endlich überein, daß
er letztere sogleich drucken und mir ein exemplar schon zwischen 1. und
20. kommenden monats nach Baden Baden schicken werde und wo möglich
auch schon einige Bogen des 2. manuscripts dazu. ich behielt ihm gegen-
über mein incognito bey so wie überhaupt während meines ganzen Aufent-
haltes in leipzig. doch sah ich hübner im theater, und er dürfte mich wohl
erkannt haben.
kuranda war leider abwesend, in helgoland, was mir sehr leid thut,
denn ich hätte ihn gerne gesprochen, um ihm eine klare und richtige idee
unserer gegenwärtigen lage und stellung sowie auch der meinigen ins-
besondere zu geben. ich schrieb in herbigs Buchhandlung einen langen
1 gedruckt in historische Actenstücke über das ständewesen in oesterreich. 6 hefte (leip-
zig 1847–1848).
2 Wilhelm Jurany, geb. 1823, hatte seine verlagsbuchhandlung in leipzig im herbst 1845
eröffnet. er verlegte und vertrieb zahlreiche oppositionelle schriften und wurde deshalb
jahrelang polizeilich verfolgt. der verlag wurde im frühjahr 1849 unter Zwangsverwal-
tung gestellt und 1851 versteigert. Jurany übersiedelte nach (Buda-) Pest und trat dort
in das verlagshaus landerer und heckenast ein, wurde 1868 teilhaber und nach dem
verkauf 1873 an die Aktiengesellschaft franklin-verein (1876 umbenennung in franklin
társulat magyar irodalmi intézet és könyvnyomda rt. – franklin-verein. ungarische li-
terarische Anstalt und Buchdruckerei) generaldirektor dieses bedeutenden ungarischen
verlags. vgl. inge kießhauer und dagmar goldbeck, Zum leben und Wirken des verlegers
Wilhelm Jurany in Leipzig und Budapest; in: Leipziger Jahrbuch zur Buchgeschichte 5
(1995) 233–244. Weder die verbindung mit Andrian noch die dadurch von Jurany verlegten
Bücher werden darin erwähnt.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien