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Tagebücher698
Brief an ihn, worin ich ihm meine Aufträge ausrichtete und beyschloß 1.
3 Artikel von möring, 2. den Aufsatz für die Pragerzeitung über den letz-
ten böhmischen landtag, welcher obwohl entsetzlich zahm gehalten und
auf ständebeschluß von den ständischen correctoren im einverständisse
mit salm verfaßt, dennoch die druckerlaubniß nicht erhielt, 3. die land-
tagserklärung der niederösterreichischen stände vom laufenden Jahr. die
Petition kleyles etc. wegen der Presse theilte ich nach näherer überlegung
kuranda nicht mit, weil sie, wiewohl sehr schön geschrieben, doch etwas zu
unpractisch ist, und weil darin so viel die rede von deutschheit und deut-
schem Bunde ist, daß es für den Augenblick nicht in meinen kram paßt.
so habe ich denn nun alle meine Aufträge und Projekte in dieser richtung
ausgeführt und reise nun mit leichterem herzen, ich muß gestehen, daß ich
namentlich seit den letzten schritten der Polizey gegen mich besonders an
der grenze eine visitation meiner effekten besorgte.
Am 20. nachmittags 5 uhr fuhr ich fort, auf der eisenbahn bis erfurt,
wo ich um 10 ankam, übernachtete und tags darauf wieder per eisenbahn
bis eisenach fuhr. diese Bahn ist superb gebaut und fährt von Weissenfels
angefangen beynahe unausgesetzt durch anmuthigste gegenden des thü-
ringerwaldes. in fröttstedt, der letzten station vor eisenach, kam der Wag-
gon unmittelbar vor dem, worin ich saß, aus den schienen, wurde aber zum
glücke noch rechtzeitig bemerkt, dieß verursachte einen Aufenthalt von 2
stunden, während denen wir in der größten sonnenhitze ohne obdach (die
stationshäuser etc. sind noch unvollendet) dastehen mußten. um 1 kamen
wir nach eisenach, ich hatte eben noch Zeit zu essen und fuhr dann um 2
uhr mit dem courier weiter, kam aber leider in eine Beychaise und noch
dazu in eine, welche auf jeder Post gewechselt werden mußte. Zum glücke
hatte ich angenehme gesellschaft: einen stettiner cockney, herrn rolin,
seine 15jährige sehr spaßige und herzige tochter Bertha, die mich sehr
amusirte, und ihr dienstmädchen, so ging es besser als ich gedacht hatte,
wir fuhren sehr schnell und waren um 7 uhr heute morgens in frankfurt,
ich wohne im Weidenbusch.
heute vormittags stieg ich herum, machte einige einkäufe etc. Auf der
Post fand ich mehrere Briefe, darunter einen von gervinus aus heidelberg.
ich habe zu sagen vergessen, daß ich in leipzig im museum die 17 ersten
nummern der neuen deutschen Zeitung durchsah und meinen Aufsatz
nicht vorfand,1 dagegen aber einen längeren über koch’s oesterreichs in-
nere Politik sowie einen spätern redactionsartikel, worin mir dafür (ger-
vinus nennt koch in seinem Briefe meinen todtfeind) so zu sagen amende
1 Zu Andrians Artikel für die deutsche Zeitung, den er über vermittlung von frh. gustav v.
lerchenfeld an die redaktion übermittelte, vgl. einträge v. 22.6. und 26.7.1847.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien