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Tagebücher700
den 6. september bey lerchenfeld zu seyn, bis wohin dieser heimgekehrt
seyn wird.
Am 24. war ich wieder in soden, wurde aber im Bahnhofe von charles
horrocks mit der nachricht empfangen, Amelie sey in folge der Aufregung,
welche ihr mein Besuch verursacht habe (!) nervenkrank und im Bette. ich
wollte die Witwe tettenborn besuchen, die aber eben abwesend war. ich
aß dann mit charles an der table d’hôte und fuhr um 1/2 4 mit ihm wieder
zurück.
ich hatte weder Zeit noch lust, mich bey graf münch oder bey sonst Je-
mandem unserer gesandtschaft sehen zu lassen, nur nobili suchte ich auf,
fand ihn aber nicht, dagegen aber endoctrinirte mich ein sohn des hofraths
kübeck, legationssekretair in stuttgart, ein paar stunden lang, es gibt
kein langweiligeres volk als unsere jungen diplomaten, dieser staatskanz-
ley Jargon, den sie alle zu sprechen affektiren, hat keinen menschenver-
stand, sondern bloße sophismen, und zwar nicht der geistreichen, sondern
der Alten Weiber gattung, man riecht da molly Zichy1 auf 10 meilen weit
heraus.
Am 24. Abends schrieb ich noch an kuranda eine lange epistel, um ihn
zu persuadiren, daß er den Bürgerstand in oesterreich agitire, damit dieser
nach Böhmens vorgange um eine erweiterte theilnahme an der ständi-
schen vertretung petitionire. ich hatte ihn darüber sprechen wollen und
konnte es nun nicht übers herz bringen, einen so wichtigen gegenstand
nicht mindestens brieflich in Anregung zu bringen.
gestern mittag verließ ich frankfurt und war um 3 (eisenbahn) in hei-
delberg, wohnte dicht am Bahnhofe im hôtel schrieder und war außer mir
vor entzücken über die paradiesische gegend, die ich aus meinem Zimmer
im 3. stocke und mit einer rund um das haus laufenden terrasse verse-
hen so recht genießen konnte. gervinus, welchen ich, gleich nachdem ich
gegessen hatte, aufsuchte, war über land gegangen, und ich benützte den
schönen Abend, um das schloß und den schloßgarten, wo eben musik war,
mit aller muße zu genießen. heute früh machte ich wieder eine fruchtlose
visite bey gervinus, fand ihn aber endlich um 11 uhr, er schien sehr er-
freut mich kennen zu lernen, und wir sprachen viel von allerley dingen,
wurden aber leider durch einen dritten gestört. mein Aufsatz ist in nr. 19
und 20 erschienen und schien ihm sehr zu gefallen.2 koch, der verfasser
1 Gräfin Melanie Zichy, die dritte Frau von Staatskanzler Fürst Klemens Metternich.
2 deutsche Zeitung v. 19.7., 145f., und 20.7.1847, 153f.: ständische regungen in österreich.
der anonym gedruckte Artikel sei „durch einen günstigen Zufall“ gerade jetzt an die redak-
tion gelangt. Andrian hatte den Artikel über vermittlung von frh. gustav v. lerchenfeld
an die redaktion übermittelt, vgl. eintrag v. 20.6.1847.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien