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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Seite - 702 -
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Tagebücher702 wenig gemacht, und diese wenigen sind fast bloß männerbekanntschaften. unter meinen hiesigen landsleuten ist niemand, mit dem ich so eigentlich liirt bin, und die russischen eleganten damen, deren eleganz eigentlich (aprespris [sic] wie die der unsrigen) bloß im lärmen und Aufsehen machen besteht, haben mich immer wenig angesprochen. Am meisten bin ich noch mit esterhazy, mit Arnim, einem sohn der Bettina und legationssekretär in carlsruhe, Blücher (der alte moritz Putbus ist auch hier) etc., und von damen mit 2 holländerinnen, mad. garcia und ihrer schwester dlle van oss, welche ich in böser Absicht kennen lernte, nun aber ganz guter freund geworden bin. ich spiele beynahe gar nicht und besuche auch die Bälle im conversationshause wenig. dagegen bin ich viel bey den horrocks, sie wohnen in lichtenthal in einem sehr hübschen cottage, welches herrn frommel, galleriedirektor in carlsruhe gehört, er ist selbst maler, und ich sah bey ihm 2 herrliche landschaften von lessing, seine frau sieht mir aus wie eine Pietistinn. mama horrocks, clara und celia sind ganz die alten, ziemlich langweilig und spießbürgerlich, besonders clara, dagegen ist Anneliza, in die ich so quasi verliebt bin, eine charmante Person geworden, quite unenglish und graziös in allen ihren Bewegungen, zum großen unterschiede von ihren schwestern und überhaupt von fast allen engländerinnen, Anna maria ist ein kolossal dicker vorlauter, spaßiger junger grasteufel, edgeworth ein gutes kränkliches Bürschchen. Augusta wohnt mit mann und kind hier in Baden in einem elenden häuschen ganz am obersten ende der stadt, ihr mann hat sich den tag nach meiner Ankunft auf einem spatziergange den fuß verstaucht und kann nicht gehen, daher sehe ich auch sie sehr wenig, der Weg zu ihr ist steil und schlecht. das will sagen: sie ennuyirt mich und zwar gründlich, dieses ist der Ausgang unserer 10jährigen sentimentalen komödie, hüb- scher ist sie auch nicht geworden, übrigens kann ich nicht läugnen, daß mich bey unserm ersten Wiedersehen ein unendlich wehmüthiges gefühl ergriff, über mich, über die vergänglichkeit aller dinge, und über die 12 Jahre, wohl die schönsten meines lebens, wenn auch nicht die reichsten, welche, seit sie eine Rolle darin zu spielen anfing, verstrichen sind. Die langeweile stellte sich erst um eine halbe stunde später ein. sie reitet noch immer auf sentiment, sogenannter tugend und spießbürgerey herum, und wie weit bin ich unterdessen gekommen! Wir verstehen uns nicht mehr. sie scheint eine musterhafte frau zu seyn. ich gehe fast alle tage nach lichtenthal, esse manchmal bey den horrocks oder trinke Abends meinen thee mit ihnen und trachte so viel als möglich Anneliza, welche auf eine mir sehr bedenkliche Weise kränkelt, spatzieren zu führen, und bin dann ganz verliebter alter herr.
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„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ Tagebücher 1839–1858, Band I
Entnommen aus der FWF-E-Book-Library
Titel
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Untertitel
Tagebücher 1839–1858
Band
I
Autor
Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
Herausgeber
Franz Adlgasser
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2011
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 4.0
ISBN
978-3-205-78612-2
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
744
Schlagwörter
Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
Kategorie
Biographien

Inhaltsverzeichnis

  1. Vorwort (Ffritz Fellner) 9
  2. Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg (1813–1858) – eine Lebensskizze 11
  3. Überlieferung der tagebücher 37
  4. Editionsrichtlinien 41
  5. Tagebücher 1839–1847 43
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