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wenig gemacht, und diese wenigen sind fast bloß männerbekanntschaften.
unter meinen hiesigen landsleuten ist niemand, mit dem ich so eigentlich
liirt bin, und die russischen eleganten damen, deren eleganz eigentlich
(aprespris [sic] wie die der unsrigen) bloß im lärmen und Aufsehen machen
besteht, haben mich immer wenig angesprochen. Am meisten bin ich noch
mit esterhazy, mit Arnim, einem sohn der Bettina und legationssekretär
in carlsruhe, Blücher (der alte moritz Putbus ist auch hier) etc., und von
damen mit 2 holländerinnen, mad. garcia und ihrer schwester dlle van
oss, welche ich in böser Absicht kennen lernte, nun aber ganz guter freund
geworden bin. ich spiele beynahe gar nicht und besuche auch die Bälle im
conversationshause wenig.
dagegen bin ich viel bey den horrocks, sie wohnen in lichtenthal in
einem sehr hübschen cottage, welches herrn frommel, galleriedirektor
in carlsruhe gehört, er ist selbst maler, und ich sah bey ihm 2 herrliche
landschaften von lessing, seine frau sieht mir aus wie eine Pietistinn.
mama horrocks, clara und celia sind ganz die alten, ziemlich langweilig
und spießbürgerlich, besonders clara, dagegen ist Anneliza, in die ich so
quasi verliebt bin, eine charmante Person geworden, quite unenglish und
graziös in allen ihren Bewegungen, zum großen unterschiede von ihren
schwestern und überhaupt von fast allen engländerinnen, Anna maria ist
ein kolossal dicker vorlauter, spaßiger junger grasteufel, edgeworth ein
gutes kränkliches Bürschchen.
Augusta wohnt mit mann und kind hier in Baden in einem elenden
häuschen ganz am obersten ende der stadt, ihr mann hat sich den tag
nach meiner Ankunft auf einem spatziergange den fuß verstaucht und
kann nicht gehen, daher sehe ich auch sie sehr wenig, der Weg zu ihr ist
steil und schlecht. das will sagen: sie ennuyirt mich und zwar gründlich,
dieses ist der Ausgang unserer 10jährigen sentimentalen komödie, hüb-
scher ist sie auch nicht geworden, übrigens kann ich nicht läugnen, daß
mich bey unserm ersten Wiedersehen ein unendlich wehmüthiges gefühl
ergriff, über mich, über die vergänglichkeit aller dinge, und über die 12
Jahre, wohl die schönsten meines lebens, wenn auch nicht die reichsten,
welche, seit sie eine Rolle darin zu spielen anfing, verstrichen sind. Die
langeweile stellte sich erst um eine halbe stunde später ein. sie reitet noch
immer auf sentiment, sogenannter tugend und spießbürgerey herum, und
wie weit bin ich unterdessen gekommen! Wir verstehen uns nicht mehr. sie
scheint eine musterhafte frau zu seyn.
ich gehe fast alle tage nach lichtenthal, esse manchmal bey den horrocks
oder trinke Abends meinen thee mit ihnen und trachte so viel als möglich
Anneliza, welche auf eine mir sehr bedenkliche Weise kränkelt, spatzieren
zu führen, und bin dann ganz verliebter alter herr.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien