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Tagebücher704
[Baden-Baden] 9. August
ich habe die jetzige gelegenheit nicht vorübergehen lassen wollen, mich mit
den eigenthümern der Allgemeinen Zeitung über mein neues verhältniß zu
besprechen und einige nothwendige sicherheitsmaßregeln zu verabreden,
welche bey der täglichen verletzung des Postgeheimnisses in oesterreich
(wovon auch ich trotz aller vorsicht schon einige erfahrungen gemacht
habe) unerläßlich sind. ich hatte deßhalb schon einen Brief an cotta ange-
fangen, dachte aber dann, daß es besser und vorsichtiger seyn dürfte, dar-
über mündlich zu verhandeln. ich fuhr demnach am 4. Abends 8 uhr per
eisenbahn nach carlsruhe und von da um 10 mit dem eilwagen nach stutt-
gart, wo ich um 1/2 7 morgens ankam.
cotta war nicht da, doch sprach ich lange mit seinem Procuraführer roth.
obwohl mir dieser mehr geschäftsmann als Politiker schien, so wurde den-
noch das meiste zu meiner Zufriedenheit beendigt. den übrigen theil des
tages ennuyirte ich mich so ziemlich, da ich incognito bleiben wollte, und
zudem das Wetter schlecht war. tags darauf am 6. fuhr ich mit dem eilwa-
gen über Böblingen und calw nach Wildbad, wo wir um 3 uhr ankam[en],
eine superbe fahrt, meist hügel mit Wiesen, obstbäumen und Wald, we-
nig Ackerland, von calw an aber dichtester Wald mit den schönsten stäm-
men, die ich außer dänemark je sah. in Wildbad aß ich, sah mir die Bäder
an, ging ein Bischen spatzieren und setzte um 6 uhr zu fuße mit einem
führer (einem jungen metzgerssohn aus Wildbad) meine reise fort, nach 3
stunden starken marsches waren wir in herrenalb, wo ich in einem ärmli-
chen Wirthshause übernachtete. um 7 morgens gingen wir wieder aus, über
loffenau, gernsbach, an der ebersteinburg vorüber, durch das murgthal,
staufenberg etc. und waren nach 11 hier. die ganze fußparthie führte mich
durch die schönsten gegenden.
hier hat sich inzwischen die gesellschaft sehr geändert, esterhazy, Bathi-
any, festetics, Woronzoff, garcia etc. sind weg, eben so Arnim.
[Baden-Baden] 20. August
im nürnberger correspondenten und der oberpostamtszeitung stand neu-
lich ein Artikel, worin trotz der Widerrede der deutschen Zeitung behauptet
wird, ich sey wirklich von der Wiener Polizey vernommen worden, übrigens
sey es zwar richtig, daß ich den dienst verlassen habe, aber erst nachdem
ich das Buch geschrieben hatte. Was bedeutet dieß? Wäre der Artikel, sowie
auch die früheren, etwa von der regierung veranlaßt (wer sonst könnte das
faktum meiner vorladung wissen? ich sagte es niemand), um ein einschrei-
ten gegen mich zu rechtfertigen?
es beunruhigt mich, daß Jurany die Broschüre noch immer nicht einge-
schickt hat, heute läuft der termin ab, ich schrieb ihm neulich, immer in-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien