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Tagebücher708
Abend trieb mich die verzweiflung sogar – zum erstenmahle – ins theater,
wo man die stumme von Portici écorchirte, doch hielt ich es nicht lange aus.
Am 26. kam endlich zu meiner großen Beruhigung die Brochure von Ju-
rany, der seine verzögerung mit der unpäßlichkeit des censors marbach
entschuldigte, der andere censor, Professor Bülau, habe sie nämlich so un-
barmherzig gestrichen, daß er es vorzog, auf marbachs genesung zu warten.
dieser strich auch wirklich nur einige kraftausdrücke.1 Zugleich sandte mir
Jurany die 4 ersten Bogen der ständischen Aktenstücke von 1619. ich än-
derte demnach nun meine reisepläne, da es überflüssig war nach leipzig
zu gehen. Jedoch mußte ich meine tournée an den rhein so schnell als mög-
lich machen, um recht bald nach heinersreuth zu kommen. es ist nämlich
für den 20. dieses monats ein außerordentlicher bayerischer landtag ausge-
schrieben worden, so daß lerchenfeld wohl schon am 14. von hause abreisen
wird, und ich habe so manches mit ihm zu besprechen, daß ich nicht unter 8
tage bey ihm bleiben möchte.
Wäre dieß nicht gewesen, so wäre ich gerne noch länger in Baden geblie-
ben, wo ich mich sehr wohl befand, nur habe ich an der Bank etwas mehr
geld verloren, als mir angenehm ist.
ich nahm noch am letzten Abende einen sehr zärtlichen Abschied von mei-
ner lieben niedlichen Anneliza, die ich wohl kaum mehr sehen dürfte, denn
trotz der rede des Arztes, welcher nun voll hoffnungen für sie ist, habe ich
nur wenige. viel kühler war mein Abschied von Auguste und den übrigen
[horrocks].
samstag den 28. um 8 uhr früh fuhr ich beym schönsten Wetter fort und
war nach 11 in heidelberg. gervinus fand ich weder zuhause noch auf dem
redactionsbureau, bis nachmittag ihn zu erwarten hatte ich keine Zeit, und
so sprach ich denn lange mit seinem mitredacteur gustav höfken, ich schärfte
ihm besonders die ungarischen Angelegenheiten ein und schrieb zu diesem
ende auch noch auf dem Bureau einen langen Brief für gervinus, welchem
ich ein exemplar der bewußten Brochure beylegte. höfken schienen unsere
neuesten verwicklungen in italien am lebhaftesten zu interessiren, da bin
ich aber wieder ganz gouvernemental, indem unsere regierung bey der gan-
zen geschichte in ferrara in ihrem vollen rechte ist2 (ausgenommen die Be-
setzung der thore und der hauptwache, welches ich aber für einen Jugend-
1 Wilhelm Jurany an Andrian, leipzig 21.8.1847 (k. 114, umschlag 663): das streichen ei-
niger scharfer Ausdrücke wie „regierungsnachtwächter“ habe der schrift eher geholfen als
geschadet, „da dieselbe dadurch den charakter einer ruhigen leidenschaftslosen Polemik
erhält.“
2 österreich hatte im Juli 1847 seine Besatzung im päpstlichen ferrara massiv um 900
mann verstärkt und sich dabei auf die Bestimmungen des Wiener kongresses (in dem sein
Besatzungsrecht festgelegt war) berufen. dies führte zu Protesten von Papst Pius iX.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien