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September 1847
verfaßten) Artikel der gazzetta di milano gegen die gazzetta piemontese
vorlas, der nur den fehler hat, zu viel Animosität zu verrathen. hiernach
erscheint auch die Besetzung der Stadt ferrara vollkommen gerechtfertiget
und dem Wiener vertrage sowie der bisherigen observanz gemäß. mich är-
gern nur die hohlen Phrasen der liberalen skribler in ganz europa, welche
von der würdevollen haltung, dem männlichen schmerze der ferraresen
etc. [schreiben], die hundsfötter laufen alle vor einem nassen fetzen davon –
voilá la vérité. ficquelmont ist dem erzherzog rainer, dessen krauteselhaf-
tigkeit immer glänzender hervortritt, beygegeben, der könig von sardinien
scheint, den alten traditionen seines hauses treu, nach beyden seiten ein
falsches spiel spielen zu wollen.
nachher besuchte ich noch Amelie horrocks in ihrer neuen Behausung,
sie ging tags darauf nach Baden zu ihrer mutter. in Jügels Buchhandlung
kam mir endlich die französische übersetzung meines 2. theiles (jedoch
ohne die Beylagen) zu gesichte, und als specimen dieser übersetzung fand
ich gleich, als ich sie aufschlug, die Worte: ist kein stein da? folgendermaßen
übersetzt: n’yat-il pas là une pierre?1
Am nämlichen tage, den 2. Abends 8 uhr, verließ ich frankfurt in einem
horriblen taxis’schen eilwagen, war am morgen um 1/2 9 in Würzburg, wo
ich frühstückte und nach einer stunde nach Bamberg weiter fuhr. gegen 6
nachmittag kamen wir da an, und um 1/2 7 ging die eisenbahn nach culm-
bach, wo wir um 9 ankamen. hier aber gingen zahllose verwirrungen an.
ich hatte noch von coblenz aus an lerchenfeld geschrieben, ich würde an
diesem tage nach unter steinach kommen, wohin er mir also Pferde schik-
ken möchte, nun ging aber dieser Zug nur bis culmbach, d.i. eine station
vor untersteinach. da ich also dort keine Pferde von lerchenfeld fand, und
es schon spät am Abend war, beschloß ich Anfangs, in culmbach zu über-
nachten. dann aber besann ich mich, doch noch diesen Abend per eilwagen
bis untersteinach zu fahren in der hoffnung, vielleicht dort die Pferde zu
finden, nur durch die besondere Protection des Postexpeditors erhielt ich die
erlaubniß, an diesem orte, welcher keine Poststation ist, sammt meinem
gepäcke aussteigen zu dürfen. Bis 1/2 11 mußte ich dann in einem überfüll-
ten Bierhause zu culmbach auf den Abgang des eilwagens warten. um 11
kam ich also in untersteinach, einem elenden neste an, trommelte in dem
einzigen Wirthshause die leute aus den Betten, fand wieder keine Pferde
und mußte daher tant bien que mal meine nacht dort zubringen. tags dar-
auf regnete und blies es aus allen kräften, ein Wagen oder Pferde waren in
dem ganzen orte nicht zu finden, und so nahm ich denn einen menschen mit
1 gemeint ist der preußische reformer karl reichsfreiherr vom und zum stein (1757–1831),
daraus wird in der übersetzung ein stein (pierre).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien