Seite - 712 - in „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“ - Tagebücher 1839–1858, Band I
Bild der Seite - 712 -
Text der Seite - 712 -
Tagebücher712
schiebkarren für meine sachen und ging um 1/2 9 zu fuße ab, über stadt
steinach, Presseck, wo ich ein viertelstündchen ausruhte, und kam endlich
gegen 12 bis auf die haut durchnäßt hier an.
seitdem haben wir nicht einen ganz schönen tag gehabt, es ist plötzlich
herbst geworden, und wir heizen schon aus leibeskräften ein, ich hoffe, daß
dieß besser werden wird, wenn ich wieder in die ebene hinabkomme. Au-
guste ist nicht hier, sondern gustav, marie und lulla. ich fand hier eine
menge Briefe, Pakete, etc., von varnbüler, der mir endlich das versprochene
schickt, von cotta, welcher mir wieder eine menge übertriebener Artigkei-
ten sagt, von gervinus, welcher mir demnächst einen Aufsatz über die Bro-
schüre wegen ungarn verspricht, von flore, die sich mit der khevenhüller
versöhnt hat, etc.
ich habe von hier aus bereits einen Artikel an kolb geschickt, worin ich
eben von jener Brochure Anlaß nehme, alle die bewußten und versproche-
nen Protestationen hinsichtlich der ungarischen Allianz zu wiederholen, was
jetzt, wo die comitate zum Behufe der Wahlen und instructionen baldigst
zusammentreten dürften, gerade sehr nothwendig war. hiermit glaube ich
dann, daß von unserer seite Alles geschehen ist, was die ungarischen libe-
ralen von uns begehrt haben.
ich werde am 11. mit den lerchenfelds ab- und nach Bamberg fahren, den
12. dort bleiben und von da über nürnberg nach regensburg und per dampf-
schiff weiter gehen. von Passau aus denke ich, am 14., einen Abstecher von
24 stunden nach neuhaus, und von linz aus, wenn das Wetter gut ist, einen
detto von 2–3 tagen nach ischl zu machen, so daß ich zwischen 16. und 19.
in Wien seyn werde. ich kann sagen, daß ich schon einige ungeduld in mir
verspüre zu erfahren, was dort inzwischen vorgefallen ist.
daß ich kuranda nicht sprechen konnte, thut mir leid, es wäre in man-
cher Beziehung sehr gut gewesen. Auch kann ich mir nicht erklären, warum
er, der doch den Wunsch einer Zusammenkunft zuerst aufs tapet brachte,
mir dann nicht nach köln schrieb.
das leben, welches ich hier führe, ist sehr einfach, aber recht angenehm.
marie und lulla sind beyde sehr liebenswürdig und gebildet, lulla ist voll
lebhaftigkeit und Witz, und beyde von einem stets gleichen freundlichen an-
genehmen humor. gustav ist ein ernster, wissenschaftlicher mann, welcher
die Politik mit wahrer leidenschaft treibt, mit einem ernste, einer gewis-
senhaftigkeit und einem Pflichtgefühle, welches man heutzutage wirklich
kaum mehr erwartet, es ist ein wahrer cato, wir sprechen sehr viel über re-
ligion, Philosophie, Politik etc., und überall finde ich denselben doctrinairen
aber tief moralischen und unerschütterlichen gesichtspunkt vorherrschend,
er scheint mir mehr theoretiker als Welt- und staatsmann, daher in der op-
position vortrefflich.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien