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September 1847
Wir machen fußpromenaden, so oft das Wetter es erlaubt, heute waren
wir auf der ruine Wildenstein und von da in grafengehaig, wo ein fabri-
kant, müller, an 400 Webstühle beschäftigt (jedoch in ihren eigenen häu-
sern) und Baumwollenzeuge um spottpreise nach indien und Amerika, z.B.
paños für die indianer, neger etc. verschickt.
neuhaus 15. september
der letzte tag, den wir in heinersreuth zubrachten, war der einzige ganz
schöne und warme, wir benützten ihn zu einer herrlichen fußpromenade
nach schwarzenstein. tags darauf, am 11., fuhren wir alle zusammen nach
dem frühstücke fort und waren nach 11 in culmbach, wo uns graf giech,
der bekannte ehemalige Präsident in Ansbach, erwartete, wir gingen alle
miteinander auf die schöne Plassenburg, die einstige residenz der mark-
grafen, jetzt strafarbeitshaus für die Protestanten in Bayern. von da aus
schleppte uns giech in der sonnenhitze nach einem angeblichen „Plätzchen“,
welches er aber trotz langen suchens nicht fand. Wir sprachen viel über oe-
sterreich etc., und wie gustav mir nachher sagte, hatte er schon lange meine
Bekanntschaft machen wollen.
nach eingenommenem mittagessen fuhren wir per eisenbahn nach Bam-
berg, wo wir um 1/2 6 ankamen und Pfeuffer’s, horneck’s etc. im Bahnhofe
fanden. gustav und ich ließen sie mit den damen und gingen in eine Buch-
handlung, rudharts geschichte der bayerischen landstände zu suchen,1 je-
doch umsonst.
ich wohnte bey gustav und blieb noch am 12., sonntag, dort, eine sehr an-
genehme Zeit. sonntag nachmittag waren wir mit horneck’s, Buseck’s etc.
in Berg, wo ein von einem Bamberger nach einem selbsterfundenen Prinzip
gebautes dampfboot seine Probefahrt machte, etc. Abends waren wir bey
Pfeuffer’s etc. ich könnte nicht leicht ein angenehmeres familienleben nen-
nen als das bey lerchenfelds.
lola2 ist gräfinn landsfeld geworden und hat eine blaßrothe rose im
Wappen, jetzt soll sie theresiendame werden, ihre impertinenzen gegen alle
Welt nehmen immer zu, und schande genug, es finden sich leute in menge,
und darunter mancher alte Adel, der ihr den hof macht. ein könig kann
doch heutzutage noch mehr als ich glaubte, und dieses ist die ernste politi-
sche seite bey der sache.
der landtag, den der könig klugerweise nicht selbst eröffnet, sondern die
ganze Zeit in Aschaffenburg bleibt, wird allem Anscheine nach kaum 3–4
Wochen dauern und sich bloß mit der eisenbahnfrage beschäftigen, jedoch
1 ignaz rudhart, die geschichte der landstände in Bayern (heidelberg 1816).
2 lola montez, die geliebte könig ludwig i. v. Bayern.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien