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werden pour la forme, und um das Prinzip zu retten, noch einige andere un-
bedeutende Anträge gestellt werden. gustav ist mit vorarbeiten, correspon-
denz etc. sehr beschäftigt, er scheint wirklich das Zentrum und der rührig-
ste der opposition in Bayern zu seyn, ich habe manches interessante bey
ihm gesehen und gehört.
mein Aufsatz steht schon in der Allgemeinen Zeitung, worüber ich sehr
erfreut bin,1 und hier in neuhaus fand ich einen Brief von kolb, worin er
mich unter andern bittet, den ungarn den kopf nicht noch mehr zu verrük-
ken, als dieß ohnehin schon der fall sey.
die steyermärkischen stände haben auf öffentlichkeit der gerichte an-
getragen, ich schrieb von Bamberg an frank, um ihm darüber zu gratuli-
ren und mir nähere détails nach Wien zu erbitten, meine stellung macht
sich mit jedem tage mehr, wozu auch diese meine gegenwärtige reise nicht
wenig beygetragen haben dürfte, die allgemeine theilnahme und Aufmerk-
samkeit auf mich finde ich allenthalben und weit verbreiteter als ich gedacht
hätte, und wäre meine eitelkeit in diesem Punkte größer, so würde sie bey
jedem schritte Befriedigung finden. Auch meine verbindungen wachsen mit
jedem tage, kurz ich bin ganz nahe daran, was man einen berühmten mann
nennt, zu werden, aber mein sinn steht nicht mehr darnach, sondern nach
einfluß und macht.
Am 13. früh 9 uhr verabschiedete ich mich, sehr ungern, von marie und
lulla lerchenfeld und ging mit gustav zur eisenbahn, er fuhr um 9 zu ro-
tenhan nach rentweinsdorf, ich um 1/2 10 nach nürnberg, um 3 fuhr ich von
da weiter im eilwagen nach regensburg, wo ich um 1/2 4 morgens ankam
und gleich aufs dampfboot ging. dieses sollte um 5 abgehen, mußte aber
zu meinem Ärger des nebels wegen bis 1/2 9 warten, um 1/2 5 waren wir in
Passau, wo ich eduards Pferde fand, er selbst hat sich kürzlich durch einen
sturz das schlüsselbein gebrochen. hier ist große gesellschaft: ferdinand
[Andrian] sammt gattinn und malchen, louise hornberg, ernst (ein dick-
köpfiger tölpelhafter katholischer Pfaffe), frau v. grauvogel, gräfin Joner,
eduard und flora crailsheim, 2 junge dürich etc. Also sehr lebhaft und lär-
mend.
die idee nach ischel zu gehen habe ich bey der unsicherheit wegen der
nebel und dem langen (10stündigen) fahren von linz bis hin aufgegeben,
und denke morgen nach linz und daher am 17. wo nicht am 18. nach Wien
zu kommen.
1 Allgemeine Zeitung v. 11.9.1847, 2031f., datiert Wien 6. September; es handelt sich um eine
Besprechung von karl moerings anonym erschienener schrift guter rath für oesterreich.
mit Bezugnahme auf das Programm der liberalen Partei in ungarn (leipzig 1847).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien