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September 1847
Wien 23. september
Am 16. vormittag nahm ich von den Bewohnern von neuhaus feyerlichst
Abschied und fuhr auf einem kleinen kahne den inn hinab (eine sehr schöne
und angenehme fahrt) in einer stunde nach Passau, da vernahm ich aber zu
meinem großen verdrusse, daß gerade heute zum ersten male kein dampf-
schiff ging – was war zu thun? ich aß im gasthofe und fuhr um 3 per eilwa-
gen wieder nach neuhaus zurück, ließ meine sachen gleich nach schärding
hinübertragen, visitiren etc., und ging dann wieder nach neuhaus zurück
und ins schloß, wo ich mit großem hohngelächter empfangen wurde. Zum
glücke war denselben Abend großer Ball und maskerade der kinder, wel-
ches bis gegen 1 uhr währte, so daß mir die nacht schnell verging, wir, d.h.
eduard, lenchen, crailsheim und ich saßen dann noch bis 2 beysammen,
worauf ich mich empfahl und nach schärding hinüber ging. gegen 3 kam
der eilwagen, und nach einer sehr langweiligen fahrt war ich gegen 1 uhr
mittags in linz. dort ennuyirte ich mich weidlich, sah niemand Bekannten,
zu skrbensky wollte ich nicht gehen, und ging des Abends aus verzweiflung
ins theater.
samstag den 18. fuhr ich bey superbem Wetter nach Wien, fand mehrere
Bekannte: franz huniady, Philippsberg etc. auf dem dampfschiffe und war
um 1/2 4 in meiner Wohnung.
hier kam ich mitten in eine heillose verwirrung. die Börse war in einem
Zustande von halbem Wahnsinn, denn kübeck hatte am selben tage (man
sagt auf Befehl des fürst metternich) erklärt, er könne bey den gegenwärti-
gen conjuncturen keinerley industriepapiere kaufen. da er nun bisher wie-
derholt und feyerlich versichert hatte, er werde solche Papiere ohne alle Be-
schränkung immer um einen bestimmten Preis nehmen, so kann man sich
die Bestürzung denken. in der nacht beriethen rothschild, sina und eskeles
und gingen tags darauf zu metternich und kolowrat, stellten ihnen die fol-
gen dieses schrittes vor, wie dadurch ein run auf die sparkasse (die 5 mil-
lionen in solchen Actien habe) und die Bank entstehen werde, drohten von
dem Anleihen zurückzutreten etc., und bewirkten so die Zurücknahme des
verbots, worauf kübeck binnen 24 stunden gleich 10 millionen fl solcher Pa-
piere aufgedrungen wurden. die Aufregung dauert aber noch fort, gedruckte
maueranschläge mit todesdrohungen gegen kübeck wurden angeheftet,
und dieser soll wegen der zweymaligen compromittirung, in die er binnen
24 stunden versetzt wurde, seine entlassung begehrt haben, was übrigens
wohl nur komödie ist. Aber in einem kläglichen lichte haben sich wieder so-
wohl unsere finanzen als die Art, wie man bey uns regiert, gezeigt, und man
sagt allgemein, daß kübeck, um diesen forcirten einkäufen genügen zu kön-
nen, das Anlehen dieses Winters um 20–25 millionen hat erweitern müssen!
daß solche opfer jetzt der masse der contribuenten aufgedrungen werden,
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien