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Tagebücher716
um ein dutzend stockjobbers zu retten, macht einen schlimmen eindruck,
besonders da trotz der ernte das Brod nicht wohlfeiler werden will.
in italien geht es immer toller, in mailand hat es 2 ziemlich bedeutende
emeuten gegeben, aus venedig mußte canino, der hanswurst, weggewiesen
werden, wie sich diese dinge noch entwickeln werden, ist unmöglich vor-
auszusehen, jedenfalls können sie unsere krisis nur beschleunigen. es sieht
hier jämmerlich aus, die allgemeine débacle fängt schon an. das nächste
Jahr wird manches bringen.
ein gewichtiges loos wird in diesen tagen fallen, die böhmischen stände
haben am 30. vorigen monats die ihnen abermals und peremtorisch ange-
sonnenen 50.000 fl wieder verweigert. die sitzung soll voll erhebender mo-
mente gewesen seyn, namentlich als salm sich beykommen ließ, mit der
Allerhöchsten ungnade zu drohen.1 Alles war nun gespannt, wie die regie-
rung antworten würde, vor 3 tagen ist nun diese Antwort erfolgt, d.h. sie
ist vom cabinet herab, und ich habe sie erfahren und sogleich an f. deym
mitgetheilt, wieder begehrt, mit Zwang, drohung und execution! Weigern
sich die stände, so sollen die regierungsbehörden die steuern mit gewalt
einheben. inzwischen sind die am 1. november verfallenden steuern noch
nicht bewilligt. die krisis steht also vor der thür. meine Ansicht, die ich
auch deym mittheilte, ist eine vermittlung zu versuchen, indem man die
laufende steuer bewilligt und die 50.000 fl in der schwebe läßt, geht dieß
nicht, dann passiver Widerstand und energische Protestation mit hinblick
auf die Bundesakte, welcher Protestation dann alle andern Provinzialstände
beytreten müssen. ich erwarte den Ausgang mit spannung.
An kolb habe ich heute 2 Artikel geschickt: einen über die böhmischen
Angelegenheiten und einen über den letzten steyerischen landtag, worüber
ich von franckh einen ausführlichen Bericht erhalten habe.2 in ungarn hält
erzherzog stephan seinen triumphzug, schwadronnirt, spielt den ultrali-
beralen und versteht kein Wort deutsch mehr. meine Allianzidee wird im-
mer populärer, kurz, die mine ist geladen, die Wahlen geschehen, über deren
ergebniß muthmaßt jetzt noch Jedermann anders. e. Bethlen, der wieder
eine Augenentzündung hat, will ein Promemoria für sämmtliche landtags-
mitglieder schreiben, worin diese bey dem jetzigen drohenden Zustande der
monarchie aufgefordert werden, eine versammlung von notabeln in Wien
aus allen, auch den ungarischen Provinzen zu beantragen, meiner Ansicht
1 Zur streichung des steueraufschlags von 50.000 gulden durch die böhmischen stände
siehe eintrag v. 27.6.1847. der stellvertretende oberstburggraf robert salm-reifferscheidt
erklärte in dieser sitzung, „seine majestät habe bisher als ein guter vater geredet, als va-
ter gewarnt; man solle sich hüten, die Sache auf den Punkt zu treiben, daß das Befremden
des vaters sich in die ungnade des herrn verwandelt.“
2 die Artikel erschienen beide in der Allgemeinen Zeitung v. 29.9.1847, Beilage 2171f.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien