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Oktober 1847
bereits erwähnten anti-ständischen Aufsatz in jener Zeitung1 habe ich ihm
zukommen lassen, mein letzter Artikel über die neuesten vorgänge in Böh-
men ist jedoch noch nicht erschienen!2
deym hat mir auf meine neuliche epistel ausführlich geantwortet, er
bleibt bey seiner meinung, weil er seine landsleute eines energischen und
einstimmigen schrittes noch nicht für fähig hält. dann aber, meine ich, hät-
ten sie nicht einen solchen lärm schlagen sollen (freylich gibt es auch noch
in der Ausführung eine menge büreaukratischer schwierigkeiten,a übrigens
sagt er, liege ihm nichts daran, die Böhmen in einem vortheilhaften lichte
erscheinen zu lassen: wenn nur über die sache im Auslande, in ungarn und
in den nachbarprovinzen möglichst viel lärm gemacht werde, so mögen sei-
netwegen die böhmischen stände als schwächlinge, inconsequente leute
etc. ausgeschrieen werden. das ist meiner meinung nach ein gefährliches
spiel, und ich fürchte, daß die stände aus dieser geschichte nicht stärker
noch geachteter hervorgehen werden. die sache des fortschrittes im All-
gemeinen wird aber allerdings nicht verlieren. überhaupt hat deym und
viele der avancirtesten Böhmen mit ihm eine mir sehr bedenkliche tendenz,
nähmlich: zur Auflösung des ständischen institutes zu drängen in der hoff-
nung, es müsse dann etwas besseres nachkommen, ich aber wäre weit eher
für eine organische fortbildung desselben.
gleich am tage nachdem ich den Brief an deym abgeschickt hatte, sah
ich carlos Auersperg auf seiner durchreise, dessen genauere détails über
jene vorgänge mich in der Ansicht, welche ich gegen deym und nostitz aus-
gesprochen hatte, allerdings etwas zweifelhaft machten. salm hat nämlich
mit ganz besondern dévouement die verantwortlichkeit ausschließlich auf
sich genommen, und ohne die regierung zu compromittiren lediglich in sei-
ner eigenschaft als ständechef die Ausschreibung der steuer befohlen. die
regierung ihrerseits hat den unwürdigen kunstgriff gebraucht, die vorlage
der landtagsschrift vom 31. August durch die landesfürstlichen commis-
saire geflissentlich verzögern zu lassen und dann zu thun, als ob sie von dem
ganzen inhalte derselben noch nichts wisse und daher stringente tempore
einstweilen die gesammte steuersumme ausschreiben lassen müsse, so kann
denn von einer Protestation etc. wider die Regierung vorerst allerdings noch
nicht die rede seyn, indem dieselbe bisher noch nicht als illegal erscheint,
sondern nur davon, salm zur verantwortung zu ziehen, worauf sich dann
das Weitere finden wird. dessenungeachtet aber wäre, meiner Ansicht nach,
1 vgl. eintrag v. 7.10.1847.
2 der Artikel erschien in der Allgemeinen Zeitung v. 16.10.1847, 2311: die böhmischen
stände. Prag, 6. oktober.
a die klammer schließt nicht.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien