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sich alle tage, indem nun schon eine menge comitate übergesprungen sind.
soviel scheint aber doch gesagt werden zu können, daß die opposition bey
den ständen eine schwache mehrheit haben, bey den magnaten aber (wozu
die regierung wahre Proletarierpairs requirirt hat) in der minorität bleiben
wird, vielleicht die Administratorenfrage ausgenommen, wo viele magnaten
persönlich verletzt worden sind. übrigens hat sich schon eine Partey gebil-
det, welcher die königlichen Propositionen, besonders in der Aviticitaet, Ab-
lösung etc. viel zu weit gehen. im ganzen läßt sich daher über den gang des
landtags noch wenig prophezeyen, die steuerfrage aber wird wahrscheinlich
durchfallen, weil niemanden, der stark begütert ist, ernst damit ist.1 louis
Batthyány möchte die opposition despotisch beherrschen und wird sich da-
mit wahrscheinlich den hals brechen, bey ihm ist nichts Anderes als Persön-
lichkeit und haß gegen Apponyi.
daß meine Anwesenheit in Presburg Aufsehen erregte, und ich dort eine
Art von personnage war, ist natürlich, und ich kann sagen, daß ich nament-
lich von der opposition, herrn und damen (denn dort treibt alles Politik,
und unsere landtage etc. nehmen sich gegen diese allgemeine Aufregung
und theilnahme gar misérabel aus), sehr fetirt wurde, die ersten notabili-
täten ließen sich mir vorstellen etc. erzherzog stephan lud mich auf seinen
großen Ball, womit er am 18. sein haus eröffnete, und wo auch der kaiser
erschien, und unterhielt sich sehr lange (sogar wie mir schien mit einer ge-
wissen Affectation) mit mir, und zwar über politische gegenstände, wobey
ich ganz unumwunden ihm meine meinung sagte.
ich war im Wirthshause abgestiegen, mußte aber dann zu edmund Zichy
auf sein Begehren ziehen und amusirte mich da sehr mit seinem täglichen
höchst mannigfaltigen morgenrapport als Polizeychef und oberststallmei-
ster, ein mahl aß ich im oppositionscasino, besuchte aber auch das conserva-
tive casino und hielt mich überhaupt möglichst neutral, wohnte einer reg-
nicolarsitzung bey. Abends war ich bey Aspasie esterhazy im casino und
einmal auf einem rout bey emmanuel Zichy, besuchte caroline károly, die
mich sehr freundlich empfing, und wanderte dann zu fuße mit charlotte,
emmanuel und otto Zichy und georges karoly zurück etc., kurz die paar
tage waren sehr angenehm, und ich nahm mir vor, öfters diesen Ausflug zu
wiederholen.
neulich besuchte ich meinen alten freund daiser, welchen ich seit fast
einem Jahre nicht gesehen habe, wir sprachen von den wunderlichen Zeit-
läuften, diese alten diplomaten aus unserer schule sind aber sammt und
1 Am Programm des landtags standen – wie schon in den vorhergehenden – eine Änderung
des feudalen erbrechts (Avitizität) und die Aufhebung des Privilegs der steuerfreiheit des
adeligen grundbesitzes.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien