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Tagebücher732
besonders von Pázmándy und szentkiralyi erwähnt, in der Adresse selbst
nur äußerst leise, obwohl ich noch nach meiner rückkehr von Pressburg
und einer langen unterredung mit doblhoff durch e. Bethlen dahin schrei-
ben ließ, daß wenn in der Adresse eine kräftige demonstration zu unseren
gunsten geschehen sollte, von seite der hiesigen stände bey ihrer nächsten
versammlung eine ebenso kräftige gegendemonstration erfolgen würde, ich
selbst wollte eine solche Zusage directe nicht geben. lazzi teleki hat nun
Bethlen geantwortet, daß die oppositionelle mehrheit zu schwach und bis
zum letzten momente zu schwankend war, um eine energischere sprache
zuzulassen. ich bin also nur halb befriedigt, übrigens fängt morgen dieselbe
débatte bey den magnaten an, und es wird im verlaufe der verhandlungen
gelegenheit genug geben, um diesen gegenstand von neuem aufs tapet zu
bringen.
sonst ist für uns bis nun interessant, daß der ungarische landtag die
steuerpflicht des Adels im Princip ausgesprochen und seinen Willen, zur
domesticalsteuer und für eine neu zu errichtende landescassa zu contribui-
ren, erklärt hat, das Weitere steht nun noch bevor. Auch die débatten über
censur und Preßfreyheit (zu welchem Behufe ein comité ernannt wurde)
waren für uns von hoher Wichtigkeit, indem sogar die regierungspartey die
unhaltbarkeit der censur anerkannte, und hier, 2 stunden von Pressburg,
behauptet die regierung das gerade gegentheil! dieser umstand muß von
unsern ständen exploitirt werden.
ich erhalte von tóth ziemlich regelmäßige landtagsberichte, womit ich
übrigens bis jetzt nicht ganz zufrieden bin, da sie zu rhapsodisch sind, doch
hoffe ich, daß meine ihm darüber gemachten Bemerkungen fruchten werden.
doblhoff ist zum eisenbahnkongresse nach hamburg,1 ich gab ihm Briefe
an Campe, Kuranda, der mir in letzterer Zeit 2mal geschrieben hat, etc. mit;
in wenig tagen kömmt er zurück, da werde ich neues hören.
Auguste horrocks schrieb mir dieser tage, ihre übersetzung, wovon ich
manches gute erwarte, wird bald fertig seyn, sie verlangte einige Aufklärun-
gen, die ihr unverständlich waren.2
die bayerische kammer hat, was man sagt, eine sau aufgehoben, d.h. sie
ist unverrichteter dinge auseinander gegangen. die reichsräthe bestanden
auf der Anleihe durch die Bank, die Abgeordneten auf der entgegengesetzten
Ansicht, solche vorgänge können dem Ansehen des konstitutionellen We-
sens nur schaden. daher die grundlage alles fortschritts ist die intelligenz,
in Bayern aber steht diese kaum höher als bey uns. in der schweiz ist der
1 der deutsche eisenbahnkongress in hamburg wurde am 29.11.1847 eröffnet.
2 Auguste horrocks arbeitete an einer übersetzung von oesterreich und dessen Zukunft ins
englische, vgl. einträge v. 20.8. u. 23.9.1847.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien