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Tagebücher734
und bange wurde. Zum glücke ist sie nun mit hinterlassung von Bouquets,
geldbeuteln, Aquarellen etc. nach Paris abgereist.
[Wien] 17. december
meine finanziellen verhältnisse sind so zerrüttet als nur möglich. spangher,
mein Bevollmächtigter in görz, hat mir durch einen ungeschickten dienst-
eifer sehr geschadet, und in letzter Zeit mochte ich beynahe verdacht schöp-
fen, kann mich aber ihm gegenüber noch nicht recht dazu entschließen.
nachdem er einen im vergleiche zu den jetzigen Anbothen ziemlich vortheil-
haften Preis, den man am 3. licitationstage erzielen konnte, dadurch ver-
eitelt, daß er das gut für mich erstand, schrieb er mir nun am 5., daß die
kauflustigen, mit denen er unterhandelt habe und die sich das gut besich-
tiget hätten, nun plötzlich zurückträten oder weit geringere Preise als jenes
Anboth war antrügen, indem sie vorgeben, das gut sey so sehr deteriorirt,
Alles in einem so schlechten Zustande, daß man ein bedeutendes kapital von
allem Anfang hineinstecken müßte. der beste Antrag, welcher unter diesen
(wahren oder erdichteten?) umständen zu erlangen war, ist noch um viele
tausend fl unter jenem, welchen ich noch am 8. november erhalten hätte,
wäre nicht spangher so ungeschickt dazwischengetreten. spangher schrieb
mir also dieß Alles am 5., meinte aber zugleich, ich sollte diesen Antrag nicht
annehmen, er wolle noch weiter sich umsehen etc. Acht tage darauf schreibt
er mir nun wieder und macht mir unter einer menge schöner Phrasen in sei-
nem eigenen nahmen ganz denselben Antrag, welchen er acht tage früher
als unannehmbar erklärte, und zwar ohne sich zu überzeugen, ob jene vor-
gebliche deteriorirung wahr und auch in dem maaße wahr sey, oder nicht?
Was soll ich davon denken? und leider muß ich verkaufen, und zwar jetzt
gleich verkaufen. der bedeutende verlust, den ich hierbey erleiden werde,
bringt meine verhältnisse noch mehr in unordnung, so zwar daß ich nun
allen ernstes darauf bedacht seyn muß, einen Ausweg aus dieser verlegen-
heit zu finden, welche zwar keine momentane ist, aber in einer sehr nahen
Zukunft mich vis-à-vis de rien zu setzen droht. dieser einzige sichere Aus-
weg ist eine heirath, und so sehr mir diese idee an sich und mehr noch die
einer geldheirath seit jeher repugnirte, so habe ich jetzt doch die absolute
nothwendigkeit eingesehen, mich mit derselben zu familiarisiren. Wüßte ich
ein anderes nur halbweges genügendes Auskunftsmittel, ich würde es weit
lieber ergreifen.
in 8–10 tagen gehe ich nach venedig, um 5–6 Wochen dort zuzubringen,
will aber noch vor ende des faschings wieder hier seyn, ich will die hiesige
damengesellschaft nicht mehr so vernachlässigen, als ich es in den letzten
Jahren gethan habe, oder vielmehr ich will jetzt den versuch machen, ob
denn unseren eleganten frauen kein interesse für unsere sache beyzubrin-
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien