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Dezember 1847
gen sey, solange sich die Weiber nicht um uns bekümmern, solange die Po-
litik nicht mode wird, wird es immer schlecht mit uns aussehen. übrigens
ist seit einiger Zeit in dieser Beziehung ohnehin schon manches geschehen,
schon dadurch, daß ich als verkörperte opposition unter ihnen herumgehe,
in Prag besonders sollen die Weiber des teufels seyn, nur hier grassiren
noch scholz, nestroy und lato Wrbna.
mit diesem letzteren hatte ich neulich bey edmund Zichy (dessen mutter
eben gestorben ist, daher er mehrere Abende zu hause war) eine sehr heftige
rencontre, ich äußerte mich nämlich geringschätzig über fürst metternich
und seine Politik, worüber er, der überhaupt jetzt wegen des traurigen en-
des der schweizerhelden in einer fortwährenden exasperation ist und schon
durch die vorhergegangene discussion mit mir erbittert war, plötzlich mit
einer solchen Wuth über mich herfiel, daß ihm förmlich der Athem ausblieb:
ich sey bloß disgustirt, denn ich hätte vor Zeiten bey fürst metternich um
eine Anstellung gebettelt, und mein ganzes Auftreten komme nur von per-
sönlichen ursachen her etc. ich replicirte kalt und scharf, ja höhnend, be-
hielt also die oberhand, denn wo er Widerstand merkt, zieht er, der nur ge-
gen schwache und furchtsame insolent ist, zurück. doch lassen dergleichen
heftige Auftritte bey mir immer eine unangenehme nachwirkung zurück, da
ich immer fürchte, nicht genug gesagt zu haben, obwol ich es gerade in die-
sem falle und aus dieser veranlassung nicht zum Äußersten treiben wollte,
wegen des eclats, übrigens wird dieser mensch, den man nur mehr die cas-
sandra des casinos nennt, täglich unangenehmer, wir weichen uns gegensei-
tig aus, und ich besonders vermeide möglichst jede discussion mit ihm.
die conferenzen in neufchâtel wegen der schweiz sollen nun doch
eintreten,1 aprés coup, meiner Ansicht nach höchst ungeschickt, überhaupt
halte ich die enorme Wichtigkeit, die man dieser sache beylegt, für ganz un-
motivirt. das formelle recht wenigstens kann nach meiner Ansicht der tag-
satzung2 durchaus nicht abgesprochen werden, und so sollte man die leute
sich selbst überlassen.
nach italien marschiren ganze massen von truppen, die 5. divisionen der
italienischen regimenter werden errichtet etc., wozu das? und wohin sollen
wir mit unsern finanzen kommen? in Polen und schlesien herrscht noth
und Aufregung, mit franz stadion scheint man höchsten orts auch nicht
recht zufrieden zu seyn. in Böhmen hat man auf allerhöchsten Befehl lam-
1 Zu den Versuchen der Großmächte, den Konflikt auf einer internationalen Konferenz zu
lösen, und deren Ablehnung durch die eidgenossenschaft, vor allem nach der militärischen
entscheidung, vgl. edgar Bonjour, geschichte der schweizerischen neutralität. vier Jahr-
hunderte eidgenössische Außenpolitik. Bd. 1 (Basel 21965) 294–304.
2 das schweizerische Bundesparlament.
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien