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berg wegen seiner motion auf censurmilderung eine rüge ertheilt! (wäh-
rend in Presburg dieselbe regierung die censur quasi fallen läßt) und zu-
gleich ganz verfassungswidrige Beschränkungen in der discussionsfreyheit
eingeführt, kurz Alles geht schlechter denn jemals. doblhoff ist aus ham-
burg zurück gekommen, geladener als je, und die hiesigen stände bereiten
energische schritte für ihre nächste versammlung vor: eine vollständige re-
admittirung des 4. standes zu allen Berathungen, und dann, was ich schon
im vorigen Jahre wollte, eine förmliche declaration des droits mit hinsicht
auf die böhmischen und ungarischen vorgänge.
Meine Politik ist jetzt nicht mehr auf vorstellungen und überzeugung ge-
richtet: die männer des systems wollen nicht überzeugt seyn, denn sie sind
gewissenlos, und es liegt ihnen nichts am heile der monarchie, was wir also
anstreben müssen, ist der sturz dieser männer und dieses systems. daher
krieg mit allen Waffen, besonders aber durch untergrabung des öffentlichen
kredites und Aufdeckung des Abgrundes der finanzen. Auch für veröffent-
lichung muß vor Allem gesorgt werden, und dazu hat doblhoff im Auslande
manches nützliche verabredet.
das 2. heft der Aktenstücke (böhmisches) ist erschienen, nächstens er-
scheint das 3. ebenfalls bohemica, und für das 4. prepariren wir eben das
material.1
die Adreßdebatten bey den magnaten waren heftiger, interessanter, und
unsere Angelegenheiten kamen dabey noch weit mehr aufs tapet, als bey
den ständen. louis Batthyány, mischka esterházy etc. sprachen sehr stark
darüber, und emil deseöffy wollte sie widerlegen, that es aber so unge-
schickt, daß er uns den besten dienst leistete. diese reden habe ich im Aus-
zuge an kolb geschickt, zweifle aber, ob sie erscheinen werden, denn man
hat der Allgemeinen Zeitung in letzter Zeit mit verboth gedroht! Also auch
das noch! das wäre ein harter schlag.
übrigens werden die kämpfe in Presburg immer bitterer und persön-
licher, die gehoffte mäßigung verschwindet täglich mehr, gestern war ein
furchtbarer excess, wo man die hauptwache stürmen wollte, um einen
wegen grober Beleidigung einer schildwache arretirten Juraten zu be-
freyen. edmund Zichy kam heute morgens hier an, frühstückte bey mir
und erzählte mir den hergang, auch er wurde insultirt. kossuth und mucki
Waldstein sind hart aneinander gerathen, und ersterer hat ein duell aus-
geschlagen – garstige geschichten. – –
hier ist die rede von einer Adresse an den landtag als erwiderung der
von ihm ausgesprochenen sympathieen für uns. doblhoff war heute bey mir,
1 historische Actenstücke über das ständewesen in oesterreich. 6 hefte (leipzig 1847–
1848).
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien