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Dezember 1847
um mit mir darüber zu sprechen, ich bin nicht einverstanden, habe aber
noch keine bestimmte Antwort gegeben.
münchhausen war ein paar tage hier und ging nach italien, ein wunder-
licher origineller kauz. Jetzt ist Alexander troubetzkoi hier, wo die ganze
familie, darunter ein paar superbe schwestern, oustinoff und ribeaupierre,
versammelt sind, die mutter liegt krank am mutterkrebs und wird wohl
kaum lebendig Wien verlassen, ich sehe sie ziemlich viel.
das neue carlstheater in der leopoldstadt ist vor kurzem eröffnet wor-
den, neulich war ich mit flore, gabrielle und louise Praschma draußen. das
Wetter war bisher immer sehr mild, vor etlichen tagen hatten wir einen so
dichten nebel, daß man sich hier eines ähnlichen nicht erinnert, seit 3 tagen
ist es nun grimmig kalt, trocken und schön. schnee ist noch nicht gefallen.
[Wien] 24. dezember
nichts neues als der tod marie louisens, der die complicationen noch mehr
vermehrt. morgen Abend reise ich ab, mit etwas heitereren Aussichten hin-
sichtlich meiner geschäfte, aber doch immer schlecht genug. in grätz will
ich einen tag bleiben und habe mir die patres patriae bestellt, und nach
triest eine menge geschäftsleute. An varnbüler habe ich eine lange epistel
abgesendet über unsere Zustände und den Beystand, den uns deutschland
leisten sollte, dazu schloß ich material über die hiesige gewerbsgesetzge-
bung, wie er es wünschte etc. Auch an deym habe ich wegen der Adresse an
die ungarn (recte an louis Batthyány) geschrieben etc., kurz ich habe red-
lich mein haus bestellt und fahre nun zwar ungern jedoch ziemlich beruhigt
ab, pour chercher aventure und meinen Beutel in obacht zu nehmen.
venedig 31. december 1847
Am Weihnachtstage den 25. dieses monats Abends 7 uhr verließ ich Wien
und fuhr bey mäßiger kälte aber starkem schnee über den semmering, um
7 uhr war ich in grätz. Als ich noch beym frühstück war, kam frank und
bald nach ihm carl mandell. ich ging dann mit frank zu herrn v. kalch-
berg ins Bureau und fand in ihm noch weit mehr als ich erwartet hatte, ei-
nen durch und durch gebildeten, energischen politischen kopf, wir sprachen
mehrere stunden lang über die allgemein österreichischen und speciell stey-
ermärkischen Zustände, welche letzteren auch in Beziehung auf die stel-
lung der stände günstiger zu seyn scheinen als irgendwo anders, freylich
haben sie sich auch noch nicht auf das politische feld gewagt, ausgenom-
men mit ihrem neulichen Antrage auf öffentlichkeit der gerichte. man er-
zählte mir manches interessante über den neulichen krawall in grätz gegen
die Jesuiten und den klerus, derselbe zeigt immerhin von einer gewissen
entschiedenheit des Bürgerstandes und kann dieselbe nur für die Zukunft
„Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
Tagebücher 1839–1858, Band I
- Titel
- „Österreich wird meine Stimme erkennen lernen wie die Stimme Gottes in der Wüste“
- Untertitel
- Tagebücher 1839–1858
- Band
- I
- Autor
- Viktor Franz Freiherr von Andrian-Werburg
- Herausgeber
- Franz Adlgasser
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2011
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 4.0
- ISBN
- 978-3-205-78612-2
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 744
- Schlagwörter
- Viktor Andrian-Werburg (1813 - 1858), Revolution 1848, Austrian Neoabsolutism, Austria future (1842), Late Vormärz, Reform and Repression
- Kategorie
- Biographien