Franz Schuhmeier

Franz Schuhmeier (* 11. Juli 1864 in Wien; † 11. Februar 1913 ebenda) war ein österreichischer Politiker und sozialdemokratischer Arbeiterführer.

Franz Schuhmeier um 1900

Inhaltsverzeichnis

Jugend und Herkunft

Franz Schuhmeier in jungen Jahren

Franz, der Sohn von Theresia, einer Wäscherin und Eduard Schuhmeier, eines immer wieder arbeitslosen Bandmachergesellen aus Ottakring wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Er musste schon als Sechsjähriger schwere Arbeit verrichten.[1] Das und der tödliche Arbeitsunfall seines älteren Bruders im Alter von 13 Jahren war ein wesentlicher Grund dafür, dass Schuhmeier später speziell die in Wien sehr verbreitete Kinderarbeit bekämpfte.[2]

Da er ein guter Schüler war, vermittelte ihm sein Volksschullehrer einen kostenlosen Platz im Priesterseminar von St. Pölten, damals eine der wenigen Möglichkeiten für Mittellose eine gute Schulbildung zu erhalten. Aus dieser Zeit dürfte auch seine spätere antiklerikale Einstellung stammen.

Er begann 1877 den Beruf eines Ziseleurs zu erlernen, musste die Lehre aber wegen einer Augenverletzung abbrechen.[1] Bei seiner Arbeit als Hilfsarbeiter in einer Papierfabrik in Gumpendorf, kam Schuhmeier mit der sozialdemokratischen Bewegung in Kontakt. Am 22. August 1886 heiratete er seine Arbeitskollegin Cilli Ditz.[3]

Politik

Da in Cisleithanien, der österreichischen Reichshälfte der Habsburgermonarchie, seit 1884 Ausnahmezustand herrschte, konnten Arbeiterbildungsvereine nur unter Tarnbezeichnungen existieren. Deshalb gründete Schuhmeier 1886 einen als Raucherklub Apollo getarnten illegalen Arbeiterbildungsverein, was ihn mehrmals ins Gefängnis brachte. Daher war er auch beim Gründungskongress der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei in Hainfeld vom 30. Dezember 1888 bis 1. Jänner 1889 verhindert. In Hainfeld waren die Arbeiterbildungsvereine zur Sozialdemokratischen Arbeiterpartei (SDAP heute: Sozialdemokratische Partei Österreichs) zusammengefasst worden. Nach seiner Haft, wegen der er seine Stelle verloren hatte, trat Schuhmeier in die Verwaltung der Arbeiter-Zeitung ein.[4]

Aus dem nunmehrigen Arbeiterbildungsverein Apollo, der seinen Sitz in Neulerchenfeld hatte, sollte sich die sozialdemokratische Bezirksorganisation Ottakring entwickeln. Im Oktober 1891 erschien die von Schuhmeier mitbegründete Volkstribüne, die das offizielle Organ der Niederösterreichischen (und Wiener) SPAP wurde, zum ersten Mal. Später wurde der deren Herausgeber und 1894 Chefredakteur.[1]

1892 veröffentlichte Schuhmeier die Broschüre In elfter Stunde, in dem sein unerschütterlicher Glaube an die Überwindung des kapitalistischen Systems erkennbar ist. Darin heißt es, dass

„der Sozialismus nicht aufzuhalten ist, die Stunde wird und muss schlagen! ... Mit dem zwölften Schlag müssen die Arbeiter jene Macht sein und jenes Wissen besitzen, um die Herrschaft ergreifen zu können... Es ist unsere Aufgabe, das Volk in allen Dingen aufzuklären![5]

So agitierend blieb er als Volkstribun von Ottakring und mitreißender Redner in der Erinnerung der Wiener Arbeiterschaft. Zuerst der radikalen „anarchistischen“ Richtung zugehörig, übernahm er mehr und mehr reformistische Positionen und wurde zu einem Verfechter der Parteieinheit. Er zählte zum deutschnationalen, demokratischen und antihabsburgischen Teil der Sozialdemokraten, der gelegentlich auch vordergründigen Antisemitismus vertrat.[1]

Schuhmeier war von 1896 bis 1898 Reichsparteisekretär der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und damit Mitglied der Parteileitung. Gemeinsam mit Albert Sever und Anton David entwickelte er die bis heute noch bestehende interne Organisationsstruktur der österreichischen Sozialdemokratie, wie beispielsweise das System der Vertrauenspersonen. 1900 wurde er in den Wiener Gemeinderat gewählt, da es erstmals auch eine allgemeine Kurie für die nicht privilegierte männliche Bevölkerung gab. Er und der spätere Wiener Bürgermeister Jakob Reumann waren damit die ersten sozialdemokratischen Gemeinderäte Wiens.[6] Dort lieferte er sich „legendäre Rededuelle“ mit Bürgermeister Lueger.[1] Schuhmeier war auch der Verfasser des ersten Kommunalprogramms der Sozialdemokraten. Er widmete sich der Sozial- und Bildungspolitik, dem Wohnungswesen und dem Kampf für das allgemeine Wahlrecht. Schuhmeier forderte den Bau von Wohnhäusern und Volksbädern sowie den Ausbau der Fürsorge. Gemeinsam mit dem Historiker und Universitätsprofessor Ludo Hartmann baute er die erste Volkshochschule, das Volksheim Ottakring auf. 1901 wurde Schuhmeier Abgeordneter zum Reichsrat, 1910 auch Mitglied des niederösterreichischen Landtags.[7] Bildungs- und Wahlrechtsfragen standen bei seiner parlamentarischen Arbeit im Vordergrund.[1]

Schuhmeier stand mit seiner derb-drastischen Redeweise (er sprach den Dialekt der Wiener Vorstädte) häufig in Opposition zum Parteivorsitzenden Victor Adler, auch weil er meist ein offensiveres Vorgehen, wie Straßendemonstrationen forderte.[8] Adler fand Schumeiers „Radau-Opportunismus“ außerhalb von „Wildwest“, den westlichen Wiener Arbeitervorstädten, „ganz unmöglich“. Nach außen hin wurde Schumeier aber auch als ideologischer Gegenspieler zum ebenso populistischen Bürgermeister Karl Lueger wahrgenommen. Schuhmeier avancierte zum bestgehassten Sozialdemokraten Wiens. Er war berühmt wegen seiner Schlagfertigkeit, seiner auf dem Wiener Lokalton beruhenden Beredsamkeit, seiner Härte im Geben wie im Nehmen, die ihn oft an die Grenze zur Demagogie brachte.[9]

Denkmal von Franz Schuhmeier an seinem Grab am Ottakringer Friedhof

Attentat

Bei der Rückkehr von einer Wahlkundgebung in Stockerau wurde Franz Schuhmeier am 11. Februar 1913 von Paul Kunschak, dem geistig verwirrten, arbeitslosen Bruder des Begründers der christlichen Arbeiterbewegung und späteren Nationalratspräsidenten Leopold Kunschak, in der Halle des Wiener Nordwestbahnhofs erschossen.[10]

Die Beerdigung des populären Arbeiterführers am Ottakringer Friedhof in einem ehrenhalber gewidmeten Grab (Gruppe 14, Reihe 1, Nummer 1/2) bekam eine für Wien bislang unbekannte Dimension, es nahmen - die Angaben schwanken - bis zu einer halben Million Trauergäste teil. Diese Massenmanifestation am 16. Februar 1913 wurde Wiens bis dahin größte Demonstration.[11]

Paul Kunschak wurde zum Tode verurteilt. Einem Gnadengesuch schloss sich, aus grundsätzlicher Ablehnung der Todesstrafe, auch Schuhmeiers Witwe Cilli an. Das Urteil wurde daraufhin in 20 Jahre Kerkerhaft umgewandelt. Am 20. November 1918 wurde Kunschak bei der allgemeinen politischen Amnestie nach dem Ersten Weltkrieg begnadigt.[12]

Ehrungen

Nach dem ermordeten Politiker wurden der Franz Schuhmeier-Platz in Ottakring (bis 1918 Habsburgerplatz), die Franz-Schuhmeier-Gasse im 23. Bezirk und der 1925 bis 1927 errichtete Schuhmeierhof in Ottakring benannt. Dort wurde 1925 eine von Siegfried Bauer geschaffene Bronzebüste Schuhmeiers aufgestellt.[13] Nach dem Österreichischen Bürgerkrieg wurde sie 1934 demontiert und im Zweiten Weltkrieg eingeschmolzen. 1948 zum 35. Todestag Schuhmeiers wurde ein Nachguß installiert.[14] Außerdem setzte ihm Robert Ascher mit dem 1933 erschienenen Roman Der Schuhmeier ein literarisches Denkmal.[15]

Werke

  • In elfter Stunde. An alle Arbeiter und Arbeiterinnen. Verlag der Volkstribüne und der Arbeiter-Zeitung, Wien 1892.
  • Aus einem k. u. k. Militärspital. Der Fall Hangler nach den stenographischen Protokollen des Abgeordnetenhauses dargestellt. Verlag der Wiener Volksbuchhandlung, Wien 1905.
  • Aus der Werkstatt des Klerikalismus. Gegen Jesuitismus, Pfäfferei und Aberglaube! Rede gehalten in der 72. Sitzung der XV. Session des österreichischen Abgeordnetenhauses. Verlag Brand, Wien 1913.

Einzelnachweise

  1. a b c d e f Wolfgang Maderthaner: Schuhmeier Franz. In: Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950 (ÖBL). Band 11, Verlag der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Wien 1999, ISBN 3-7001-2803-7, S. 311 f. (Direktlinks auf S. 311, S. 312).
  2. Helga Schmidt, Felix Czeike: Franz Schuhmeier. Europa-Verlag. Wien 1964. S. 11f. Sowie Christine Klusacek, Kurt Stimmer: Ottakring. Vom Brunnenmarkt zum Liebhartstal. Verlag Mohl, Wien 1983, ISBN 3-900272-37-9, S. 116.
  3. Christine Klusacek, Kurt Stimmer: Ottakring. Vom Brunnenmarkt zum Liebhartstal. Verlag Mohl, Wien 1983, ISBN 3-900272-37-9, S. 117; und Helga Schmidt, Felix Czeike: Franz Schuhmeier. Europa-Verlag, Wien 1964, S. 14.
  4. Hellmut Andics: Luegerzeit. Das schwarze Wien bis 1918. Verlag Jugend u. Volk, Wien 1984, ISBN 3-714-16542-8, S. 63ff. und 272.
  5. Helga Schmidt, Felix Czeike: Franz Schuhmeier. Europa-Verlag, Wien 1964, S. 17.
  6. Christine Klusacek, Kurt Stimmer: Ottakring. Vom Brunnenmarkt zum Liebhartstal. Verlag Mohl, Wien 1983, ISBN 3-900272-37-9, S. 115ff.
  7. Christine Klusacek, Kurt Stimmer: Ottakring. Vom Brunnenmarkt zum Liebhartstal. Verlag Mohl, Wien 1983, ISBN 3-900272-37-9, S. 117; und Karl R. Stadler: Franz Schuhmeier. In: Walter Pollak (Hrsg.): Tausend Jahre Österreich. Eine Biographische Chronik. Band 3: Der Parlamentarismus und die beiden Republiken. Verlag Jugend u. Volk, Wien 1974, ISBN 3-7141-6523-1, S. 60-64, hier S. 61.
  8. Peter Schöffer: Der Wahlrechtskampf der österreichischen Sozialdemokratie 1888/89-1897. Vom Hainfelder Einigungsparteitag bis zur Wahlreform Badenis und zum Einzug der ersten Sozialdemokraten in den Reichsrat. Verlag Steiner, Stuttgart 1986, ISBN 3-515-04622-4, S. 356f.
  9. Karl R. Stadler: Franz Schuhmeier. In: Walter Pollak (Hrsg.): Tausend Jahre Österreich. Eine Biographische Chronik. Band 3: Der Parlamentarismus und die beiden Republiken. Verlag Jugend u. Volk, Wien 1974, ISBN 3-7141-6523-1, S. 60-64, hier S. 61.
  10. Helga Schmidt, Felix Czeike: Franz Schuhmeier. Europa-Verlag, Wien 1964, S. 93; und Christine Klusacek, Kurt Stimmer: Ottakring. Vom Brunnenmarkt zum Liebhartstal. Verlag Mohl, Wien 1983, ISBN 3-900272-37-9, S. 117f.
  11. Wolfgang Maderthaner, Lutz Musner: Die Anarchie der Vorstadt. Das andere Wien um 1900. Campus-Verlag, Frankfurt am Main 1999, ISBN 3-593-36334-8, S. 176ff.
  12. Christine Klusacek, Kurt Stimmer: Ottakring. Vom Brunnenmarkt zum Liebhartstal. Verlag Mohl, Wien 1983, ISBN 3-900272-37-9, S. 120.
  13. Foto von der Enthüllung des Denkmals. In: Wiener Bilder, 31. Mai 1925, S. 17 (Online bei ANNO)Vorlage:ANNO/Wartung/wrb
  14. Christine Klusacek, Kurt Stimmer: Ottakring. Vom Brunnenmarkt zum Liebhartstal. Verlag Mohl, Wien 1983, ISBN 3-900272-37-9, S. 120; und wien.gv.at: Wien 1948
  15. Robert Maximilian Ascher: Der Schuhmeier. Roman, Wien 1933.

Literatur

Weblinks