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Protestantismus#

Im 17. Jahrhundert wurden in Salzburg und den habsburgischen Alpen- und Donauländern die aus der Reformation hervorgegangenen Gemeinden zerstört. Reformationskommissionen sollten für die Bekehrung sorgen. Es kam zwar zu zahlreichen Konversionen, ein erheblicher Teil wanderte aber in evangelische Länder aus (Emigranten). Zu den Exulanten zählten viele Adelige (Khevenhüller, Starhemberg, Hardegg, Dietrichstein), weiters auch der Salzburger Bergmann J. Schaitberger, der seine evangelischen Landsleute durch "Sendbriefe" in ihrem Bekenntnis zu stärken versuchte. Andere versuchten, ihr Bekenntnis zu bewahren und im Land zu bleiben. Von diesen wurden in Salzburg 1731/32 durch Erzbischof Graf Firmian mehr als 21.000 vertrieben, 1734-76 folgten unter Karl VI. und Maria Theresia Zwangsumsiedlungen von rund 4000 Protestanten aus Oberösterreich, Kärnten und der Steiermark nach Siebenbürgen.

Kleine evangelische Gruppen bewahrten vor allem in abgelegenen Gebieten ihr Bekenntnis durch Andachten und heimliche Versammlungen ("Geheimprotestanten"). Sie hatten Kontakte zu deutschen evangelischen Einrichtungen und nahmen distanziert am Leben der katholischen Kirche teil. Die Existenz solcher Gruppen, in manchen Gegenden die Mehrheit der Bevölkerung (zum Beispiel Ramsau am Dachstein, Gosau, Goisern), war nicht völlig unbekannt.

Nach dem Toleranzpatent vom 13. 10. 1781 bildeten diese die neuen evangelischen Gemeinden: 1 in Niederösterreich, 3 in der Steiermark, der Rest der 46 Gemeinden in Oberösterreich und Kärnten. Lediglich in Wien besuchten auch privilegierte Gruppen die Gottesdienste in den evangelischen Gesandtschaftskapellen (Offiziere, Beamte und Vertreter bei den Reichsbehörden, Kaufleute und Fabrikanten sowie deren Gesinde), aus denen die lutherische und die reformierte Gemeinde entstanden.

Im späteren Burgenland mit ungarischen konfessionsrechtlichen Regelungen erlaubten die Bestimmungen des Ödenburger Landtags von 1681 in Oberwart die Errichtung einer reformierten "Artikularkirche". Für die Lutheraner gab es entsprechende Kirchen im benachbarten Ungarn. Nach dem Toleranzpatent Kaiser Josephs II. (für Ungarn vom 25. 10. 1781) bildeten sich 18 lutherische und eine reformierte Pfarrgemeinde. Die Generalsynoden von 1791 regelten nach Erlangen der "Autonomie" (Pressburger Landtag von 1790) die kirchliche Organisation; die lutherischen Gemeinden gehörten zu 3 Senioraten.

In den Erblanden wurde durch die Übertragung des 1707 errichteten und 1749 erneuerten Consistoriums aus Teschen nach Wien (1784), wo es unter einem gemeinsamen Präsidenten (katholisch) nach Lutheranern und Reformierten geteilt war, und die Bestellung von Superintendenten eine kirchliche Organisation geschaffen, die rechtlich durch kaiserliche Patente bestimmt wurde. Die Wiener Superintendenz A. B. reichte bis Triest, die oberösterreichische umfasste die Gemeinden in Oberösterreich, später auch in Salzburg und nach 1875 die in Tirol. Zur theologischen Ausbildung wurde 1821 eine Lehranstalt in Wien errichtet.

Schwierige Übertrittsbestimmungen, ungünstige Mischehengesetze und große finanzielle Lasten hielten die evangelische Kirche klein; aus Tirol wurden noch 1837 die Zillertaler Protestanten vertrieben. Die evangelische Kirche Österreich erhielt erst durch die Verfassung von 1849 und das Protestantenpatent von 1861 prinzipielle Gleichberechtigung mit der katholischen Kirche. Die 1864 tagende 1. Generalsynode beschloss die presbyterial-synodale Kirchenverfassung. An die Stelle der Konsistorien trat der dem Kultusministerium unterstellte evangelische Oberkirchenrat A. B. und H. B.; der 1. Präsident war J. A. Zimmermann. Die seither wachsende evangelische Kirche erhielt ideelle und materielle Unterstützung durch das Gustav-Adolf-Werk, später auch durch den Evangelischen Bund.

Zuzug aus Deutschland und die allgemeine Zunahme der Bevölkerung ließen nach 1870 die Kirche deutlich wachsen. Trotz des staatlichen Aufsichtsrechts konnte sich das kirchliche Leben relativ ungehindert entfalten.

Die Los-von-Rom-Bewegung um 1890 veränderte das Erscheinungsbild des österreichischen Protestantismus. Wenn auch der zahlenmäßige Zuwachs nur in Wien, Niederösterreich und der Steiermark nennenswert war, so kam es doch zur Gründung neuer Pfarrgemeinden, die sich von den traditionellen (bäuerliches Milieu) deutlich unterschieden ("Diasporabewusstsein").

Bedeutsam war das 1864 errichtete Depot der Britischen und Ausländischen Bibelges. (Leiter B. Millard). Das evangelische Schulwesen wurde durch das Reichsvolksschulgesetz nachhaltig beeinträchtigt. Wichtig war die Lehrerbildungsanstalt in Bielitz. Die Theologische Lehranstalt in Wien wurde 1850 Fakultät, und die diakon. Arbeit erhielt 1877 mit der Gründung der Anstalt in Gallneukirchen ein Zentrum.

Das Zerbrechen der Monarchie traf vor allem die Kirche H. B., aber auch die Kirche A. B. wurde wesentlich verkleinert und rang um ihre Identität. Anschlussgedanke und Österreich-Distanz wurden sowohl durch die politischen Verhältnisse als auch durch die deutsche Hilfe gestärkt. Das Fehlen einer Kirchenleitung machte sich zumindest im Bewusstsein bemerkbar, so dass in Superintendent J. Heinzelmann ein "Vertrauensmann" gewählt wurde.

Der Anschluss wurde 1938 begrüßt, bald aber als Beginn der Unterdrückung erlebt. Die "Entkirchlichung der Öffentlichkeit" blieb nicht auf die katholische Kirche beschränkt (1939 Auflösung des staatlichen Oberkirchenrats, aber ohne ein Ende der Beaufsichtigung; Ende des kirchlichen Vereinswesens, kein Religionsunterricht, Beschlagnahmung der meisten diakon. Einrichtungen).

Nach 1945 erlebte die evangelische Kirche besonders durch den Zuzug evangelischer Flüchtlinge ein neues Wachstum, das sich in Gemeindegründungen und Kirchenbauten manifestierte. Vor allem wuchs ein gesamtkirchliches Bewusstsein, das durch das Engagement in den Zusammenschlüssen des Welt-Protestantismus verstärkt wurde. Trotz vieler finanzieller Probleme kam es bis gegen 1965 zu einem deutlichen inneren und äußeren Wachstum, das durch die Kirchenverfassung von 1949, aber auch durch das Protestantengesetz eine entsprechende rechtliche Absicherung erfuhr. 1968 erreichte die Kirche ihren Mitgliederhöchststand (mehr als 425.000). Seither nimmt die Mitgliederzahl durch Kirchenaustritte und reduzierte Taufzahlen ständig ab. Innere Spannungen, das Eindringen neupietistisch-fundamentalistischer Ideen und der Pfarrermangel brachten zusätzliche Schwierigkeiten im Inneren, die trotz forcierter Suche nach einer neuen evangelischen Identität noch nicht bewältigt sind.

Auch die Protestantismus-Geschichtsschreibung hat dabei ihre frühere Bedeutung nicht wiedererlangt. Nach frühen ausländischen Zeugnissen, die die gewaltsame Unterdrückung der Reformation beklagten (wie der Hamburger Pastor B. Raupach, † 1741), kam es erst im 19. Jahrhundert zu einer Geschichtsschreibung des österreichischen Protestantismus. Den wissenschaftlichen Neubeginn markierte die Gründung der "Gesellschaft für die Geschichte des Protestantismus in Österreich" 1879; die evangelische Forschung wurde besonders von liberalen und großdeutschen Historikern unterstützt (J. Loserth, Viktor Bibl). Unter den evangelischen Forschern waren G. Loesche (1855-1932), K. Voelker (1886-1937), P. Dedic (1890-1952), W. L. Kühnert (1900-1980) und G. Mecenseffy (1898-1985) bedeutend. Neue Ansätze versuchen, eine Synthese zwischen historischer Methode und theologischer Fragestellung zu erreichen und ohne Apologetik den Standort des Protestantismus in der Gesellschaft zu markieren.


--> 125 Jahre Protestantenpatent - 25 Jahre Protestantengesetz (Briefmarken)
--> Historische Bilder zu Protestantismus (IMAGNO)

Literatur#

  • G. Reingrabner, Protestanten in Österreich, 1981


Ganz ausgezeichneter und extrem gut gelungener Beitrag. Sehr relevant, da sich der Standort des Protestantismus in der öst. Gesellschaft stark verschoben hat, da schon seit einiger Zeit die Anhänger des Islam die zweitstärkste Religions-gemeinschaft bilden.

--Glaubauf Karl, Mittwoch, 1. September 2010, 10:35