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vom 09.06.2017, aktuelle Version,

Hermann Neubacher

Hermann Neubacher (* 24. Juni 1893 in Wels, Oberösterreich; † 1. Juli 1960 in Wien) war ein österreichischer Wirtschaftsfachmann und Politiker der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei. Von 13. März 1938 bis 14. Dezember 1940 war er Bürgermeister von Wien.

Leben

Hermann Neubacher war Kriegsteilnehmer und hatte als k.u.k. Offizier eine kroatische Kompanie geführt. Im Jahr 1919 legte er an der damaligen Hochschule für Bodenkultur eine Dissertation zu einem forstwirtschaftlichen Thema vor. Seit seinem Studium war er Mitglied im Wiener Akademischen Turnverein. Neubacher war ab dem Jahre 1920 in der Holzindustrie tätig. Außerdem fungierte er in Wien als Generaldirektor der GESIBA (Gemeinnützige Siedlungs- und Baustoffanstalt), die maßgeblich am sozialen Wohnungsbau in Wien beteiligt war. Als Mitglied des „Österreichisch-Deutschen Volksbundes“ agitierte Neubacher zusammen mit Arthur Seyß-Inquart und anderen großdeutsch eingestellten Politikern für den „Anschluss“ Österreichs an Deutschland und wurde nach der „MachtergreifungAdolf Hitlers am 30. Januar 1933 im Deutschen Reich Mitglied der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei in Österreich.

Als österreichische Nationalsozialisten mit dem Juliputsch vom 25. Juli 1934 den Versuch unternahmen, den austrofaschistischen Ständestaat zu beseitigen und dabei Bundeskanzler Engelbert Dollfuß ermordeten, tauchte die Partei unter; in dieser Phase der Illegalität übernahm zeitweilig Neubacher die Parteiführung in Österreich, wurde aber im Juni 1935 zusammen mit seinem innerparteilichen Widersacher Josef Leopold verhaftet. Beide wurden aufgrund des Juliabkommens von 1936 amnestiert, Neubacher war fortan „für die reichsdeutschen IG-Farben als Balkanexperte (unter Einschluß Österreichs) tätig.“[1]

Einen Tag nach dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich am 12. März 1938 löste Neubacher Richard Schmitz als Bürgermeister Wiens ab; diese Position behielt er bis zum 14. Dezember 1940. Anschließend wurde Hermann Neubacher Abgesandter in Bukarest und Athen.

Am 15. Oktober 1942 wurde Neubacher zum "Sonderbeauftragten des Reiches für wirtschaftliche und finanzielle Fragen in Griechenland" berufen, dem die monopolistische DEGRIGES direkt unterstand.[2] Zum Finanz- und Superminister über alle "produktiven Resorts" bestimmte er Hektor Tsironikos, von dem er sagte, dass dessen »Deutschfreundlichkeit über jeden Zweifel erhaben« sei.[3]

Vom 24. August 1943 bis Kriegsende war Neubacher Sonderbevollmächtigter des Auswärtigen Amtes für den Südosten und dem Militärbefehlshaber Südost in Serbien gleichgestellt. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde er in Jugoslawien im Jahr 1951 zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt, jedoch bereits nach wenigen Monaten schwer krank entlassen. Von 1954 bis 1956 war Neubacher von der Regierung des Kaiserreichs Äthiopien als "Berater und Verwaltungskommissar der Stadt Addis Abeba" eingesetzt. In dieser Zeit verfasste er ein Buch über Äthiopien, kehrte dann nach Österreich zurück und war vor allem als Bauunternehmer in Salzburg tätig.

Marcus J. Carney versuchte in einer Dokumentation Film Projekt Neubacher die Geschichte seines Onkels sowie seiner Familie und deren Aufarbeitung nach dem Weltkrieg darzustellen und legte es auf die österreichische Nachkriegsgeneration um, der er den „morbus austriacus“ – die österreichische Krankheit – attestierte.[4]

Schriften

  • Die forstliche Rente. Ein kritischer Beitrag zum Reinertragsproblem in der Forstwirtschaft. 1919, (Wien, Hochschule für Bodenkultur, Dissertation, 1919).
  • Kampf um Mitteleuropa. Verlag Deutsche Einheit, Wien 1932.
  • Sonderauftrag Südost. 1940–1945. Bericht eines fliegenden Diplomaten. Musterschmidt, Göttingen u. a. 1956.
  • Die Festung der Löwen. Äthiopien von Salomon bis zur Gegenwart. Walter-Verlag, Olten u. a. 1959.

Film

  • Marcus J. Carney: The End of the Neubacher Project. Dokumentarfilm, Österreich, Niederlande, 2006, 74 Min.

Literatur

  • Gerhard Botz: Neubacher, Hermann Josef. In: Neue Deutsche Biographie (NDB). Band 19, Duncker & Humblot, Berlin 1999, ISBN 3-428-00200-8, S. 92 f. (Digitalisat).
  • Dokumentationsarchiv des Österreichischen Widerstandes (Hrsg.): „Anschluß“ 1938. Eine Dokumentation. Österreichischer Bundesverlag, Wien 1988.
  • Karl-Heinz Schlarp: Wirtschaft und Besatzung in Serbien. 1941–1944. Ein Beitrag zur nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik in Südosteuropa (= Quellen und Studien zur Geschichte des östlichen Europa. 25). Steiner-Verlag-Wiesbaden-GmbH, Stuttgart 1986, ISBN 3-515-04401-9 (Zugleich: Hamburg, Universität, Habilitations-Schrift, 1983).

Einzelnachweise

  1. Wolfgang Rosar: Deutsche Gemeinschaft. Seyss-Inquart und der Anschluß. Europa-Verlag, Wien u. a. 1971, ISBN 3-203-50384-0, S. 105.
  2. Maria Zarifi: Das deutsch-griechische Forschungsinstitut für Biologie in Piräus, 1942–1944. In: Susanne Heim (Hrsg.): Autarkie und Ostexpansion. Pflanzenzucht und Agrarforschung im Nationalsozialismus (= Geschichte der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft im Nationalsozialismus. Bd. 2). Wallstein, Göttingen 2002, ISBN 3-89244-496-X, S. 206–233, hier S. 219, (teilweise abrufbar hier).
  3. Götz Aly: Hitlers Volksstaat. Raub, Rassenkrieg und nationaler Sozialismus. 5. Auflage. S. Fischer, Frankfurt am Main 2005, ISBN 3-10-000420-5, S. 289.
  4. DVD-Forum
Vorgänger Amt Nachfolger
Richard Schmitz Bürgermeister von Wien
19381940
Philipp Wilhelm Jung