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vom 23.02.2017, aktuelle Version,

Jürgen Knoblich

Jürgen Knoblich (* 24. Oktober 1963 in Memmingen) ist ein deutscher Molekularbiologe.

Leben

Jürgen Knoblich studierte Biochemie an der Universität Tübingen, Molekularbiologie am University College London und wechselte 1989 an das Max-Planck-Institut für Entwicklungsbiologie Tübingen, wo er 1994 promoviert wurde. Von 1994 bis 1997 war er Post-Doktorand an der University of California, San Francisco. Nach seiner Rückkehr nach Europa wurde er Gruppenleiter am Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie in Wien, wo er zum Senior Scientist aufstieg. Seit 2005 arbeitet er am Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) in Wien und ist dort stellvertretender wissenschaftlicher Direktor.[1] Er lehrt regelmäßig an der Universität Wien.[2]

Leistungen

Knoblich ist Mitglied mehrerer wissenschaftlicher Gesellschaften, im Editorial Board von Current Biology und European Journal of Cell Biology. Er ist Mitglied des Beirats des Krebs Stammzellnetzwerkes der Deutschen Krebshilfe. Er hat 99 Originalpublikationen verfasst (PubMed Oktober 2014).

Knoblich befasst sich hauptsächlich mit neuronalen Stammzellen, deren asymmetrischer Zellteilung und Wachstumskontrolle.[3] Dieses Arbeitsgebiet ist von besonders hoher medizinischer Relevanz, da es bis vor kurzem unklar war, wie sich eine Stammzelle in jeweils eine (idente) Stammzelle und gleichzeitig in eine entwickelte Zelle teilen kann. Dieser Mechanismus wurde von Jürgen Knoblich und seinem Team aufgeklärt[4] und in der Wissenschaftszeitschrift Cell 2008 vorgestellt. Dabei funktioniert die asymmetrische Teilung wie eine Kette von molekulare Schaltern, die hintereinander umgelegt werden. Diese Schalter sind Proteine, „ein“ und „aus“ entspricht dem Zustand jeweils mit oder ohne einer an sie angehängten Phosphatgruppe. Eine Kinase, der Überträger des Phosphatrests, ist der Starter. Am Beginn der asymmetrischen Zellteilung steht die Aktivierung einer ganz bestimmten Kinase, nämlich der Aurorakinase A. Von dieser Kinase ist bekannt, dass sie in bestimmten Tumorzellen überexprimiert ist. Auch andere Moleküle, die an der asymmetrischen Zellteilung mitwirken, spielen bei der Tumorentstehung eine Rolle. Da die (Stamm)zellteilung beim allen Organismen ähnlich reguliert wird, kann man die Ergebnisse bei Fliegen auf Tumorentstehung beim Menschen übertragen.[5]

In einem anderen Forschungsgebiet konnte Knoblich zeigen, dass es erstmals möglich war, Funktionen von Genen über das gesamte Erbgut eines Organismus gleichzeitig zu untersuchen. Dabei kamen molekularbiologische Methoden in einer Taufliegen-Gendatenbank zum Tragen, in welcher jedes einzelne der rund 13.000 Gene der Fliege „ein“ und „aus“-schaltbar ist.[6] Diese Ergebnisse wurden 2009 in der Zeitschrift Nature veröffentlicht.[7] Mit dieser Methodik gelang es Knoblich, die Entstehung von Tumoren vor allem im Gehirn der Taufliege näher zu beleuchten. Nach einer Erkenntnis jüngerer Zeit können Tumore auch aus Stammzellen bestehen, die durch einen fehlgeleiteten Mechanismus ihre Stammzelleigenschaften behalten und sich weiter unaufhaltsam teilen, statt zu anderen Zelltypen auszudifferenzieren. Jürgen Knoblich und seine Gruppe identifizierten das Gen „Brat“, das für diesen Mechanismus verantwortlich ist. Wie viele andere Gene es noch gibt, die eine ähnliche Funktion im Menschen erfüllen, ist bislang unbekannt. Die Forschungsgruppe am Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) arbeitet aber daran, auch andere solcher Gene zu identifizieren, um in Zukunft eine möglichst wenig invasive Therapie gegen Krebs entwickeln zu können.

Zu den jüngsten Erfolgen von Jürgen Knoblich und seinem Team zählt die Nachbildung der frühen Stadien der menschlichen Gehirnentwicklung in einer Organkultur. Erstautorin des dazugehörigen Papers Postdoktorantin Madeline A. Lancaster war ausschlaggebend für den Erfolg der Studie und erhielt dafür den „Eppendorf Award for Young European Investigators“ [8] als Anerkennung. Mit der Veröffentlichung in Nature schafften es die Forscher außerdem in die Top 10 der wissenschaftlichen Entdeckungen 2013 [9]. Diese sogenannten ‚Organoide' ermöglichen den Wissenschaftern einen effizienten Wissenstransfer von der Fruchtfliege auf den Menschen. Sie erlauben dadurch, erstmals Erbkrankheiten des Gehirns an einer menschlichen Organkultur zu untersuchen. Die Wissenschaftler möchten mithilfe dieser Technologie in Zukunft auch andere Defekte und Krankheiten des Gehirns erforschen.

Auszeichnungen

Einzelnachweise

  1. Webseite des IMBA
  2. Jürgen Knoblich im Vorlesungsverzeichnis der Universität Wien
  3. Tumorstammzellen als Schlüssel zur Krebstherapie (Memento vom 4. Februar 2013 im Internet Archive), Presseaussendung der ÖAW vom 24. März 2006
  4. Wiener Forscher klären Rätsel um Stammzellen, ORF vom 3. Oktober 2008
  5. Wie Stammzellen sich teilen - ein Puzzle ist gelöst; Presseaussendung zu einem Artikel in Cell, 2. Oktober 2008.
  6. Schlüsselregulator der Gehirnentwicklung entdeckt, Pressemitteilung des IMBA vom 5. März 2009
  7. Aufklärung aller Gen-Funktionen rückt in greifbare Nähe Presseaussendung des IMBA vom 13. April 2009
  8. Presseaussendung von Eppendorf
  9. Science Magazin Top 10 wissenschaftliche Entdeckungen 2013
  10. Jürgen Knoblich. In: scilog. FWF, abgerufen am 23. Februar 2017.
  11. Österreichische Akademie der Wissenschaften, Neue Mitglieder der ÖAW 2013 (PDF; 18 kB), abgerufen 3. Mai 2013