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vom 27.03.2017, aktuelle Version,

Muslimische Jugend Österreich

Die Muslimische Jugend Österreich (MJÖ) ist die Jugendorganisation der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich und wurde im Jahr 1996 in Linz gegründet. Als Bundesvorsitzende fungieren seit November 2015 Nermina Mumic, Adis Serifovic und Canan Yasar.[1]

Profil

Die MJÖ beschreibt sich als unabhängig und will eine „österreichisch-islamische Identität“ kreieren und „eine Gesellschaft ohne Diskriminierung jeder Art, freien Zugang zur Bildung und mehr Mitbestimmung für Jugendliche“. Die Muslimische Jugend Österreich spornt junge MuslimInnen dazu an, sich in Österreich auf allen gesellschaftlichen Ebenen einzubringen. „Fern ab von religiösem Extremismus auf der einen und einer völligen Auflösung der eigenen Identität auf der anderen Seite wollen wir eine österreichisch-islamische Identität kreieren“ heißt es in der Selbstdarstellung der MJÖ.[2]

Die MJÖ hatte 2007 nach Angaben ihres damaligen Sprechers Alexander Osman ca. 3000 zahlende Mitglieder,[3] nach anderen Schätzungen etwa 4000 Mitglieder, 60 Prozent davon Frauen,[4] ein Gründungsmitglied sprach 2007 von 8000 Mitgliedern.[5]

Als Besonderheit kann gesehen werden, dass die Muslimische Jugend Österreich nicht nur der älteste deutschsprachige, muslimische Jugendverein in Österreich ist, sondern auch dass sie anders als bei zahlreichen ethnisch organisierten Jugendorganisationen nicht aus einem muslimischen Erwachsenenverein hervorgegangen ist, wie im Falle der Jugendföderation der Millî Görüş (JUWA) oder der Jugend der Islamischen Liga der Kultur.

Die MJÖ ist nicht mit der radikalen, von Mohamed Mahmoud gegründeten Kleingruppierung „Islamische Jugend Österreich“ (IJÖ) zu verwechseln.

Seit dem Jahr 2005 sind die „Jungen Musliminnen Österreich“ (JMÖ) als Frauenorganisation organisatorisch eigenständig und unabhängig vertreten[6] und teils Teilnehmerinnen der Projekte „Fatima 2005“ und „Fatima 2007 - Qualifikationsoffensive für muslimische Mädchen“.[7]

Die „Muslimische Jugend Österreich“ wurde vom ehemaligen Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend unterstützt,[8] dessen Familien- und Jugendagenden 2014 an das neu geschaffene Bundesministerium für Familien und Jugend übertragen wurden.

Geschichte

Die Muslimische Jugend Österreich entstand aus einem Freundeskreis muslimischer Jugendlicher aus Oberösterreich. Der Entschluss, "islamisch aktiv" zu werden, wurde schon 1995 gefasst. Am 5. März 1996 erfolgte dann die vereinsrechtliche Gründung. 1999 gründete sich die Gruppe unter dem heutigen Namen neu.[9]

Als eine der ersten regelmäßigen Veranstaltungen und Aktivitäten kann das seit 1996 veranstaltete "Linzer Muslim Treffen" angesehen werden.[10] Ab 2001 folgten regelmäßige Ferienlager im Sommer und Winter, gefolgt von einer Reihe an Länderreisen ("Frankreich, Bosnien, Spanien, Türkei, Ägypten, England, Tunesien").

Am 9. September 2006 fand die 10-Jahre-Feier der MJÖ im Austria Center Vienna in Wien statt. Neben Reden des damaligen Nationalratspräsidenten Andreas Khol, vom damaligen Präsidenten der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich (IGGiÖ) Anas Schakfeh und von Tariq Ramadan wurde musikalische Unterhaltung von Sami Yusuf und dem deutschen Rapper Ammar114 geboten.[11]

Am 11. September 2006 wurde vor einem Lokal der MJÖ in Wien-Rudolfsheim eine Bombenattrappe gefunden mit einem Zettel mit der Aufschrift „4. Juli 1926 – Weimar“, dem Gründungstag der Hitlerjugend und ersten NSDAP-Parteitag. Der Täter, der mittels Rufdatenrückerfassung seiner SMS identifiziert werden konnte, war ein 29-jähriges, ehemaliges Mitglied des Vereins, der die Haltung der MJÖ zu „lasch“ fand. Im Gerichtsverfahren betonte der im 20. Lebensjahr zum Islam konvertierte Mann, die Tat als „Protestaktion gegen die Arbeitsweise der MJÖ“ begangen zu haben, da sie seiner Meinung nach „nicht den richtigen Islam“ vertrete und „zu defensiv“ agiere. Im Februar 2007 wurde der gebürtige Wiener zu 15 Monaten Haft, fünf davon unbedingt, verurteilt.[12]

Seit 2010 tat sich die MJÖ vermehrt auch im mildtätigen Bereich ehrenamtlich hervor. So beteiligte sie sich bereits mehrere male an der humanitären Aktion "72h ohne Kompromiss" der Katholischen Jugend Österreich.[13] 2011 startete die MJÖ erstmals ihr seitdem jährlich stattfindendes, karitatives Projekt "Ramadan - Teilen ohne Grenzen".[14][15][16]

Kontroversen

Am 14. Jänner 2015 gelangte eine parlamentarische Anfrage von Anneliese Kitzmüller (FPÖ) in den Nationalrat, betreffend der finanziellen Unterstützung der MJÖ durch das ehemalige Bundesministerium für Wirtschaft, Familie und Jugend sowie über mögliche Verbindungen der MJÖ zur Muslimbruderschaft.[17] Bezüglich der behaupteten Verbindung zur Muslimbruderschaft wurde die MJÖ im Zuge der Anfragebeantwortung von Familienministerin Sophie Karmasin zu einer Stellungnahme aufgefordert.[18] In der Stellungnahme bestreitet die MJÖ die Vorwürfe und weist diese zurück.[19]

Einem Artikel der österreichischen Journalistin und Arabistin Lise Jamila Abid aus dem Jahr 2006 zufolge soll die MJÖ Mitglied des, von verschiedenen Autoren der Muslim-Bruderschaft zugerechneten, Forum of European Muslim Youth and Student Organizations (Femyso) sein.[20]

Ebenso sagt der Jurist und Islamismusexperte Lorenzo G. Vidino der MJÖ "starke Verbindungen zu Menschen [...] die von den Muslimbrüdern beeinflusst sind" nach.[21][22] Auch der Religionspädagoge Ednan Aslan verortet die MJÖ in ideologischer Nähe des politischen Islam und der Muslimbruderschaft. Vertreterinnen der MJÖ wiesen diese Vorwürfe als „abstruse Verschwörungstheorien“ zurück.[23] Ebenfalls erschien in der NZZ ein Artikel über die Verflechtungen mit der Muslimbruderschaft.[24]

Das österreichische Nachrichtenmagazin Profil behauptete in seiner Ausgabe vom 26. Jänner 2015 unter Anderem, dass die Organisation Mitglied beim Femyso sei, Verbindungen zur Muslimbruderschaft pflege und finanzielle Zuwendungen von „ausländischen Sponsoren“ und Stiftungen erhalte.[25][26][27][28] Eine Leserin des Magazins wandte sich aufgrund der Behauptungen im Nachrichtenmagazin an den Österreichischen Presserat, welcher aus verschiedenen Gründen jedoch kein selbständiges Verfahren eingeleitete.[28] Der MJÖ strengte ein Zivilverfahren gegen das Nachrichtenmagazin an, nachdem sich Profil geweigert hatte, eine Gegendarstellung zu veröffentlichen. Kurz vor der Gerichtsverhandlung kam es zu einer außergerichtlichen Streitbeilegung mit einer Richtigstellung durch das Nachrichtenmagazin, in welcher festgestellt wird, dass die MJÖ nicht in organisatorischer und ideologischer Beziehung zur Muslimbruderschaft stehe, nur im Zeitraum von 2003 bis 2005 außerordentliches Mitglied beim Femyso gewesen sei und die MJÖ keine finanziellen Zuwendungen durch Stiftungen oder aus dem Ausland erhalte.[25][26][27]

Literatur

Einzelnachweise

  1. Muslimischen Jugend Österreich: Bundesvorsitzende, Abgerufen am 28. September 2016
  2. Selbstdarstellung auf der Webseite der Muslimischen Jugend Österreich
  3. Sprecher der Muslimischen Jugend im Interview: "Geht um Kids von der Straße", DerStandard.at, 28. September 2007
  4. Marijana Miljkovic: „Die Heimat der Eltern ist weit weg“, Der Standard, 25./26. Oktober 2006
  5. Markus Müller: Der Islam in Österreich, ORF Ö1, 16. Mai 2007
  6. Webseite der „Jungen Musliminnen Österreich“ (JMÖ)
  7. „FATIMA 2005 - Eine Qualifikationsoffensive für muslimische Mädchen“, einjähriges Projekt des BM
  8. finanzielle Unterstützung durch BM für Wirtschaft, Familie und Jugend, laut Antwort auf parlamentarische Anfrage Nr. 4333/J, 2006
  9. Hafez, Farid; Heinisch, Reinhard; Kneucker, Raoul; Polak, Regina (Hrsg.): Jung, muslimisch, österreichisch. Einblicke in 20 Jahre Muslimische Jugend Österreich. Wien 2016, S. 316.
  10. Hafez, Farid; Heinisch, Reinhard; Kneucker, Raoul; Polak, Regina (Hrsg.): Jung, muslimisch, österreichisch. Einblicke in 20 Jahre Muslimische Jugend Österreich. Wien 2016, S. 46.
  11. Website der Muslimischen Jugend Österreich. Abgerufen am 8. Februar 2017.
  12. Wien ORF.at: „Bombenattrappe: Teilbedingte Haft“. Abgerufen am 8. Februar 2017.
  13. [www.mjoe.at Website der Muslimischen Jugend Österreich.] Abgerufen am 8. Februar 2017.
  14. Website des Projektes Fasten Teilen Helfen. Abgerufen am 8. Februar 2017.
  15. Presseaussendung Fasten Teilen Helfen. Abgerufen am 8. Februar 2017.
  16. Die Presse: Presse Artikel FTH. Abgerufen am 8. Februar 2017.
  17. Parlamentarische Anfrage vom 14. Jänner 2015, parlament.gv.at
  18. Beantwortung durch die Bundesministerin am 13. März 2015, parlament.gv.at
  19. Stellungnahme der MJÖ, parlament.gv.at
  20. Lise Jamila Abid: "Muslims in Austria: Integration through Participation in Austrian Society", Journal of Muslim Minority Affairs, Vol. 26, No. 2 August 2006, Seite 276
  21. "Österreich ist eine gute Basis für Muslimbrüder", kurier.at, 11. November 2014, Abgerufen am 19. Februar 2015
  22. "Scharia-Import: Türkei, Saudi-Arabien und andere Golfstaaten sponsern Hunderte Vereine in Österreich", profil.at, 25. November 2014, Abgerufen am 2. Oktober 2015
  23. Islam in Österreich: Muslimische Jugend wehrt sich gegen Vorwürfe, religion.orf.at, Orientierung vom 1. Februar 2015
  24. Im Schatten der Muslimbruderschaft nzz.at, vom 28. Oktober 2015
  25. 1 2 Richtigstellung: Muslimische Jugend Österreich (MJÖ), profil.at, 9. Mai 2015
  26. 1 2 „Profil“ zieht Vorwürfe gegen Muslimische Jugend zurück, orf.at, 4. Mai 2015
  27. 1 2 Muslimbrüder? „profil“ zieht Vorwürfe gegen MJÖ zurück, religion.orf.at, 4. Mai 2015
  28. 1 2 Mitteilung des Österreichischen Presserats/Senat 2 vom 28. April 2015, presserat.at, Abgerufen am 2. Oktober 2015