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vom 27.05.2017, aktuelle Version,

Paneuropäisches Picknick

Heutiger Grenzübergang an der Gedenkstätte (Juni 2009)

Das Paneuropäische Picknick war eine Friedensdemonstration an der österreichisch-ungarischen Grenze nahe der Stadt Sopron (Ödenburg) am 19. August 1989. Sie wurde in der Erinnerungskultur nachträglich zum Meilenstein jener Vorgänge stilisiert, die zum Ende der DDR, zur deutschen Wiedervereinigung und zum Zerbrechen des Ostblocks führten.[1]

Mit Zustimmung ungarischer und österreichischer Behörden sollte bei der Veranstaltung ein Grenztor symbolisch für drei Stunden geöffnet werden. Zwischen 600 und 700 DDR-Bürger nutzten dann diese kurze Öffnung des Eisernen Vorhangs zur Flucht in den Westen. Es war die größte Fluchtbewegung aus Ost-Deutschland seit dem Bau der Berliner Mauer.[2] An der Nordostecke des Reichstagsgebäudes in Berlin erinnert eine Gedenktafel an das Paneuropäische Picknick.

Das Geschehen am 19. August 1989

Der Durchbruch
Um 12:30 Uhr

Bereits am 27. Juni 1989 hatten wenige Kilometer entfernt der damalige österreichische Außenminister Alois Mock und sein ungarischer Amtskollege Gyula Horn symbolisch den der Grenze vorgelagerten Signalzaun durchtrennt, um den am 2. Mai 1989 begonnenen Abbau der Überwachungsanlagen durch Ungarn zu unterstreichen.[3][4] Das Signalsystem, die Zäune und die Überwachungsanlagen wurden damals mit Wissen der Führung der Sowjetunion um Michail Gorbatschow abgebaut, weil einerseits Ungarn sich den Betrieb nicht mehr leisten konnte, es schon modernere Methoden zur Grenzensicherung gab und andererseits im Hinblick auf die österreichisch-ungarische Bewerbung für die Weltausstellung 1995 ein Image-Schaden befürchtet wurde.[5] Ungarn verstärkte jedoch die Bewachung um unkontrollierte Grenzübertritte an seiner Westgrenze zu verhindern.

Das Picknick fand am Grenztor an der alten Pressburger Landstraße zwischen Sankt Margarethen im Burgenland und Sopronkőhida (Steinambrückl) in Ungarn statt. Die Idee ging von Otto Habsburg und der MDF-Organisation der ostungarischen Stadt Debrecen aus.[6] Es lagen dann auch amtliche Bewilligungen vor, dass es an diesem Nachmittag des 19. August 1989 von 15 bis 18 Uhr einen improvisierten Grenzübergang geben würde.[7] Veranstalter waren Mitglieder des oppositionellen ungarischen Demokratischen Forums und die Paneuropa-Union. Schirmherren waren deren Präsident, der CSU-Europaabgeordnete Otto von Habsburg, und der ungarische Staatsminister und Reformer Imre Pozsgay. Diese sahen im geplanten Picknick eine Chance, die Reaktion Gorbatschows auf eine Grenzöffnung zu testen[8] und einigten sich darauf, dass unter den DDR-Bürgern Werbung für das Picknick gemacht werden sollte.[9] Für das geplante Picknick wurde dann durch die Paneuropa-Bewegung umfassende Werbung durch Plakate und Flugzettel unter den DDR-Urlaubern in Ungarn gemacht. Die Paneuropa-Union ließ tausende Flugzettel verteilen, mit denen zu einem Picknick nahe der Grenze bei Sopron eingeladen wurde. Viele der DDR-Bürger verstanden die Botschaft und kamen angereist.[10] Mit dem initiierten Picknick wollten Habsburg und Pozsgay insbesondere prüfen, ob Moskau bei einer Öffnung des Eisernen Vorhanges den in Ungarn stationierten sowjetischen Truppen den Befehl zum Eingreifen geben würde.[11] Denn insgesamt war es damals noch vollkommen unklar ob die Sowjetunion oder einzelne Ostblockstaaten militärisch intervenieren würden, falls es zu einer ungelegenen antikommunistischen und antisowjetischen Entwicklung käme.[12]

Die symbolische Durchtrennung des Stacheldrahtes wurde von Mária Filep vorgenommen. Gegen 12:05 Uhr kamen völlig unerwartet die ersten 20 bis 30 DDR-Bürger am noch bewachten und von bewaffneten Kräften gesicherten Grenztor an. Das Tor wurde aufgerissen und die hauptsächlich jungen DDR-Bürger rannten auf die österreichische Seite, wo einige Journalisten und ein Kamerateam eines österreichischen Senders warteten.

Zwischen 600 und 700[13][14] DDR-Bürger nutzten diese kurze Öffnung des Eisernen Vorhangs zur Flucht in den Westen, nachdem sie zuvor durch Flugblätter der Veranstalter auf das Paneuropäische Picknick aufmerksam gemacht worden waren. Völlig unerwartet standen gegen 15 Uhr erneut DDR-Bürger vor dem noch bewachten Grenztor. Kurz vor 15 Uhr wurde das Tor wieder aufgedrückt,[15] und das Geschehen vom Mittag wiederholte sich. So verbreitete sich die Nachricht in kürzester Zeit.

Die ungarischen Grenzsoldaten reagierten besonnen auf die sich abzeichnende Massenflucht und schritten nicht ein. Dabei spielte vor allem der damals leitende Grenzoffizier Árpád Bella eine Rolle.[16] Mangels eindeutiger Anweisungen seiner Vorgesetzten wies er das Grenzpersonal an, die direkt vor ihren Augen vorübereilenden illegalen Grenzgänger schlicht zu ignorieren. Damit verstieß er gegen seine Dienstpflicht und riskierte eine Haftstrafe, verhinderte aber eine fast zwangsläufige Eskalation der Situation. Ein später hinzugekommener Vorgesetzter versuchte hektisch, einzelne DDR-Bürger aufzuhalten, konnte aber angesichts der Vielzahl nichts ausrichten.

Der ungarische Staatssicherheitsdienst wusste laut seiner Akten schon seit dem 10. Juli 1989, dass aufgrund eines Vorschlages von Otto Habsburg an der Grenze eine Veranstaltung geplant ist beziehungsweise informierte die ungarische Abwehr gegen die innere Reaktion am 31. Juli 1989 ihre Vorgesetzten über die Vorbereitungen des Soproner Paneuropäischen Picknicks.[17] Auch die Operativgruppe des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR (- die Präsenz der Stasi in Ungarn) hatte Informationen über das Paneuropäische Picknick, aber auch deren Offiziere reagierten nicht und der Stasi blieb nichts weiter übrig, als den Rücktransport der verlassenen Fahrzeuge zu organisieren.[18]

Zudem warteten Tausende DDR-Bürger etwas weiter entfernt auf die Chance zum Grenzübertritt, da sie nicht an die Öffnung der Grenze glaubten und den Vorgängen nicht trauten. Deshalb passierten an diesem Tag nur einige Hundert Menschen die Grenze. In den Folgetagen wurde die Bewachung der ungarischen Westgrenze auf Anweisung der ungarischen Regierung verstärkt[19], so dass nur noch verhältnismäßig wenigen die Flucht gelang. Mit der Massenflucht beim Paneuropäischen Picknick, dem daraufhin zögernden Verhalten der SED-Spitze und dem Nichteingreifen der Sowjetunion brachen dann die Dämme. Nun machten sich Ostdeutschen zu Zehntausenden nach Ungarn auf, das nicht mehr bereit war, seine Grenzen völlig dicht zu halten. Die Führung der DDR in Ostberlin wagte aber nicht, die Grenzen des eigenes Landes völlig zu verriegeln.[20] Der Österreichische Rundfunk berichtete – etwa am 26. August – von jeweils über einhundert geglückten Fluchtversuchen am Tag, bevor Ungarn am 11. September 1989 endgültig seine Grenze für DDR-Bürger öffnete.

Historische Einordnung

Das Paneuropäische Picknick gilt als wesentlicher Meilenstein der Vorgänge, die zum Ende der DDR und zur deutschen Wiedervereinigung führten.[21] Jährlich am 19. August finden Gedenkfeiern an der Stelle des Grenzdurchbruchs statt.

Zum Paneuropäischen Picknick diktierte Erich Honecker dem Daily Mirror folgende Erklärung:

„Habsburg verteilte Flugblätter bis weit nach Polen hinein, auf denen die ostdeutschen Urlauber zu einem Picknick eingeladen wurden. Als sie dann zu dem Picknick kamen, gab man ihnen Geschenke, zu essen und Deutsche Mark, dann hat man sie überredet in den Westen zu kommen.“

Erich Honecker : dem Daily Mirror am 19. August 1989
Paneuropäisches Picknick – 25. Jahrestag, Sopron 2014

Zu den Vorgängen im Sommer und Herbst 1989 und deren Bewertung hob der Deutsche Bundeskanzler Kohl die Ereignisse an der Grenze hervor. Es sei Ungarn gewesen, wo "der erste Stein aus der Mauer geschlagen" wurde, rief Helmut Kohl seinen Landsleuten am 4. Oktober 1990 in Berlin in Erinnerung, am Tag nach der Wiedervereinigung.[22]

EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso würdigte im Jahr 2009 das „friedliche Picknick an der österreichisch-ungarischen Grenze bei Sopron“, das „geholfen hat, den Verlauf der europäischen Geschichte zu verändern“. Dieses Ereignis habe dazu geführt, dass sich der „Eiserne Vorhang kurz öffnete“ und hat damit zu dessen „endgültigem Fall und der Wiedervereinigung Deutschlands“. Damit stehe es für den Anfang vom Ende der Teilung Europas durch den Kalten Krieg.[23]

Die Deutsche Bundeskanzlerin Merkel legte am 19. August 2009 an der Gedenksäule zum Picknick an der österreichischen ungarischen Grenze einen Kranz nieder und traf sich mit Zeitzeugen des Paneuropäische Picknicks vom August 1989. Dabei meinte sie, dass beim Paneuropäischen Picknick das Tor zur Freiheit ein unumkehrbares Stück weit geöffnet worden sei. Ungarn hat damit dem Willen der Freiheit von Deutschen aus der damaligen DDR so etwas wie Flügel verliehen, sagte Merkel.[24]

Erst durch Erinnerungskultur wurde das Paneuropäisches Picknick zum Symbol für die gesamte Fluchtbewegung des Sommers 1989. Die wichtige Rolle der ungarischen Oppositionsbewegung wurde zunehmend verschwiegen, die Rolle Habsburgs hervorgehoben. Der Gedächtnisort wurde von Politik und Medien für eigene Zwecke konstruiert, die Bedeutung für den Zusammenbruch des Ostblocks und die aktive Rolle Österreichs dabei übertrieben.[1]

Gedenkstätte

Denkmal der Aufnahme
Imre Kozma - Ungarischer Malteser Hilfsdienst

An der Stelle, wo seinerzeit das Grenztor von den Flüchtlingen durchbrochen wurde, erinnert heute ein Kunstwerk des ungarischen Künstlers Miklos Melocco an die damaligen Ereignisse. In die Kalksteinskulptur mit dem Titel "Durchbruch" das eine sich öffnende Türe darstellt, ist auch ein Stück der Berliner Mauer eingefügt.

1996 wurde in Fertőrákos nahe Sopron eine zehn Meter hohe Edelstahlplastik der Bildhauerin Gabriela von Habsburg errichtet. Sie symbolisiert ein aufgestelltes Stück Stacheldraht, das aus der Ferne die Form eines Kreuzes hat.

2004 wurde im Garten des Ungarischen Malteser Hilfsdienstes in Zugliget, einem Teil des 12. Budapester Gemeindebezirkes Hegyvidék, das Denkmal der Aufnahme errichtet. In der Zeit vom 14. August bis 14. November 1989 lebten die DDR-Flüchtlinge in dem hier errichteten Lager.[25]

Literatur

  • Gyula Kurucz (Hrsg.): Das Tor zur deutschen Einheit. Grenzdurchbruch Sopron 19. August 1989. edition q im Quintessenz-Verlag, Berlin 2000, ISBN 3-86124-529-9.
  • Magdalena Roder, Mona Schenk, Sarah Schrempel, Anne-Kristin Stoye: Der Nachgeschmack von Speck und Pörkölt. Das Paneuropäische Picknick – Der Durchbruch in die Freiheit (19. August 1989) / A pörkölt és szalonna utóíze. A Páneurópai Piknik – Áttörés a szabadságba (1989, augusztus 19.). Broschüre in deutscher und ungarischer Sprache, 88 Seiten, Format A5. Koordination und Redaktion: Herma Lautenschläger, Gymnasium St. Augustin in Grimma. Veröffentlicht mit Unterstützung der Konrad-Adenauer-Stiftung, Grimma 2014, ISBN 978-963-89918-4-3.
  Commons: Paneuropäisches Picknick  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. 1 2 Hildegard Schmoller: Das Paneuropäische Picknick als österreichischer Gedächtnisort zum Fall des Eisernen Vorhangs. In: Elisabeth Fendl (Hrsg.): Jahrbuch für deutsche und osteuropäische Volkskunde. 25 Jahre Erinnerung an das geteilte Europa. Münster/New York 2015, S. 34–54, hier: S. 47ff.
  2. Otmar Lahodynsky: Paneuropäisches Picknick: Die Generalprobe für den Mauerfall. In: Profil vom 9. August 2014.
  3. Ö1-Abendjournal vom 27. Juni 1989
  4. „So viel Anfang vom Ende.“ Die Presse, 20. Juni 2009
  5. Vgl. letzter Ministerpräsident der Volksrepublik Ungarn Miklós Németh im Interview mit Peter Bognar "Grenzöffnung 1989: „Es gab keinen Protest aus Moskau“" in Die Presse vom 18. August 2014.
  6. Vgl. letzter Ministerpräsident der Volksrepublik Ungarn Miklós Németh im Interview mit Peter Bognar "Grenzöffnung 1989: „Es gab keinen Protest aus Moskau“" in Die Presse vom 18. August 2014.
  7. Siehe "Ein Picknick als Testfall für die Maueröffnung" in NZZ vom 26. Juni 2014.
  8. Vgl. Thomas Roser: DDR-Massenflucht: Ein Picknick hebt die Welt aus den Angeln. Die Presse vom 16. August 2014.
  9. Vgl. Hans Rauscher: Das welthistorische Picknick an der Grenze, in: Der Standard vom 16. August 2009.
  10. Vgl. Hilde Szabo "Die Berliner Mauer begann im Burgenland zu bröckeln" in Wiener Zeitung vom 16. August 1999; Otmar Lahodynsky "Paneuropäisches Picknick: Die Generalprobe für den Mauerfall" in Profil vom 9. August 2014; Ludwig Greven: Und dann ging das Tor auf, in: Die Zeit vom 19. August 2014.
  11. Der 19. August 1989 war ein Test Gorbatschows, FAZ vom 19. August 2009.
  12. Andreas Rödder: Deutschland einig Vaterland - Die Geschichte der Wiedervereinigung. 2009, S. 52.
  13. Geschichte der Paneuropa-Union
  14. Europa – 1989 geteilt, 2009 geeint (BMeiA): Paneuropäisches Picknick: Ungarn öffnet Grenzen
  15. So die den Erinnerungen von Walter Sobel, in: Jens Bauszus: Paneuropäisches Picknick. Das Loch im Eisernen Vorhang. In: Focus-online, 19. August 2009.
  16. Torsten Hampel: Der Durchbruch. In: Der Tagesspiegel. 19. August 2014.
  17. Siehe György Gyarmati, Krisztina Slachta (Hrsg.) "Das Vorspiel für die Grenzöffnung", Budapest 2014, S. 89ff.
  18. "Picknick in die Freiheit - Das Paneuropäische Picknick in Sopron und die Stasi" BStU abgerufen am 3. April 2017; http://www.bstu.bund.de/DE/BundesbeauftragterUndBehoerde/Aktuelles/20140815_paneuropaeisches-picknick-in-die-freiheit_eiserner-vorhang_sopron.html
  19. Ö1-Mittagsjournal vom 26. August 1989
  20. Vgl. Michael Frank: Paneuropäisches Picknick – Mit dem Picknickkorb in die Freiheit, in: SZ vom 17. Mai 2010.
  21. spiegel.de: Der erste Stein
  22. Siehe Walter Mayr "Der erste Stein" in Der Spiegel vom 25. Mai 2009.
  23. Der 19. August 1989 war ein Test Gorbatschows. FAZ vom 19. August 2009.
  24. Siehe "Merkel dankt Ungarn für Öffnung des Eisernen Vorhangs" in NZZ vom 19. August 2009.
  25. Ungarn gedenkt Aufnahme von DDR-Flüchtlingen von Pater Imre Kozmar abgerufen am 10. Mai 2009