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vom 24.05.2018, aktuelle Version,

Steirischer Herbst

steirischer herbst

Logo und Claim steirischer herbst 2018
Allgemeine Informationen
Ort Graz und Steiermark, Österreich
Genre Theater, Tanz, Performance, Bildende Kunst, Musik, Party, Diskurs
Zeitraum September/Oktober
Website www.steirischerherbst.at

Der Steirische Herbst (Eigenschreibweise: steirischer herbst) ist ein internationales Festival für zeitgenössische Kunst, das jährlich im September/Oktober in der Steiermark stattfindet. Er wurde 1968 von Hanns Koren gegründet[Anm. 1] und ist das älteste Festival für „neue“ Kunst in Europa.

Zentrale Merkmale des steirischen herbst sind einerseits die Vernetzung der verschiedenen Kunstdisziplinen (Theater, Bildende Kunst, Film, Literatur, Tanz, Musik, Architektur, Performance, Neue Medien und Theorie), daher die Bezeichnung als Mehr- bzw. Allspartenfestival, und andererseits sein Selbstverständnis als „produzierendes Festival“ („originale“ Arbeiten, Uraufführungen und Auftragsarbeiten).

Seit 2007 ist der steirische herbst Teil des von der Europäischen Union geförderten Kulturnetzwerks NXTSTP.[1]

Künstlerische Leitung / Intendanten

In den ersten Jahren wurde der steirische herbst von Gremien (Programmkuratorium, Direktorium) geleitet, die mit den wesentlichsten Protagonisten des steirischen Kulturlebens besetzt war. Ab 1983 wurden Intendanten bestellt, die für das Programm verantwortlich zeichneten:

Höhepunkte

Gerald Szyszkowitz inszenierte 1969 erstmals den Text „Zur schönen Aussicht“ des Schriftstellers Ödön von Horváth. Für den steirischen herbst 1983 schrieb Literaturnobelpreisträger Samuel Beckett mit „Was Wo“ das einzige Auftragswerk seines Lebens.[6]

2003 war – nach Auszeichnungen und Publikumszahlen – das erfolgreichste Jahr des Festivals: Beat Furrers Musiktheater „Begehren“ wurde zur Uraufführung des Jahres, Händl Klaus für sein Stück „wilde. der mann mit den traurigen augen“ zum Nachwuchsdramatiker des Jahres gewählt, insgesamt besuchten über 130.000 Besucher die Produktionen des Festivals.

Mit „Truth is Concrete“ wurde 2012 ein „24/7-Marathon-Camp über künstlerische Strategien in der Politik und politische Strategien in der Kunst“[7] eröffnet, das über eine Woche durchgehend rund 250 Künstlerinnen und Künstler, Aktivistinnen und Aktivisten, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in der Grazer Thalia-Bar versammelte. Mit einer Gesamtzeit von 170 Stunden handelt es sich hierbei um die längste Programmschiene in der Festivalgeschichte.[8]

2016 feierte die erste Bühnenarbeit des thailändischen Filmregisseurs Apichatpong Weerasethakul, „Fever Room“, im Rahmen des steirischen herbst seine Erstaufführung im deutschsprachigen Raum. Das Nachrichtenmagazin Der Spiegel rezensierte das Stück im Anschluss als „eine der unglaublichsten Bühnenarbeiten unserer Zeit“.[9]

Im Jahr 2017 fand der steirische herbst zum 50. Mal statt. Als Höhepunkte des Jubiläumsjahres galten unter anderem die erstmalige Verfilmung von Elfriede Jelineks Roman „Die Kinder der Toten“ an Originalschauplätzen in und um Neuberg an der Mürz[10] sowie das als eines der „brillantesten Werke der Gegenwartschoreografie“[11] bezeichnete „Bacchae – Prelude to a Purge“ von Choreografin Marlene Monteiro Freitas. Darüber hinaus wurde des Archiv des Festivals digitalisiert und somit der Öffentlichkeit zugänglich gemacht[12], wie auch eine Jubiläumsausstellung im GrazMuseum eingerichtet[13]. In den ersten 50 Festivaljahren besuchten mehr als drei Millionen Menschen Aufführungen des steirischen herbst.[14]

Beteiligte Institutionen

An der Gründung des Festivals waren das Forum Stadtpark, das Jugendmusikfest Deutschlandsberg und die Steirische Akademie beteiligt. Der ORF brachte seine Programmschiene musikprotokoll (eine Reihe zeitgenössischer Musik) in das Festival ein. Die Grazer Oper, das Schauspielhaus Graz und die Neue Galerie Graz waren ebenso von Anfang an eingebunden. Im Laufe der Geschichte des Festivals gab es Kooperationen mit dem Kunsthaus Graz, Medienturm, Camera Austria, pool, Theater im Bahnhof, Literaturhaus Graz, manuskripte, schreibkraft, Kulturzentrum Wolkenstein, kunsthaus muerz (Mürzzuschlag), K.U.L.M.[15] (Pischelsdorf), Pavelhaus.

Steirischer Herbst 2004, Third Places, ASKÖ-Stadion Graz-Eggenberg
Steirischer Herbst 2006, traurig sicher, im Training, Palais Thinnfeld
Steirischer Herbst 2011, Festivaldistrikt: Laden, Mariahilferstraße 13

Spielstätten

Außer in den Jahren 2003 bis 2005 mit der Helmut-List-Halle – in der der steirische herbst insgesamt 13 Mal eröffnet wurde[16] – verfügte und verfügt der steirische herbst über keine eigene Spielstätte und war daher gezwungen, Räumlichkeiten in der Steiermark zu finden und zu adaptieren. Produktionen in aufgelassenen Industriehallen, Schwimmbädern, Stollensystemen, Brücken, Schaufensterflächen und häufig in öffentlichen Räumen (auf der Website OFFSITE_GRAZ[17] sind alle Kunstwerke im öffentlichen Raum Graz zu finden) sind die Konsequenz.

Darüber hinaus eröffnet das Festival seit Mitte der 1990er-Jahre regelmäßig „herbst-Bars“ an diversen Orten in Graz[18]; unter der Intendanz von Veronica Kaup-Hasler wurden weiters Festivalzentren als zentrale Spielorte forciert. Das 2016 als solches Zentrum initiierte Projekt „Haus der offenen Tore“ wurde in der Folge mit dem Outstanding Artist Award des Österreichischen Bundeskanzleramts ausgezeichnet.[19] Zum 50-Jahre-Jubiläum des steirischen herbst 2017 wurde das Grazer Palais Attems – das unter anderem seit 1985 die Büroräumlichkeiten und das Archiv des Festivals beherbergt – zum Festivalzentrum umfunktioniert.[20]

Skandale

Oft wird der steirische herbst mit dem Begriff „Skandal“ verbunden: 1968, am zweiten Tag der Festivalgeschichte, wurde die Diskussion „Biennale, Dokumentà und die Situation der Kunst unserer Zeit“ im Grazer Schloss Eggenberg wegen Protesten vorzeitig abgebrochen.[21] 1975 provozierte das im Hauptabendprogramm des ORF übertragene Theaterstück „Gespenster“ von Wolfgang Bauer ebenso heftige Diskussionen wie 20 Jahre später Werner Schwabs Stücke.

Die Uraufführung des Jazzoratoriums „The Holy Grail of Jazz and Joy“ von George Gruntz nach Texten von Alfred Lord Tennyson fand 1985 ohne Publikum statt: Naturschützer hatten gegen die Aufführung protestiert und sich um die Ökologie des Aufführungsorts – der Lurgrotte – besorgt gezeigt.[22]

Zum 50. Jahrestag des Anschlusses an Hitler-Deutschland ließ Werner Fenz 1988 unter dem Titel „Bezugspunkte 38/88“, Grazer Orte, die während des Nationalsozialismus an exponierter Stelle standen, künstlerisch gestalten. Arbeiten von IRWIN, Bill Fontana sorgten für Aggression und Diskussion, Hans Haackes „Siegessäule“ fiel gar einem Brandanschlag[23] zum Opfer. 1998 sorgte Christoph Schlingensief mit seinem Sandler-Pfahlsitz-Wettbewerb „Chance 2000 für Graz“, die einige Jahre später bei der Biennale in Venedig wiederholt wurde, für Erregung.

Literatur

  • Paul Kaufmann (Hrsg.): 10 Jahre Steirischer Herbst, eine Bilanz (1968–1977). Mundus-Verlag, Wien 1977, ISBN 3-85190-101-0.
  • Werner Jauk: Neue Kunst und Öffentlichkeit. Analysen zum Interesse der anonymen Öffentlichkeit am Steirischen Herbst sowie zu dessen Prestigeeinschätzung. S.n., Graz 1986, OBV.
  • Paul Kaufmann (Hrsg.): 20 Jahre Steirischer Herbst, eine Dokumentation (1968–1987). Zsolnay-Verlag, Wien (u. a.) 1988, ISBN 3-552-81988-6.
  • Max Reisinger: Steirische Kulturpolitik 1965 bis 1975. Der Steirische Herbst. Diplomarbeit. Universität Graz, Graz 1994, OBV.
  • Christine Resch: Kunst als Skandal – der Steirische Herbst und die öffentliche Erregung. Beiträge zu Kulturwissenschaft und Kulturpolitik, Band 4, ZDB-ID 2327054-8. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1994, ISBN 3-85115-196-8.
  • Heidrun Melbinger-Wess: „Steirischer Herbst“. Impulsgeber für die Pädagogik. Diplomarbeit. Akademie der Bildenden Künste Wien, Wien 1995, OBV.
  • Gernot Höfler: 30 Jahre Musikprotokoll – ein Festival als Spiegel musikkulturellen Wandels. Diplomarbeit. Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Graz, Graz 1997, OBV.
  • Horst Gerhard Haberl (Hrsg.): Pferscha – Pfirsich. Auf, zum steirischen Herbst! (Erscheinungsverlauf: 09.1972–10.1974; Pool, Graz, ZDB-ID 2643977-3). (Mikrofilm-Ausgabe). Steiermärkische Landesbibliothek, Graz 2005, OBV.
  • 40x Steirischer Herbst. (Beiheft 2007,177 zu:) Manuskripte. Zeitschrift für Literatur, Graz 2007, ZDB-ID 505358-4, OBV.
  • Lisa Obermayer: Ein Park wirft sich in Schalung. Temporäre Bauten für den Steirischen Herbst. Diplomarbeit. Technische Universität Graz, Graz 2014, OBV.
  • Martin Behr, Martin Gasser, Johanna Hierzegger, steirischer herbst (Hrsg.): herbstbuch 1968–2017. Styria Verlag, Graz 2017, ISBN 978-3-222-13577-4. (Online)
  Commons: Steirischer Herbst  – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. about | NXTSTP. Abgerufen am 28. November 2017 (englisch).
  2. 1 2 3 4 Martin Behr, Martin Gasser, Johanna Hierzegger, steirischer herbst (Hrsg.): herbstbuch 1968-2017. Styria Verlag, Graz 2017, ISBN 978-3-222-13577-4, S. 52.
  3. „steirischer herbst“: Kaup-Hasler für weitere fünf Jahre Intendantin. In: kleinezeitung.at, 30. Juni 2008, abgerufen am 16. Juli 2010;
    herbst-Intendantin zahlt Geld zurück. Heikel: steirischer-herbst-Intendantin Kaup-Hasler muss vor Vertragsverlängerung Valorisierungen zurückzahlen (Memento vom 6. November 2013 im Internet Archive). In: kleinezeitung.at, 11. Dezember 2009, abgerufen am 19. Juni 2015;
    Kaup-Hasler bis 2014 „herbst“-Intendantin. In: steiermark.orf.at, 23. Jänner 2010, abgerufen am 16. Juli 2010.
  4. Kaup-Hasler verlängert beim „steirischen herbst“. In: kleinezeitung.at, 13. Juni 2014, abgerufen am 19. Juni 2015.
  5. Ekaterina Degot ist neue „herbst“-Intendantin. In : news.orf.at, 7- April 2017, abgerufen am 7. April 2017
  6. Ewig modern: der Steirische Herbst. In: Die Presse. (diepresse.com [abgerufen am 28. November 2017]).
  7. steirischer herbst: Truth is concrete 2012 / steirischer herbst 2012 / Jahre / Archiv / Home - steirischer herbst. Abgerufen am 28. November 2017.
  8. Martin Behr, Martin Gasser, Johanna Hierzegger, steirischer herbst (Hrsg.): herbstbuch 1968-2017. Styria Verlag, Graz 2017, ISBN 978-3-222-13577-4, S. 123.
  9. Matthias Dell: Ausnahme-Performance "Fever Room": Ein Fest der Lebenden und der Toten. In: Spiegel Online. 30. September 2016 (spiegel.de [abgerufen am 28. November 2017]).
  10. Petra Paterno: Kirtag in Kapellen: Nature Theater of Oklahoma verfilmt "Die Kinder der Toten" von Jelinek. In: Bühne - Wiener Zeitung Online. (wienerzeitung.at [abgerufen am 28. November 2017]).
  11. STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H.: "Bacchae": Eine Zerreißprobe von Marionetten und Monstren. In: derStandard.at. (derstandard.at [abgerufen am 28. November 2017]).
  12. steirischer herbst: herbst-Archiv – analog und digital. In: steirischerherbst. (steirischerherbst.at [abgerufen am 28. November 2017]).
  13. steirischer herbst: Diese Wildnis hat Kultur | 50 x steirischer herbst. In: steirischerherbst. (steirischerherbst.at [abgerufen am 28. November 2017]).
  14. Martin Behr, Martin Gasser, Johanna Hierzegger, steirischer herbst (Hrsg.): herbstbuch 1968-2017. Styria Verlag, Graz 2017, ISBN 978-3-222-13577-4, S. 42.
  15. http://www.kulm.net/
  16. Martin Behr, Martin Gasser, Johanna Hierzegger, steirischer herbst (Hrsg.): herbstbuch 1968-2017. Styria Verlag, Graz 2017, ISBN 978-3-222-13577-4, S. 29.
  17. OFFSITE_GRAZ: http://offsite.kulturserver-graz.at/
  18. Martin Behr, Martin Gasser, Johanna Hierzegger, steirischer herbst (Hrsg.): herbstbuch 1968-2017. Styria Verlag, Graz 2017, ISBN 978-3-222-13577-4, S. 290.
  19. Outstanding Artist Award 2017 an <rotor> | www.gat.st. 14. August 2012, abgerufen am 28. November 2017 (englisch).
  20. steirischer herbst: Festivalzentrum im Palais Attems. In: steirischerherbst. (steirischerherbst.at [abgerufen am 28. November 2017]).
  21. Martin Behr, Martin Gasser, Johanna Hierzegger, steirischer herbst (Hrsg.): herbstbuch 1968-2017. Styria Verlag, Graz 2017, ISBN 978-3-222-13577-4, S. 377.
  22. Martin Behr, Martin Gasser, Johanna Hierzegger, steirischer herbst (Hrsg.): herbstbuch 1968-2017. Styria Verlag, Graz 2017, ISBN 978-3-222-13577-4, S. 376.
  23. Christian Nusser: Anschlag auf Mahnmal geklärt. Zwei NDP-Aktivisten in Haft. Polizisten erkannten Attentäter bei Schweigemarsch in Grazer Innenstadt wieder. In: Arbeiter-Zeitung. Wien 11. November 1988, S. 11.

Anmerkungen

  1. Gründungskomitee 1968:
    Vorsitz: Hanns Koren (Landeshauptmannstellvertreter, Steiermärkische Landesregierung)
    Mitglieder: Emil Breisach (Intendant des ORF-Landesstudios Steiermark), Erich Marckhl (Präsident der Akademie für Musik und darstellende Kunst in Graz), Reinhold Portisch (Generalsekretär des Musikvereins für Steiermark), Wilfried Skreiner (Leiter der Neuen Galerie am Steiermärkischen Landesmuseum Joanneum), Günter Waldorf (Präsident des Forums Stadtpark)
    Gast: Christian Kleinwächter (Bundesministerium für Unterricht, Wien)
    Generalsekretär: Paul Kaufmann
    In: Paul Kaufmann: 20 Jahre Steirischer Herbst, S. 407.