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vom 13.06.2017, aktuelle Version,

Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien

Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien
Rechtsform Forschungsinstitut
Gründung 2009
Gründer Simon Wiesenthal, Ingo Zechner, Avshalom Hodik, Anton Pelinka, Brigitte Bailer-Galanda und Bertrand Perz
Sitz Wien
Personen Béla Rásky, Éva Kovács, Greta Anderl, Sandro Fasching, Barbara Grzelaková, Philipp Rohrbach, Jana Starek
Aktionsraum Europa
Schwerpunkt Holocaustforschung
Methode Forschung – Dokumentation – Vermittlung
Angestellte 7 MitarbeiterInnen, 8 Fellows
Website http://www.vwi.ac.at/
Pressekonferenz zur Gründung mit Ingo Zechner, Avshalom Hodik, Anton Pelinka, Brigitte Bailer-Galanda und Bertrand Perz (von links nach rechts) im Juni 2006

Das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Studien (Vienna Wiesenthal Institute, VWI) ist ein noch zu Lebzeiten von Simon Wiesenthal und Wissenschaftlern aus dem In- und Ausland konzipiertes Forschungszentrum in Wien, das sich der Erforschung, Dokumentation und Vermittlung von allen Fragen widmet, die Antisemitismus, Rassismus und Holocaust, einschließlich dessen Vorgeschichte und Folgen, betreffen. Es befindet sich seit Oktober 2012 im Vollbetrieb und wird zu gleichen Teilen von der Stadt Wien und dem Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft gefördert.

Entstehungsgeschichte

Die Israelitische Kultusgemeinde Wien (IKG) ergriff im Jahr 2002 gemeinsam mit zahlreichen namhaften Institutionen die Initiative, ein internationales Shoah-Forschungszentrum in Wien zu errichten. An der Konzeption war der im September 2005 verstorbene Simon Wiesenthal noch persönlich beteiligt.

Im Dezember 2002 erfolgte eine Zusage der Stadt Wien, sich im selben Ausmaß an der Finanzierung des Vorhabens zu beteiligen wie die Republik Österreich. Im März 2008 wurde in einem Ministerratsvortrag schließlich auch die Unterstützung des VWI durch die Republik Österreich zugesagt. In der Folge konnte im Frühjahr 2009 der Bürobetrieb aufgenommen werden.

In der Vorlaufphase 2010 und 2011 wurde der Grundstein für eine wissenschaftliche Fachbibliothek und ein eigenes Archiv (auf Basis der holocaustrelevanten Dokumente des Archivs der IKG) gelegt, diverse Veranstaltungsformate – Vorträge, Buchpräsentationen, Konferenzen und Workshops sowie mediale Interventionen im öffentlichen Raum in Erinnerung an die Shoah – konzipiert und erprobt sowie schließlich ein langfristiger Entwicklungsplan entwickelt, ein wissenschaftliches Forschungsprogramm vorbereitet.

Organisation

Träger

VWI-Workshop Alma Mater Antisemitica, 2012

Trägerorganisation des VWI ist ein Verein, zu dem sich noch in der Gründungsphase die Israelitische Kultusgemeinde Wien, das Dokumentationszentrum des Bundes Jüdischer Verfolgter des Naziregimes (Simon Wiesenthal Archiv), das Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes DÖW, das Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien, das Institut für Konfliktforschung, das Jüdische Museum Wien und das IFK Internationales Forschungszentrum Kulturwissenschaften zusammengeschlossen hatten. Nach Auseinandersetzungen um die Nutzung des Archivs der Israelitischen Kultusgemeinde Wien verließen das Institut für Konfliktforschung und das IFK im November 2009 den Trägerverein, die Vertreter dieser Einrichtungen im Vorstand auch das Leitungsgremium des Instituts.[1]

Nach Beilegung der Auseinandersetzungen sowie der Unterzeichnung des Leihvertrages über die Nutzung der holocaustrelevanten Teile des IKG-Archivs durch den neuen Vorstand wurde der Trägerverein Anfang 2010 um die Internationale Allianz für Holocaust-Gedenken (IHRA) bzw. das Zentrum für jüdische Kulturgeschichte an der Universität Salzburg erweitert. Der Aufbau des Instituts und die Vorbereitungen zur Aufnahme des Vollbetriebs erfolgten auf Basis des noch in der Gründungsphase entwickelten Stufenplans. Mit dem Start des Fellowship-Programms, dem Eintreffen der ersten internationalen Stipendiaten im Herbst 2012 konnte dieser Vollbetrieb aufgenommen werden.

Das Institut hat im Dezember 2016 sein neues Bürogebäude am Wiener Rabensteig bezogen. Im neuen Institutsgebäude befindet sich im Erdgeschoss auch das Museum Simon Wiesenthal – Die Zukunft des Erinnerns.

Gremien

Der Vorstand des VWI wird von den Trägerorganisationen beschickt, der Vorstand hat die höchste Entscheidungsbefugnis in allen organisatorischen Belangen des VWI. Zum Vorstandsvorsitzenden wurde Anton Pelinka gewählt, seine Stellvertreter waren Bertrand Perz und Avshalom Hodik. Am 1. Januar 2009 wurde Ingo Zechner zum Geschäftsführer des VWI bestellt.

Einladung zur Simon Wiesenthal Conference 2012

Im November 2009 traten nach erfolglosen Verhandlungen mit der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (IKG) über die Nutzung der von der Kultusgemeinde verwalteten Archive, welche eine wichtige Grundlage für die vorgesehene Forschungsarbeit des VWI waren, mehrere Vorstandsmitglieder (darunter der Vorsitzende Anton Pelinka), der Geschäftsführer Ingo Zechner sowie 12 der 15 Mitglieder des Internationalen Wissenschaftlichen Beirats aus Protest gegen die Vorgangsweise der IKG zurück.[1] Nach der Darstellung des neuen, in der VWI-Vereinsgeneralversammlung vom 5. November 2009 gewählten Vorstandsvorsitzenden Georg Graf in der VWI-Pressekonferenz vom 12. Jänner 2010 entspricht der von ihm unterzeichnete Leihvertrag zwischen der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und dem VWI wortwörtlich der von seinen Vorgängern ausgearbeiteten Version: Die Auseinandersetzungen und der Rücktritt von Anton Pelinka seien – so Graf auf eine Anfrage – vielmehr auf persönliche Konflikte zwischen Pelinka und dem Präsidenten der IKG, Ariel Muzicant zurückzuführen gewesen.[2] Zu Stellvertretern des Vorstandsvorsitzenden wurde im November 2009 Brigitte Bailer-Galanda und Dr. Ariel Muzicant gewählt.

Mit 1. Jänner 2010 übernahm der Wiener Zeithistoriker Béla Rásky[3] die wissenschaftliche und administrative Leitung des Instituts. Seit Oktober 2012 ist ihm die Budapester Soziologin Éva Kovács, unter anderen auch Studienleiterin an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften, für die Forschungsaufgaben des Instituts beigestellt. Als wissenschaftliche Programmleiterin ist sie auch für die wissenschaftliche Betreuung der am Institut forschenden Fellows zuständig. Das VWI-Team umfasst noch weitere, zum Teil vorerst nur teilzeitbeschäftigte fünf Mitarbeiter.

In wissenschaftlichen Fragen kommt dem Internationalen Wissenschaftlichen Beirat eine Schlüsselrolle zu. Dieser umfasst mindestens neun international anerkannte Experten, von denen maximal drei Österreich tätig sein dürfen. Besonderer Wert wird auf die interdisziplinäre Ausrichtung gelegt. Wie der Vorstand wird der Beirat auf drei Jahre von der Generalversammlung des VWI gewählt. Dem Beirat, der sich einmal im Jahr, immer zu Beginn des akademischen Jahres in Wien zu Beratungen trifft, die wissenschaftliche Tätigkeit des Instituts aber laufend begleitet, gehören im Jänner 2017 folgende Mitglieder an (in alphabetischer Reihenfolge):

Tätigkeitsschwerpunkte

Spurensuche an einem vergessenen Ort: ehemalige Synagoge Wien 20, Kaschlgasse – 9. November

Die Tätigkeit des VWI baut auf den drei Grundpfeilern Forschung, Dokumentation und Vermittlung auf. In diesen Bereichen widmet sich das Institut allen Fragen, die Antisemitismus, Rassismus und Holocaust betreffen, einschließlich dessen Vorgeschichte und Folgen.

Die Forschung ist im VWI international und interdisziplinär ausgerichtet und findet in zweierlei Form statt: im Rahmen des Fellowship-Programms sowie in Form von Forschungsprojekten flexibler Dauer. Mehrere von der wissenschaftlichen Programmleiterin, der Geschäftsführung und den Mitarbeitern des Instituts mithilfe des Beirats ausgearbeitete Projekte zur Geschichte des Antisemitismus und zur Geschichte des Holocaust befinden sich zurzeit in Ausarbeitung bzw. in der Phase der Antragstellung.

Seit November 2010 ist das Wiener Wiesenthal Institut für Holocaust-Forschung (VWI) zusammen mit 19 anderen wissenschaftlichen Einrichtungen aus 13 Ländern auch im Konsortium des EU-Projektes European Holocaust Research Infrastructure vertreten, das Ende 2014 als EHRI-2 verlängert wurde.

VWI Newsletter Cover 2014/01

Ziel der dokumentarischen Arbeit des VWI ist die Zusammenführung bislang verstreuter thematisch relevanter Archivbestände, deren Bewahrung und Erschließung durch Findmittel. Ein erster Schritt dazu ist die Mitarbeit an der Online-Plattform ns-quellen.at, die vom VWI beim Wiener Forschungsbüro. Verein für wissenschaftliche und kulturelle Dienstleistungen in Auftrag gegeben und im März 2011 abgeschlossen wurde. Die Digitalisierung der holocaustrelevanten Teile des IKG-Archivs hat mit den Arbeiten an den sog. Jerusalemer Beständen des Archivs im September 2010 begonnen. Für die Erschließung des Archivs wird die in Österreich weit verbreitete Archivdatenbank „scopeArchiv“ eingesetzt. Die Bibliothek des Instituts ist eine öffentliche zugängliche Präsenzbibliothek, deren Katalog über die Österreichische Verbundbibliothek eingesehen werden kann: Schwerpunkt der Sammeltätigkeit sind in Österreich schwer greifbare Bücher zu den Forschungsschwerpunkten des Instituts. Sie umfasst zurzeit ca. 14.000 Bände und wird laufend ausgebaut.

Im Herbst 2012 startete das Fellowship-Programm des VWI. Seither forschen zwei Senior, zwei Research und vier Junior Fellows zwischen sechs und elf Monaten per akademisches Jahr am Institut. Ihre Forschungsmethoden, -probleme und -ergebnisse werden im Laufe ihres Wiener Aufenthaltes in internen Seminaren und öffentlich zugänglichen Kolloquien diskutiert. Nach Abschluss ihres Fellowships veröffentlicht die seit Herbst 2014 erscheinende elektronische Zeitschrift des Instituts S:I.M.O.N. – Shoah: Intervention. Methods. DocumentatiON. in ihrer Rubrik "Articles" die einem Peer-Review-Verfahren unterzogenen Forschungsergebnisse der Fellows.

Die Ausschreibung für die Fellowships findet in der Regel am Ende eines Kalenderjahres statt. Über die Vergabe der Forschungsstipendien entscheidet eine Subkommission des internationalen wissenschaftlichen Beirats jeweils im Frühling eines Jahres.

Seit Herbst 2014 gibt das Institut im Wiener Verlag new academic press auch zwei Buchreihen heraus. Die VWI-Studienreihe widmet sich mit Monographien der Erforschung wichtiger Teilaspekte des Themengebiets des Instituts, die Beiträge des VWI zur Holocaustforschung fassen die redaktionell bearbeiteten Vorträge an den Konferenzen und Workshops des Instituts zusammen. Bis Jänner 2017 sind insgesamt sechsBände erschienen, weitere befinden sich in Vorbereitung.

Über die laufenden Aktivitäten des Instituts informiert der jährlich erscheinende Newsletter VWI im Fokus.

Veranstaltungen

Lesung von Anthony Dirk Moses, 2010

Dem Bereich Vermittlung dienen die diversen Veranstaltungsformate des Instituts, im Rahmen derer wissenschaftliche Resultate sowohl einem Fach- als auch einem weiteren Publikum präsentiert werden. Mediale und/oder künstlerische Interventionen im öffentlichen Raum versuchen, zum Teil mit innovativen Herangehensweisen und Präsentationsformen der Shoah zu gedenken. Ein Ausstellungszentrum ist angedacht, bleibt aber eine Frage der Finanzierungsmöglichkeit.

Die inzwischen zum Markenzeichen des VWI avancierten Simon Wiesenthal Lectures versuchen, den aktuellen Stand der Holocaustforschung mit der Hilfe renommierter internationaler Forscher einem breiteren Publikum näher zu bringen. Sie finden regelmäßig, ca. alle sechs Wochen, im Dachfoyer des Haus-, Hof- und Staatsarchivs am Wiener Minoritenplatz statt. Anfang 2017 hielt die Serie bei über fünfzig Vorträgen.

Ein weiteres Flaggschiff der Veranstaltungen des VWI sind die inzwischen alljährlich am Ende eines Kalenderjahres stattfindenden Simon Wiesenthal Conferences. 2011 hatten sie mit Partituren der Erinnerung die Aufarbeitung des Holocaust in der zeitgenössischen Musik zum Thema, 2012 folgte mit Als der Holocaust noch keinen Namen hatte die frühe Aufarbeitung des Holocaust zwischen 1944 und 1955. Im Dezember 2013 organisierte das Institut gemeinsam mit dem Washingtoner United States Holocaust Memorial Museum die Simon Wiesenthal Conference unter dem Titel Kollaboration und Mittäterschaft in Osteuropa im Zweiten Weltkrieg und im Holocaust im Wiener Palais Trautson. Die Simon Wiesenthal Conference 2014 – in Zusammenarbeit mit dem Österreichischen Rundfunk (ORF) – widmete sich der Aufarbeitung des Holocaust im Fernsehen Ost- und Westeuropas bzw. der USA, wobei der 35. Jahrestag der Ausstrahlung der TV-Serie Holocaust – Die Geschichte der Familie Weiss im ORF als unmittelbarer Anlass diente. Die Konferenz des Jahres 2015 hatte den Antisemitismus an Europas Peripherien, vor allem seinem Einfluss auf antisemitischen Tendenzen in Europas Zentren, zum Thema.

Homepage von S:I.M.O.N.

Jeweils in der Jahresmitte, Ende Mai oder Anfang Juni, veranstaltet das VWI weiters eine zweitägige Tagung mit Workshop-Charakter, in der Regel in Kooperation mit anderen wissenschaftlichen Einrichtungen. Alma Mater Antisemitica widmete sich im Juni 2012 an der Akademie der bildenden Künste Wien dem Antisemitismus an den europäischen Hochschulen der Zwischenkriegszeit, Heritage Recovered im Mai 2013 an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften dem Holocaust in jüdischen Archiven, Storylines and Blackboxes 2014 mit den Instituten für Zeitgeschichte der Universität Wien sowie für Europäische Ethnologie der Universität Wien den Fragen der diskursiven Aufarbeitung von Gewalterfahrungen. 2015 wurde das neue Wissenschaftsfach der forensischen Archäologie, 2016 gemeinsam mit dem Jüdischen Museum in Prag die Frage der Entstehung des modernen Staatsbürgerschaftsbegriffs im Gefolge der Umgestaltung Europas nach 1919 erörtert. Für Juni 2016 befindet sich in Kooperation mit dem IFK Internationalen Forschungszentrum Kulturwissenschaften ein Workshop zu Hannah Arendt in Vorbereitung.

Die Vorträge und Konferenzbeiträge sind – ausgenommen die Vortragenden erklären sich damit nicht einverstanden – im Sinne der Open-Access-Policy des Instituts über den YouTube-Kanal des VWI vier bis sechs Wochen nach dem Ereignis abrufbar.

Anfang 2013 wurden die Veranstaltungen des VWI 2013 um ein weiteres Format bereichert: Seither werden ein. bis zweimal im Jahr im Rahmen der Reihe VWI-Visuals unbekannte, vergessene oder kontroverse Filme mit einer Einführung oder einer anschließenden Diskussion im Wiener Admiralkino vorgeführt.

Im Rahmen eines von der Berliner Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft geförderten Projekts arbeitet das VWI an einer Aufarbeitung der jüdisch-ungarischen Zwangsarbeit in Wien 1944/1945. Die ersten Ergebnisse dieser Arbeit werden auf der Homepage des Projekts präsentiert.

2014 und 2016 nahm das Institut an der vom Bundesministerium für Wissenschaft, Forschung und Wirtschaft organisierten Langen Nacht der Forschung teil und wird im Oktober 2017 an der Langen Nacht der Museen des ORF teilnehmen.

Einzelnachweise

  1. 1 2 Anton Pelinka, Mein Abschied vom Wiener Wiesenthal Institut, Gastkommentar in der Zeitschrift profil, 16. November 2009; Ingo Zechner, Zensur durch Muzicant, Gastkommentar in der Zeitschrift profil, 8. Dezember 2009; Meldung zum Rücktritt des Internationalen Wissenschaftlichen Beirats, profil vom 18. November 2009
  2. VWI-Pressekonferenz vom 12. Jänner 2010; abgerufen am 15. Feb. 2011
  3. ORF-Online: VWI: Nach dem Streit beginnt nun die Arbeit; abgerufen am 15. Feb. 2011
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