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Markus Caspers: Designing Motion#

Markus Caspers: Designing Motion / Automobildesigner von 1890 bis 1990, Birkhäuser, 2016 / Rezension von krusche martin

Markus Caspers: Designing Motion
Markus Caspers: Designing Motion

Ich habe viele Jahre bestaunt, daß allgemein kein besonders Interesse an Industriedesign festzustellen ist. Immerhin durchdringt das unsere Alltag permanent, zieht uns in eine Welt der Dinge, die von merkwürdigen und interessanten Prozessen geprägt ist.

Ich erinnere mich an Schultage und einen Unterricht, in dem uns von Epochen der Kunst erzählt wurde. Wir waren als Jugendliche mit unterschiedlicher Widerstandskraft gegen den bildungsbürgerlichen Kultur-Kanon ausgestattet und in der Popkultur zuhause. Das schien allerweil für Konfrontationen gut.

Wie spannend wäre es gewesen, hätten wir nebst Lektionen in Sachen Romanik, Gotik und Barock auch was über die Wiener Werkstätten oder das Bauhaus erfahren. Auch über die Massengüter, mit denen wir aufgewachsen sind. Sessel, Lampen, Radios, Uhren, Schreibmaschinen… Und Autos! Automobildesign hat sein Epochen und seine raffinierten Formenspiele wie auch Kirchen, Gemälde und Kleidung.

Allein die gängigen Klagen, wie ansprechend frühere Automobile ausgesehen hätten und wie unerheblich sie uns heute erscheinen würden, ziehen sich durch mehrere Jahrzehnte. Da die Volksmotorisierung in Europa erst nach dem Zweiten Weltkrieg eingesetzt hat, schien das ein überschaubares Gebiet zu sein. Aber genau weil hier Massenkonsum mit Massenproduktion zusammengefunden hatte, ist das eine sehr dichte Geschichte.

Ich mußte viele Jahre mit einem schmalen Bändchen aus dem Jahr 1982 zurechtkommen, weil ich nicht geneigt war, mich nach teurer Fachliteratur für Profis umzusehen. Die preiswerten „dumont taschenbücher“, mit denen man quer durch die Kunstgeschichte findet, boten eine „Geschichte des Auto-Design“ von Joachim Petsch. Erfreulich, aber naturgemäß etwas fragmentarisch.

Der nächste preiswerte Lichtblick kam dann 2004 bei teNeues: „Car Design“ von Paolo Tumminelli. Der ordnete seine Ausführungen nach einem eigenen Raster mit Stilepochen, deren Namen nach Erläuterungen verlangen. New Line, Flow Line, Edge Line, Edge Box, Edge Body, irgendwo unterwegs Graph, New Baroque etc. Na, das muß man schon sehr genau wissen wollen.

Immerhin beschließt er das Buch mit einem Verzeichnis von Auto-Designern, was nützlich ist, wenn man beispielsweise Tips braucht, um in Büchern über Industrie-Design nachzuschlagen. (Da ist das Angebot weit größer.) Inzwischen hat Tumminelli interessante Bücher mit Kontinental-Schwerpunkten nachgeschoben. Automobil-Design in den USA, in Europa und Asien.

Um bezüglich Automobil-Design (in Analogie zur Kunstgeschichte) etwas Übersicht zu erlangen, muß man also ein Regalbrett füllen, eine einzelne „Stilkunde“ dürfte nicht machbar sein. Aber nun zum eigentlichen Anlaß dieses Textes. Markus Caspers bietet mit „Designing Motion“ ein sehr praktisches Kompendium. „Automobildesigner von 1890 bis 1990“ macht klar, daß er von den Anfängen des Automobilismus ausgeht.

Was dieses Buch so nützlich macht, ist der Umstand, daß Auto-Design Teamarbeit ist. Man sollte hinter die Kulissen blicken können. Es haben manche Konzerne ihre eigene Designabteilungen mit Chefs und dort gelegentlich herausragenden Mitarbeitern. Vor allem in Europa haben sich aber eigenständige Design-Betriebe entwickelt, die ihrerseits gelegentlich Talente hervorbrachten, welche dann mit dem persönlichen Namen für das Werk stehen.

Ich gebe Ihnen ein Beispiel. Vom hinreißenden BMW 700 (1959-1957) wissen wird, daß diesen Wagen der Wiener Auto-Importeur Wolfgang Denzel angeregt hat. Das Design stammt von Michelotti. Oder wie uns Wikipedia wissen läßt: „…an deren Gestaltung Giovanni Michelotti mitwirkte“.

Es ist freilich ein wenig komplizierter. Caspers nennt den BMW Design-Chef Peter Szymanowski, der mit Bertone und Michelotti zusammengearbeitet hat. Das betrifft aber nicht die Personen, sondern die Firmen dieses Namens. So erfahren wir dann, daß Wilhelm Hofmeister den BMW 700 sehr wesentlich geprägt hat. Muß man es so genau wissen? Na, mir ist das lieber.

An Claus Luthe führt kein Weg vorbei. Wer der Krimi-Serie „Tatort“ anhängt, wird schon festgestellt haben, daß Personal der Mordkommission zu feinen alten Autos neigt. So etwa Ulrich Tukur als Kommissar Felix Morot, der in einem NSU Ro 80 vorfährt. Ein 1967er Meisterwerk von Luthe, das gerne als Grundstein der Keilform genannt wird, die Giorgio Giugiaro via VW zum Massenereignis gemacht hat.

Aber dann schlagen Sie einmal unter J nach. Gaston Juchet lieferte 1965 den völlig unverkennbaren Renault R 16. Mehr Keil ginge bloß noch in Nischen, wo ein Fiat X1/9 oder ein Lotus Esprit herumsteht. (Man ahnt, hinter so mancher verbreiteten Ansicht steht die Lobby-Arbeit von Companies.)

Design aus dem Konstruktionsbüro: Die Flachnase, der Vorserien-Haflinger AP 600 im Ausschnitt einer Werkszeichnung. (Archiv Martin Krusche)
Design aus dem Konstruktionsbüro: Die Flachnase, der Vorserien-Haflinger AP 600 im Ausschnitt einer Werkszeichnung. (Archiv Martin Krusche)

All das macht deutlich, wie verschachtelt diese Angelegenheit ist. Da ich derzeit intensiv mit der Geschichte des Steyr-Puch 700 AP („Haflinger“) befaßt bin, habe ich Eindrücke, wie all das in der Serienproduktion begonnen haben mag. Da arbeitete der leitende Ingenieur (Erich Ledwinka) mit seinem Team an der Gestaltung des Fahrzeugs.

Allerhand Details ergaben sich eventuell aus einem lebhaften Wechselspiel zwischen dem technischen Zeichner und dem Modellbautischler, was natürlich nicht dokumentiert wurde. Wahrscheinlich arbeiteten verschiedene Zeichner an einzelnen Passagen. Wo Fotos von Prototypen auftauchen, kann man den Prozeß ein wenig nachvollziehen.

Caspers macht anschaulich, wie einzelne Talente aus dem Kollektiv herausgetreten sind, teilweise eigene Design-Formen aufzogen, teilweise hauseigene Abteilungen von Automobilproduzenten leiteten. Erwin Komenda, der für Ferdinand Porsche wichtige Arbeit leistete, ist fast vergessen. Paul Jaray, der als „Vater der Stromlinie“ gilt, wird gerne genannt.

Dann wäre da etwa Fiats Chef-Konstrukteur Dante Giacosa der mit seinem Design-Chef Giuseppe Alberti den Fiat 600 und den Fiat Nuova 500 gestaltete. Beide kommen im Buch nicht vor. Ich werte das als einen Beleg für die Komplexität des Themas.

Ich fand übrigens die Einleitung „Formgebung des Motorfahrzeugs“ sehr zufriedenstellend. Es macht Spaß, in diesem Buch zu blättern und auf die Weise Details zu markanten Autos zu erfahren, die man noch nicht gekannt hatte. Den Abschluß des Buches bildet eine zweiseitige Übersicht des Automobil-Designs in den USA und in Europa. Sehr empfehlenswert, um dem Regalbrett zum Thema Industriedesign zwei wichtige Zentimeter Buch zu übergeben.