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Hasso Hohmann: Jemen#

Hasso Hohmann: Jemen
Hasso Hohmann: Jemen

Hasso Hohmann: Jemen – Traumhafte Bauten, Wilde Landschaften; Verlag der Technischen Universität Graz, 2019; € 29.- Buchbesprechung von Hermann Maurer

Zu Beginn einige Fakten: Der Jemen Yemen liegt im Süden der Arabischen Halbinsel. Er ist etwa 530.000 km² groß, hat 2019 schon 31 Millionen EW (1959 waren es noch 4,4 Millionen!).

Der Jemen hat drei Landschaftstypen. Eine ca. 40 km breite Küstenebene, im SW unterbrochen durch Gebirgszüge. Zum Landesinneren hin liegt das zerklüftete mehrfach über 3.000 m hohe Randgebirge. Südwestlich der Hauptstadt Sanaa liegt mit dem Dschabal an-Nabi Schuaib (3760 m) der höchste Berg des Landes, fast so hoch wie der österreichische Großglockner. An das Gebirge schließt sich ein Hochland an (2000 m bis 2500 m), das durch Wadis durchzogen ist: Wadi Hadramaut ist wohl das berühmteste, parallel zur Südküste. Nach NO geht das Hochland in die tieferliegende zentralarabische Sandwüste über.

Die Küstenbereiche sind feuchtheiß (im Sommer unerträglich bis fast 40°) aber sehr niederschlagsarm. Die Berge haben viele dichtbesiedelte Becken (1500 – 2500 m), sind im Winter trocken und kühlen nachts fallweise bis auf null Grad ab; der Sommer ist mäßig feucht, im Gebirge bis 70 cm Niederschlag oft in Güssen, die ab und zu die tiefliegenden an sich trockenen Gegenden durch mächtige Fluten bedrohen.

Der Jemen ist ein altes Kulturland. Schon in der vorislamischen Zeit unter den Kulturen der Minäer und Sabäer (ab dem 2. Jahrtausend v. Chr.) hatte der heutige Jemen eine zentrale Stellung im Fernhandel zwischen Ostafrika, Indien und dem Mittelmeerraum als Hauptlieferant von Edelsteinen, Gewürzen, Weihrauch und Myrrhe und errichtete monumentale Bauten. Unter den regionalen Königreichen war Saba (6.- 4. Jhdt. v. Chr.) besonders wichtig. Unter äthiopischem Einfluss kam das Christentum nach Südarabien, bis sich im 7. Jahrhundert der Islam ausbreitete. 1839 besetzten die Briten Aden das durch die Eröffnung des Sueskanals 1869 noch wichtiger wurde. 1918 wurde der Norden Jemens 1918 von der Türkei unabhängig. Im Jahr 1990 vereinigten sich die zwei früheren Staaten Nordjemen (Hauptstadt Sanaa) und die Demokratische Volksrepublik Jemen (Südwesten, Hauptstadt Aden) zum heutigen Staat. Nach anfänglicher Euphorie im Süden kam es bald zur Unzufriedenheit mit dem dominierenden Norden und zu einem zunehmend starken Bürgerkrieg. Seit 2013 kämpfen schiitische Huthi-Rebellen und Al-Qaida-Ableger unterstützt von den Separatisten des Südjemen mit der Armee der Zentralregierung um die Macht. In diesem Konflikt gelang es den Huthi-Milizen, die Hauptstadt Sanaa und große Teile des Landes zu erobern: Sie standen kurz vor der Eroberung der provisorischen Hauptstadt Aden. Daraufhin begann Saudi-Arabien unter Mitwirkung acht anderer Staaten (darunter die USA) am 25. März 2015 eine noch immer andauernde militärische Intervention mit Bombardierung und Raketenbeschuß. Im Zuge dieses Krieges, der Vieles der alten Kultur zerstört, brach 2016 die Cholera aus und verursacht seither global und historisch das schwerste Auftreten der Krankheit. Oft wird der Krieg als religiös motiviert dargestellt: Südjemeniten stehen den Shiitten nahe und werden daher auch vom Iran unterstützt, der Norden aber ist sunnitisch, also näher an der Saudi Arabischen Version des Islams. Tatsächlich sind aber wirtschaftliche Gründe wohl ein treibendes Motiv für das massive Eingreifen Saudi Arabien, um die grenznahen Bodenschätze (Öl) des Nord Jemens kontrollieren zu können.

Das alte Jemen mit seinen vielen Faszinationen fand durch die zunehmenden Unruhen und die Zerstörungen schon vor 2000 sein Ende, die massivsten Zerstörungen geschehen seit 2015.

Das vorliegende Buch beschreibt die Reise des Autors vor dieser Zeit (Beginn knapp vor der Jahreswende 1991/92) zu den wichtigsten und einzigartigen Orten und beschreibt ohne Polemik das Leben und die Kultur des Jemen (mit einer Betonung der Architektur, dem Beruf des Autors Hohmann entsprechend). Es beeindruckt nicht nur die detaillierte Schilderung, sondern vor allem auch die Tatsache, dass der Autor die Verbindung des Jemen nicht nur mit Äthiopien, sondern auch anderen Teilen Afrikas, ja sogar Griechenlands aufzeigt (etwa, dass die „Röhren-Bienenzucht“ oder die „Taubentürme“ durch die Türken vom Jemen nach Griechenland gebracht wurden und auf einigen Inseln dort weiter gepflegt werden); oder dass hölzerne Türriegelkonstruktionen wie in Jemen in vielen Ländern bis Marokko gefunden werden. Die Pilgerreise Hadsch der Mohammedaner nach Mekka fördert den Austausch von vielen auch architektonischer Eigenheiten. Am deutlichsten und auch mit Bildern belegt ist der Zusammenhang Jemen und Äthiopien: Die großen Stelen in Axum entsprechen optisch genau den vielen Stockwerke hohen Lehmhochhäusern in mehreren Städten Jemens. Ferner umfasste das Reich der Königin von Saba Äthiopien/Eritrea und große Teile Jemens. Viele Historiker vermuten sogar, dass die Ruinen des großen Königspalastes unter den Ruinen von Alt Marib liegen!

Das Buch ist chronologisch, genau nach Tagen aufgebaut. Es beginnt mit dem Flug nach Sanaa über Kairo, mit 3 Tagen Zwischenstopp. Schon hier wird an Hand von Bildern gezeigt, wie wohlhabende Bürger in islamischen Ländern oft für Trinkwasser für alle sorgen: Zwei mit Wasser gefüllte Amphoren mit einem angeketteten Trinkgefäß werden unter einem einfachen Dach aufgestellt. Jeder kann hier trinken. Wenn eine Amphore leer ist, wird sie auf den Kopf gestellt, damit die betreuende Familie weiß, dass Wasser nachzufüllen ist.

Es ist dies ein Vorgriff auf die vielen interessanten Eigenheiten, die dann im Jemen gefunden werden, und die eine echte Sympathie für Land und Menschen aufkommen lässt. Etwa die Tatsache, dass auf Friedhöfen alle Gräber gleich groß sind: vor Allah sind alle Menschen gleich, nur für höhere Geistliche gilt das nicht ganz : - ) , dass Häuser von außen nichts über den etwaigen Reichtum des Besitzers aussagen (um keinen Neid zu erwecken). Dieses Argument wird sogar als Pseudoerklärung für die Verschleierung der Frauen verwendet.

Von Kairo geht der Flug in die Hauptstadt Jemens: Sanaa Sanaa, Yemen wird Ausgangspunkt für eine große Rundreise und diverse lokale Abstechern. Die Schilderungen beginnen mit der Altstadt von Sanaa, die von einer mächtigen osmanischen Stadtmauer umgeben ist. Die beeindruckenden Bilder der Altstadt mit den Minaretten und Wohntürmen werden ergänzt durch für den ganzen Jemen geltenden Beschreibungen, auch der Menschen: die Frauen, bis auf einen Schlitz für die Augen ganz (oft in schwarz) verschleiert, die Männer mit einem Krumdolch, in jedem Auto liegt eine Kalaschnikow, und vor allem am Nachmittag kauen die Männer ununterbrochen Kat. Kat (oder Kath) ist eine Alltagsdroge im Jemen (ähnlich wie in Äthiopien, in Somalia, im Norden Kenias und in Dschibuti). Verwendet werden die Zweigspitzen und jungen Blätter des lokal kultivierten Katstrauchs wegen ihrer Eigenschaft als leichtes Rauschmittel. Die Katblätter werden im Mund zerkaut, wie das in Peru mit Kokablättern gemacht wird. Meist werden die zerkauten Blätter in der Form von Bällchen in der Backentasche gesammelt, wodurch manchmal das Gesicht durch deutlich sichtbare Backentaschen für europäischen Geschmack entstellt wird.

Architektonisch typisch sind bei den Wohnbauten die hölzernen Erker, die wie die Fenster so angelegt sind, dass Frauen hinausschauen können, ohne gesehen zu werden. Insgesamt ist Jemen eine völlig männerorientierte Gesellschaft. Es liegt auch am letzten Platz des Global Gender Gap Reports 2016, der die Gleichberechtigung von Männern und Frauen in einem Land misst. Zu den architektonischen Kuriositäten gehören ältere, runde Wehrtürme, auf die rechteckige oft sogar hohe Bauten aufgesetzt sind.

Ein Tag gilt dem Besuch von Marib Marib, Yemen .

Dhana
Dhana, 1991/92, © Hasso Hohmann
Diese ca. 150 km von Sanaa entfernt liegende Gegend ist vor allem durch den Stausee (in einer wüstenähnlichen Landschaft!) bekannt, wobei der Vorgänger bereits 8 v.Ch. als alt-sabäisches Bauwerk errichtet wurde, um die schon erwähnten fallweise auftretenden Wasserfluten zu sammeln und für Bewässerungszwecke zu verwenden. Die Stadt Marib, mit den Resten alt-sabäischer Tempel war durchgehend fast 3.000 Jahre besiedelt, aber seit der Bombardierung in einer der kriegerischen Auseinandersetzungen wird Alt Marib immer mehr zur Geisterstadt.

Das berühmte Wadi Hadramaut über 600 km östlich von Sanaa wird per Flugzeug erreicht. Als Unterkunft dient ein Hotel in dem Palast eines ehemaligen Iman. Es zeigt europäische Einflüsse. Dies ist insofern überraschend, als die ersten Europäer erst in der ersten Hälfte des 20 Jahrhunderts in diese Gegend kamen. Der Grund für die europäischen Einflüsse ist kurios: Jemeniten arbeiteten fallweise in den holländischen Kolonien in Indonesien. Sie brachten, manchmal wohlhabend geworden, gewisse europäische Aspekte in den Jemen zurück!

Shibam
Shibam, 1991/92, © Hasso Hohmann
Dann geht es weiter nach Schibam, eine auch auf den gezeigten Bildern fast unwirklich wirkende Hochhausstadt, aus Lehm errichtet! Zwischen den Häusern sind schmale Gassen, gerade breit genug das sich zwei begegnende Kamele ausweichen können. Hier gibt es fallweise Brücken von einem hohen Stockwerk eines Hauses über die Gasse zu einem anderen Haus, in dem Verwandte wohnen, um bei einem Besuch das mühsame hinunter/ hinauf über viel Stufen zu vermeiden! Auch andere Städte im Waid beeindrucken, aber besonders gilt dies wohl für Hadjarein. Die Stadt liegt in einer sonst unbesiedelten kargen Landschaft unmittelbar auf einem Felsblock und ist daher schon aus der Ferne sichtbar.

300 km weiter südlich liegt die Hafenstadt Al Mukalla am Indischen Ozean. Von hier folgt die Reise der Südküste fast 900 km nach Westen. Einsame Berge, Sand- und Felswüsten verzahnen sich hier mit dem Meer. Schöne Ausblicke lenken davon ab, dass es neben Fischfang hier kaum Nahrungsquellen für Menschen gibt. Aden liegt am Fuß eines großen Schildvulkans, der sich für große Zisternen anbietet, am Meer. Die neueren Teile der Stadt sind wenig attraktiv: Lieblose Plattenbauten erinnern hier an die kommunistische Zeit.

Taiz
Taiz, 1991/92, © Hasso Hohmann
Das 150 km nördlich von Aden liegende Taiz auf 1300 m Seehöhe bietet hingegen eine schöne Altstadt mit mehreren beeindruckenden Moscheen und den Blick auf den 3006 m hohen Jebel Sabir. Über eine Straße mit viele Serpentinen kann der Jebel Sabir befahren werden, dessen Hänge durch Häuser und Felsterrassen bis fast zum Gipfel strukturiert sind. Ein Fahrer bietet freundlich eine Mitfahrgelegenheit an. Man versteht sich gut, sodass spontan zu einem Essen im Kreis der Familie eingeladen wird. Auf der Straße geht es weiter nach Norden. In einer Mischung von Mietautos und Sammeltaxis wird über die Orte Ibb und Dschibla schließlich der Ausgangspunkt dieser großen Rundreise, Sanaa, wieder erreicht, wobei am Weg ein viergeschoßiger Wohnturm aus Stein in Ibb und die bis auf 2755 m führenden Passstraßen besonders auffallen. Nur ein kleines Stück nördlich von Sanaa liegt Wadi Dahr, das vermutlich schon 6.000 vor Christi besiedelt war: auf einem Felsen liegt der Imans-Palast, darunter im Felsen prähistorische Höhlenwohnungen.

Shahara
Shahara, 1991/92, © Hasso Hohmann
Shahara
Shahara, 1991/92, © Hasso Hohmann
Nach einer Nacht in Saana geht es nach Norden in die Nähe der Grenze zu Saudi Arabien, nach Sadaa. Von dort kann man (mit Geduld) das 1200 m hoch gelegene Al Gabei erreichen.

Der alte Fußweg führt durch eine Schlucht, die plötzlich durch eine Festung von Seite zu Seite blockiert ist. Man kommt nur weiter, indem die Festung betritt, über Stiegen auf das Dach steigt, und von dort weiter geht. Wenn man glaubt, dass dieser Schutz den Bewohnern von Schahara reichte hat man sich geirrt: Plötzlich steht man vor einer tiefen Schlucht, über die eine schmale Brücke führt, die von oben einsehbar ist, also Feinde, die sie überqueren wollen, angreifbar macht. So ist Schahra uneinnehmbar gewesen und geblieben, konnte aber Bombardierungen auch nicht entgehen. Das Leben in dieser wasserlosen isolierten Stadt wo sich nur im Winter die begehbaren Zisternen füllen ist kaum beschreibbar: sei das dem Buch, auch mit unglaublichen Bilden, überlassen!

Nur ein kleines Stück nördlich bzw. nordwestlich liegen bemerkenswerte Städte wie Thulla mit siebenstöckigen Steinhäusern auf 2600 m Seehöhe.

Hohmanns Partnerin Adele muss nun zurück nach Österreich: Es ist beim Lesen dieses ungewöhnlichen Buches kaum zu glauben, was die beiden in weniger als drei Wochen zusammen erlebt haben. Von den vielen Erzählungen und Bildern beeindruckt hat man intuitiv eher das Gefühl, die beiden seine monatelang unterwegs gewesen.

Hohmann bleibt noch eine Woche. Er besucht die an den Hängen zum Roten Meer „geklebte“ Steinhäuserstadt Kuchlan, die Tihama-Wüste am Roten Meer mit einem Kral (!), wie man ihn sonst nur in Afrika findet, südlich davon Orte wie Zabid mit der 819 gegründeten Universität. Hier erinnern Flechtmotive an die Nähe von Afrika; der Müll wird nicht entfernt sondern nur flachgefahren, sodass das Niveau der Stadt immer höher wird. Hadjara beeindruckt mit imposanten Steinhochhäusern am Bergrücken und Rauda mit seinem ungewöhnlichen Minarett mit Ziegeldekor und Häusern in Bastelfarben. Den Abschluß bildet ein abenteuerlicher Besuch der beiden Teile von Bayun mit antiken Befestigungsanlagen und einem großen Wassertunnel.

Empfehlung: Unbedingt das Buch lesen!

PS.: Das Buch ist über das Internet frei lesbar, die Erkundung von Schahara bzw. Baynun ist getrennt beschrieben. 300 Bilder über Jemen, viele davon aus dem Buch.