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Hermann Bausinger: Volkskultur in der technischer Welt#

Hermann Bausinger: Volkskultur in der technischer Welt, Campus Verlag, 2005 / Rezension von krusche martin

Hermann Bausinger: Volkskultur in der technischer Welt
Hermann Bausinger: Volkskultur in der technischer Welt

Läßt man sich gründlich auf das Thema ein, wird plötzlich klar, daß die „Natürlichkeit“ der Technik „nicht daraus entsteht, daß man diese völlig beherrscht, sondern daß sie Ergebnis der Gewöhnung und des Umganges ist“. Ethnologe Hermann Bausinger weist darauf hin, daß technische Innovationen nach Adaptionsphasen verlangen.

Das berührt ein großes Problem der Gegenwart. Im rasenden Tempo technischer Neuerungen bleibt uns kaum noch Zeit für solche Gewöhnungsphasen. Das wird zum Beispiel an den Software-Updates deutlich, mit denen wir uns laufend befassen müssen, wenn wir unsere Computer und Telefone gebrauchsfähig halten wollen.

Bausinger schreibt im Blick auf Vergangenes an einer Stelle: „Das Versagen der Maschine ist Bestandteil und Gegenstand von volkstümlichen Erzählungen in einem Maße, das in keinem Verhältnis zur praktischen Bedeutung solchen Versagens steht…“

Das betrifft also eine Zeit vor der Digitalen Revolution, quasi die Dampfmaschinen-Moderne. Bausingers anregende Arbeit zu diesem etwas vernachlässigten Thema ist 1961 erstmals erschienen. Das bedeutet, seine Erfahrungen und Beobachtungen betreffen die Zweite Industrielle Revolution in ihrer vollen Blüte.

Zu jener Zeit begann gerade eine Volksmotorisierung Europas mit Automobilen, was in der Zeit davor in Anschaffung und Erhalt viel zu teuer gewesen ist und bis in die 1950er Jahre hinein wohlhabenden Leuten vorbehalten blieb.

Bausinger hat sich einer kritischen Analyse des Verhältnisses zwischen Volkskultur und technischer Welt gewidmet. Da James Watt durch die Optimierung der Dampfmaschine Ende des 18. Jahrhunderts den Lauf der Welt und das Leben der Menschen radikal veränderte, stellt sich die interessante Frage, wie und warum jenes Konstrukt entstand, wonach es eine von technischen Einflüssen frei Volkskultur gebe.

Der Begriff und das Interesse an Volkskultur ist ja nicht gar so viel älter als die Watt’sche Dampfmaschine. Die Ansicht, daß sich ein Volk in a) gebildete Menschen und b) rohen Pöbel teilen lasse, mag vor 300 Jahren einige Stichhaltigkeit gehabt haben, die Gegenwart läßt sich so nicht beschreiben.

Wenn Bausinger an einer Stelle von „Dynamisierung des kulturellen Lebens“ schreibt, sind wir gleich mitten in sehr aktuellen Fragestellungen. Er hat also vor über einem halben Jahrhundert konzentriert begonnen, vertraute volkskundliche Kategorien für eine Volkskultur in der technischen Welt zu suchen. Aus gutem Grund: „Der Übergang von der vorindustriellen bäuerlichen Kultur zur Volkskultur des technischen Zeitalters wurde von der Volkskunde kaum vermerkt.“

Man darf darüber spekulieren, wie sehr das ideologische Gründe hatte, da etwa ein idealisiertes Bild vom bäuerlichen Leben entworfen wurde, um es in politischen Kontroversen gegen Inhalte der Arbeiterbewegungen zu stellen.

Sehr anregend Bausingers Überlegungen zum Thema „Die technische Welt als ‚natürliche‘ Welt“. Das finde ich vor allem deshalb brisant, weil wir mittlerweile in der Vierten Industriellen Revolution leben. Wir müssen unsere Arbeitswelten mit Robotern und selbstlernenden Systemen teilen. Das zwingt uns, aktuell zu klären, was die Sache der Menschen sei, wenn wir diese neue Koexistenz von Mensch und Maschine betrachten.

In einem mythischen Zeitalter konnten wir die Mechanisierung des Lebens durch Technik göttlichem Beistand zuschreiben. Prometheus hat den Menschen das Feuer gebracht und sie wesentliche Dinge gelehrt. Der Zauber der Technik! Bausinger erwähnt einige technische Sagen und Erzählungen, die er als „Vorstufen technischer Entwicklung“ deutet. Er beginnt dabei mit Beispielen aus dem 15. Jahrhundert. (Theater-Technik etc.)

Durch die Einführung der Eisenbahn ändern sich Erfahrungen mit Raumüberwindung und Gütertransport radikal. Das wirkt in (fast) alle Winkel Europas hinein. Das führt freilich auch zu Erfahrungen mit einer „Überwucherung zweckdienlicher Dinge durch Apparaturen, die nur neue Zwecke provozieren“.

Ein Teil solcher Entwicklungen läßt sich auch an der Technisierung von Kinderspielzeug ablesen. Spielsachen dienen bis heute als Informationsmedien bezüglich technischer Innovationen. Technik taucht auch zunehmend in festgefügten Redensarten auf: „Ein alter Mann ist kein D-Zug“ (Wer kennt heute noch die Bedeutung des Begriffs „Durchgangszug“?) oder „Auf der Leitung stehen“…

Bausinger macht deutlich, wie die Mechanisierung der Landwirtschaft vielen alten Bräuchen den Beiden entzogen hat. Kurios, wie dann Kulturreferate und Fremdenverkehrsbüros manche solcher Brauchtums-Formen aufgegriffen, bewirtschaftet, verwertet haben, während man vielerorts für ein Volkskultur in der technischen Welt taub blieb.

Bausinger interessiert sich freilich auch für Rückgriffe auf magisches Denken in der technischen Welt. (Dazu bieten etwa verschiedene Talisman-Formen, die wir in Autos finden können, vertraute Beispiele.) Der Aberglaube sei eine variable Größe, meint Bausinger. Ich erinnere mich gut, was in meinen Kindertagen die Zahlen auf Nummerntafeln für Bedeutungen erlangen konnten, vor allem, wenn die bloß drei- oder vierstellig waren. Das hat gegenwärtig durch die Möglichkeit von Wunschkennzeichen eine andere Dimension. (Was verkündet jemand, der sich sein Kennzeichen aus mehreren 1ern und großen I zusammenstellt?)

Das Verhältnis zwischen Handwerk und Industrie hat sich inzwischen sehr grundlegend verschoben. Das wirft ein besonderes Licht auf die Szene der Schrauber und Sammler. Bausinger bietet mit seinem Buch die Beschreibung des kulturgeschichtlichen Hintergrunds solcher Entwicklungen.

Bei einer Überschrift wie „Auflösung des Horizonts: Verfügbarkeit der Güter“ kommt man ins Grübeln; und wird vielleicht auch nach Texten von Paul Virilio greifen. Vereinswesen, Wettkampf (Rennsport), Leistungsschau (Korso), Rallyes und Sternfahrten, die Kultur einer Bevölkerung bietet da reichlich Gelegenheit, verschiedenen Aspekten auf die Spur zu kommen.

Dazwischen grundlegende Denkanstöße, wenn Bausinger zum Beispiel betont, auch das „Moderne“ sei „eine historische Kategorie“. Weshalb? „Wo das Neue, das Heutige, das Modische so ausdrücklich gesucht wird, ist das Denken bereits historisiert.“ Bausinger warnt ausdrücklich vor dem Trugschluß, „daß die Übernahme alter Formen auch die alten Sinnbezüge und Gehalte vollständig wiederherstelle“.

Ein Problem, welches sich sehr häufig in gegenwärtiger Pflege und Verherrlichung von „Volkskultur“ aufspüren läßt, wobei alte Formen gelobt und recycelt werden, um die Gegenwart von bestimmten Inhalten anzudeuten, was dann einer genaueren Prüfung meist nicht standhält. (Man müßte sagen: ein Simulakrum.)

So bietet die Lektüre dieses Buches Denkanstöße, worauf zu achten wäre, wenn man Volkskultur zum Thema macht. Es ist ja keine Geschichte von Jahrzehnten, sondern von Jahrhunderten, wonach Volkskunde vielfach von Interessen einzelner Lobbies geleitet war.

Ich fand übrigens einen sehr anregenden Ausweg aus „völkischen“ Einengungen des Themas in Dieter Kramers „Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaften“ (Marburg 2013).

Einen besonders interessanten Aspekt betont Bausinger gegen Ende des Buches: „Die weitgehende Aufhebung der ständischen Horizonte radikalisierte die Spannung zwischen Hoch und Nieder.“ Das zielt auf die erfahrbare „Wertvertikale“ zwischen Hoch und Nieder, zwischen dem Bedeutenden und dem Unerheblichen.

Es geht dabei um eine Hierarchie dessen, was wir als wertvoll oder bedeutungslos einstufen, allenfalls irgendwo dazwischen. In der einstmals ständischen Gesellschaft war das streng geregelt. Man wußte, wohin man gehört und wer sagen darf, was es ist. Da ist in unseren verschiedenen Gemeinwesen viel in Bewegung gekommen. Bausinger schließt mit einem Kapitel, dessen Überschrift „Ansätze zur Ironisierung des Sentimentalen“ lautet.