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Christina Rademacher: Pilger für einen Tag#

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Christina Rademacher: Pilger für einen Tag. Wanderungen zu Niederösterreichs Klöstern. Styria Verlag Wien, Graz, Klagenfurt 2017, 176 S., ill., € 19.90

Nach Schlössern, Wiener Hinterhöfen und den Donauauen können Wanderer, die "für einen Tag" gerne auf ihr Auto verzichten, mit der Journalistin Christina Rademacher jetzt Pilgerwege kennen lernen. "Pilgern light" ist das Motto der Autorin, die 15 (ent-)spannende Touren ausgearbeitet hat. In bewährter Weise finden sich am Ende jedes reich illustrierten Kapitels Tipps zum "Pilgern und entdecken", "Erleben und besichtigen", "Einkehren und genießen", und, samt Plan, "Hinkommen und gehen". Ein Anhang bringt noch Weiterführendes. Die Viertel des größten Bundeslandes bieten lohnende Ziele: Rund um Wien (Stift Klosterneuburg, Kartause Mauerbach, Stift Heiligenkreuz), rund um St. Pölten (Stift Herzogenburg, ehem. Kloster St. Andrä, Stift Lilienfeld), Wachau (Stift Göttweig, Stift Dürnstein, Kartause Aggsbach, Stift Melk), Waldviertel (Kloster Pernegg, Stift Altenburg, Stift Zwettl, Stift Geras) und Mostviertel (Stift Seitenstetten). Aus dem handlichen Reisebegleiter erfährt man viel über die Kunstschätze und aktuellen Angebote der Klöster. Genuss, Naturerlebnis und Sehenswertes entlang der Wege kommen nicht zu kurz.

Der Pilgerführer beginnt unkonventionell, nämlich mit dem Karl-Marx-Hof in Wien-Heiligenstadt. Das "Versailles der Arbeiter" liegt, wie Nussdorf, Kahlenbergerdorf und der Leopoldsberg, auf dem Weg nach Klosterneuburg. Ziel ist das vor mehr als neun Jahrhunderten gegründete Stift - für seine barocke Pracht ebenso bekannt, wie als ältestes Weingut Österreichs. Zehn Stationen hat die Autorin für die erste Route ausgesucht, die mit gut 10 km Länge in dreieinhalb Stunden Gehzeit zu bewältigen ist. Damit liegt sie im Mittelfeld der ausgewählten Wege. Der kürzeste umrundet Ried am Riederberg mit 7,2 km. Dafür muss man sich bei dieser Ruinenwanderung - ehem. Burg Ried, ehem. Kloster Sancta Maria in Paradyso - auf eine Expedition gefasst machen. Unterwegs gibt es keine Verpflegungsmöglichkeiten und die verwachsenen Wege sind oft schwer zu finden. Aber die Autorin lässt keine Zweifel aufkommen, dass sich die Entdeckungsreise lohnt. Sie pflegt auch hier den lockeren Schreibstil ihrer anderen Wanderführer. Die nächste Tour - mit 12,8 km die längste - zum Stift Heiligenkreuz und Kloster Mayerling übertitelt sie "Endstation Fegefeuer". Warum, bleibt ein Rätsel, denn das Stift als Ziel ist seit seiner Gründung 1133 ein spirituelles Zentrum, zudem Hochschule und Touristenattraktion.

In den einleitenden Kapiteln und hervorgehobenen "Kasten" erfährt man Grundsätzliches über Klöster, ihre Anlagen, Bewohner und Besucher einst und jetzt. Kurz und informativ lernt man Kartäuser, Franziskaner, Klarissen, Augustiner, Serviten und Zisterzienser kennen. Die aktuellen Aufgaben des Benediktinerordens bringt der Göttweiger Abt Columban Luser in einem Interview auf den Punkt: "Wirtschaft ist wichtig, aber wichtiger ist der Gottesbezug". Göttweig zählt zu den Benediktinerstiften, deren Gründer vor fast 1500 Jahren die Regel "Bete und arbeite" formulierte. Heute geben die Wirtschaftsbetriebe von Göttweig 120 Menschen Arbeit. Das Kloster liegt am österreichischen Jakobsweg, der zum populärsten Pilgerziel Europas, Santiago de Compostela in Spanien, führt. Zu den beliebtesten Wallfahrtsorten Österreichs gehört seit dem 14. Jahrhundert Mariazell. Orte wie Heiligenkreuz und Lilienfeld liegen an der Via Sacra in die Steiermark. Darüber hinaus ist Niederösterreich von einem dichten Netz an Pilger- und Wanderwegen durchzogen, darunter dem "Welterbesteig Wachau".

Der 180 km lange Weitwanderweg verbindet die 13 Gemeinden des UNESCO-Weltkulturerbes Wachau. Christina Rademacher beschreibt Krems, Dürnstein, Aggsbach und Melk. "Den Bogen zwischen profaner Gegenwart und sakraler Vergangenheit schlägt der Wein, der seit Ende des 10. Jahrhunderts in der Region gebaut wird und dessen Terrassen sich ideal für eine Panoramawanderung durch die Wachau eignen." Außer den bekannten Highlights finden die Wanderer in Krems in der Göttweigerhofkapelle einen Geheimtipp - Fresken aus dem 14. Jahrhundert - und erfahren, wo man den Schlüssel dazu ausborgen kann.

Anders als die international berühmte Wachau ist Rosenau "nicht unbedingt ein Zentrum des Weltgeschehens." Züge halten hier nur bei Bedarf. Dieser ist allerdings gegeben, wenn man die barocke Basilika am Sonntagberg besuchen möchte. Pilger beginnen ihren Weg üblicherweise beim Stift Seitenstetten und finden ihr Ziel in der Wallfahrtskirche auf dem rund 700 m hohen Berg. Rademachers Route ist umgekehrt, sie führt von Rosenau entlang mehrerer Kapellen zum Benediktinerkloster Seitenstetten, dem "Vierkanter Gottes". Ähnlich wie Göttweig, von wo anno 1114 die ersten Mönche hierher kamen, bietet es Kulturinteressierten eine Reihe barocker Sehenswürdigkeiten und dazu einen Landschaftspark. Bei seiner Revitalisierung in den 1990er Jahren ließ Abt Berthold Heigl auch historische Pflanzensorten und seltene Heilkräuter setzen. Bei Pimpinelle, Ziest, Minze und Wermut - sie alle sollen der Psyche gut tun - denkt man unweigerlich an die Klosterfrau Hildegard von Bingen aus dem 12. Jahrhundert. Sie war als Theologin und Heilkundige bekannt. Ihre Visionen beschrieb sie unter dem Titel "Scivias - wisse die Wege". Wege wissen, das werden auch die "Pilger für einen Tag", die sich auf die Spuren von Christina Rademacher begeben. Sie können sicher sein, dass die "Wanderungen zu Niederösterreichs Klöstern" auch ohne Kräutermedizin der Psyche gut tun.