Matthias Marschik - Edgar Schütz: Wien liegt am Donaukanal#
Matthias Marschik - Edgar Schütz: Wien liegt am Donaukanal. Ein Flussarm mit Geschichte. Edition Winkler-Hermaden Wolkersdorf. 126 S., ill., € 21,-
Der Historiker Matthias Marschik und der APA-Redakteur Edgar Schütz sind ein bewährtes Autorenteam der Edition Winkler-Hermaden. In den letzten Jahren erschienen von ihnen: Automobiles Österreich (2021),Wien und seine Berge (2024), Wien - Eine Stadt verändert sich (2025) und Der Praterstern (2026). Nun widmen sich die beiden Profis dem Donaukanal. Dabei gehen sie spitz-findig vor: Die Reise führt vom Brigittenauer bis zum Praterspitz.
Wien liegt am Donaukanal und nicht an der Donau, wusste der Schriftsteller Friedrich Torberg (1908-1979). Das lässt sich leicht nachprüfen: Die City mit ihren Sehenswürdigkeiten grenzt an den Donaukanal, während der Hauptstrom für viele Stadtbewohner eine emotionale Grenze bildet. Die Römer errichteten um das Jahr 100 ihr Lager Vindobona beim südlichsten schiffbaren Donauarm, der dem Donaukanal entspricht. Auch in den osmanischen Belagerungen (1529 und 1683) bildeten seine Vorgänger eine natürliche Barriere. Jahrhundertelang diente der "Wiener Arm" als wichtiger Handelsweg. Das Netz der Donauarme änderte sich ständig. Überschwemmungen bedrohten die Siedler. Diese Gefahr bestand noch, als Johann Strauß seinen weltberühmten Walzer komponierte. Die große Donauregulierung erfolgte erst einige Jahre später, 1870-1875. Sie schuf den heutigen Hauptstrom und regelte den Nebenarm, um Hochwasser zu kontrollieren und die Schifffahrt zu sichern: Den "Donaukanal" eben. Er verläuft über 17,3 km und wird von 32 Brücken überspannt.
Nach Einleitung und Vorgeschichte beginnt der thematisch gegliederte Bildteil. Der Brigittaspitz bzw. Nußdorfer Sporn präsentiert sich repräsentativ. Otto Wagner inszenierte die Wehranlage als Stadttor und stattete die 49 m lange Brücke mit wuchtigen Pylonen aus. Die Schemerlbrücke wurde 1894 bis 1899 nach dem Entwurf von Otto Wagner errichtet, die beiden Bronzelöwen stammen von Rudolf Weyr. Die Brücke verbindet nicht nur Nussdorf mit der Brigittenau, ihre Wehrfelder regeln zugleich die Zuflussmenge von Donauwasser in den Donaukanal. Auch das - kürzlich restaurierte - Verwaltungsgebäude der Donau-Regulierungs-Commission ist ein Werk des genialen Jugendstil-Architekten. Unweit davon befand sich die Schleusenanlage für den Schiffsverkehr. Die Kammerschleuse, die Schiffe zwischen zwei Wasserständen hebt und senkt, war 85 Meter lang, 15 Meter breit und etwa 3,50 Meter tief.
Das Kapitel Der urbane Donaukanal zeigt Ansichten aus dem Jahrhundert zwischen 1860 und 1960. Rudolf von Alt schuf ein Farbbild, das das stadtseitige Ufer nach dem Fall der Basteien als Flanierzone darstellt. 50 Jahre später vermittelte eine Ansichtskatte den Blick über die Marienbrücke in die Rotenturmstraße mit historistischen Prachtbauten großstädtisches Flair. 1905 bis 1969 legte der Vergnügungsdampfer "Hebe" am Schwedenplatz an. Er zählte zu den beliebtesten Schiffen der DDSG und brachte Ausflügler in die Umgebung Wiens. Bis heute ist der Donaukanal ein beliebtes Freizeitareal. Fünf kommunale Badeschiffe zählten alljährlich zehntausende Besucher. Sportveranstaltungen wie das Schwimmen "Quer durch Wien" wurden abgehalten. Es gab Ruderbewerbe und Auftritte von Kunstspringern. In der jüngeren Vergangenheit durchlief der Donaukanal eine Metamorphose zu einer lebendigen urbanen Freizeitattraktion. Streetart und Graffiti hielten Einzug, ebenso eine flotte Beisl- und Strandbad-Kultur
Vor allem aber wurde auf dem und am Wasser seit Jahrhunderten fleißig gearbeitet. Das Schanzel bei der Gonzagabastei und die Ufer an der Brigittenauer Lände waren wichtig für die Versorgung Wiens mit Lebensmitteln. Die Waren kamen mit Zillen aus Oberösterreich oder der Wachau. Schon im Mittelalter wurde Wien via Donaukanal mit Holz versorgt. Im Zuge der Industrialisierung sowie in der Gründerzeit war der Wasserweg wesentlich, um Holz in die Stadt zu bringen. Permanent stand die Wasserschutzpolizei als Lebensretter und zur Verbrechensbekämpfung in Bereitschaft.
Brücken und Überfuhren machen ein wichtiges Kapitel aus. Alle Brücken über die Donau (mit Ausnahme der Reichsbrücke) wurden im April 1945 durch die abziehende deutsche Armee gesprengt, ebenso alle Querungen des Donaukanals. Historische, wieder hergestellte und moderne Brücken sind in Bildern dokumentiert: Heiligenstädter Brücke, Döblinger Steg, Salztor (früher Stephanie-)-Brücke, Gürtelbrücke, Friedens- (früher Brigitta-)Brücke, Schweden- (früher Ferdinands-)Brücke, Rotundenbrücke, Stadion- (früher Kaiser-Josefs- bzw. Schlachthaus) Brücke, Ostbahnbrücke, Gaswerkssteg, Freudenauer Hafenbrücke. Zudem besorgten Fähren zwischen Nussdorf und Simmering den Personentransport. Die "Überfuhr" in der Rossau verkehrte noch in den 1970 er Jahren.
Das vermeintlich malerische Leben und Treiben an den Ufern veranlasste prominente Fotografen zu Aufnahmen. Der US-Militärfotograf Yoichi Okamoto bildete nach 1946 eine Frau beim Wäschewachen am Donaukanal ab. Der renommierte Fotograf Harry Weber dokumentierte Mitte der 1950 er Jahre die Szene der "Halbstarken", die sich vor allem am Donaukanal traf. Die prominente Architekturfotografin Marianne Strobl zeigte schon um 1900 das Baggerschiff "Vulcan" bei Arbeiten vor der Nussdorfer Wehr- und Schleusenanlage. Bilder anonymer Knipser und Profis hielten Alltagsszenen - z. B. Badende, Flaneure oder Menschen bei der Arbeit - ebenso fest wie Kuriositäten, etwa die afrikanischen "Aschantis", die mit dem Schiff von Budapest in den privaten Tiergarten am Praterschüttel gebracht wurden. 1863 eröffnet, sorgte er mit seinen "ethnographischen Schauen" in exotisch wirkender Architektur für Sensationen und bestand bis 1901.
Zu den markanten Gebäuden zählte nächst den Anlagen in Nussdorf der 1911 errichtete Gasometer in der Brigittenau. Er bestand bis 1985 und war zeitweise der größte in Kontinentaleuropa. Etwa gleichzeitig entstand die Urania als Volksbildungshaus mit Sternwarte und ist seitdem mit Vorträgen, Filmen, Musik und Diskussionen ein fixer Teil der populären Bildung. Das Polizeigebäude an der Rossauer Lände und das einstige Luxushotel Métropole erlangten in der NS-Zeit traurige Berühmtheit. Im Roten Wien und nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden Gemeindebauten, Industrieanlagen und Infrastruktureinrichtungen oder das Medienzentrum (Pressehaus, APA) in Heiligenstadt. Als Wasserstraße war der Donaukanal auch international von Bedeutung. An seinem Ufer befand sich von 1858 bis 1981 der monumentale Verwaltungsbau der DDSG, der damals größten europäischen Binnenflotte.
Das Finale des überaus interessanten Buches bilden Projekte und Sensationen . Dazu schreiben die Erfolgsautoren: Aus dem Jahr 1906 stammt eine als Postkarte verkaufte kolorierte Fotomontage mit dem Titel "Wien der Zukunft. Der Zukunftshafen. Donaukanal mit Verkehr zu Luft und zu Wasser." Schwebebahn und fliegendes Fahrrad, Dampfer zum Franz-Josefs-land und nach Amerika treffen sich am Donaukanal.
