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Peter Payer: Rund um Wien#

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Peter Payer: Rund um Wien. Kulturhistorische Streifzüge. Czernin Verlag München. 264 S., ill., € 25,-

Wieder lädt der Stadtforscher Peter Payer zu einer (Zeit-)reise durch Wien ein. Der Kultur- und Alltagshistoriker ist bekannt für seine profunden Abhandlungen, die in Fachmedien und Zeitungen, wie Wien Museum-Magazin, "Die Presse", "Der Standard" oder "Neue Zürcher Zeitung" erschienen sind und nun - aktualisiert - als fünftes Buch der kulturhistorischen Streifzüge im Czernin-Verlag veröffentlicht wurden. Dazu zählen Unterwegs in Wien (2013), Quer durch Wien oder Auf nach Wien. Oberstes Ziel des Autors, der auch ein Büro für Stadtgeschichte führt, ist es, der Wirkungsmacht der Geschichte nachzuspüren und die Stadt mit allen Sinnen zu erkunden.

Peter Payer beschreibt - um den Titel eines Verkaufserfolgs der 1920 er Jahre zu zitieren -, "was nicht im Baedeker steht". Der Autor gliedert sein neuestes Buch in drei Abschnitte: Nahes, Fernes und Biographisches. Der erste Artikel, Der vergessene Boulevard, ist dem Franz-Josefs-Kai gewidmet. Die zum Donaukanal orientierte Rückseite der Ringstraße wurde 1858 als erster Teil der neuen Verkehrsfläche wenige Monate nach dem Abbruch der Basteien eröffnet. … Gegen die Jahrhundertwende verbreitete sich das großstädtische Flair mit eindrucksvoller Geschwindigkeit … Der Donaukanal selbst war reguliert und befestigt worden. Den Vorkai säumten gesicherte Gehwege, die neu angelegte Stadtbahn sorgte für eine deutlich verbesserte öffentliche Erreichbarkeit. Insgesamt fünf monumental ausgestaltete Brücken überspannten den Fluss im Bereich des Franz-Josefs-Kais, mächtige Verklammerungen mit der gegenüberliegenden Leopoldstadt, deren jüdische Bevölkerung drüben wie herüben das Alltags- Kultur- und Wirtschaftsleben prägte.

Über den Zentralfriedhof erfährt man, dass er am 1. November 1874 als damals größter Friedhof Europas seinen Betrieb aufnahm. Um die Toten möglichst schnell unter die Erde zu bringen, plante man eine pneumatische Leichenbeförderung, eine Art Rohrpost. Der von zwei Ingenieuren vorgelegte Entwurf schien technisch machbar und die Gemeindeverwaltung zeigte sich interessiert, doch der Börsenkrach und die darauf folgende finanzielle Notlage der Stadt machen das Projekt letztlich undurchführbar.

Aus dem Stadtbild so gut wie verschwunden sind die stählernen Rollbalken, die Ende der 1850 er Jahre aus London kommend, Wiener Geschäfte einbruchssicher machten. Der Nachteil war die Lärmentwicklung beim Hinauf- und Hinunterschieben, weshalb sich einige der 70 Erzeugerfirmen auf geräuschlose Patent-Rollbalken spezialisierten. Nach mehr als einem Jahrhundert existieren noch manche Produzenten. Die "heruntergelassenen Rollbalken" sind zum Symbol der sterbenden Geschäftsstraßen geworden - aber auch zu Flächen für Street-Art-Künstler. Der öffentliche Raum ist um eine Facette reicher und bunter geworden, beobachtet der Stadtforscher.

Er bringt noch weitere Beispiele für Triumphe der Technik anno dazumal. Dazu zählten Vorrichtungen zur Müllentsorgung, wie Koloniakübel, Straßenkehrfahrzeuge und die erste Müllverbrennungsanlage (die sich mangels verwertbarer Materialien vor 100 Jahren als unrentabel erwies). Im 19. Jahrhundert gab es "Wiener Bergbahnen". Im Weltausstellungsjahr 1873 führte eine Drahtseilbahn zweigleisig vom Donauufer auf den Sattel zwischen Kahlen- und Leopoldsberg. Mithilfe einer Dampfmaschine und eines Zugseils wurde je eine Kabine aufwärts und eine abwärts gezogen. Die Fahrzeit betrug rund fünf Minuten, die Fahrgeschwindigkeit knapp neun Kilometer pro Stunde. Jeder Waggon bot 100 Passagieren Platz, es gab Sitze erster bis dritter Klasse. Nach drei Jahren machte die - bis 1922 bestehende - Zahnradbahn auf den Kahlenberg dem Verkehrsmittel ein Ende. 1874 bis 1881 konnte man mit einer Drahtseilbahn auf die Sophienalpe fahren. Auch der Betrieb der jüngsten Seilbahn Wiens liegt nun schon Jahrzehnte zurück. Sie wurde 1983 stillgelegt. Der Doppelsessellift ermöglichte eine zwei Kilometer lange Panoramafahrt auf der WIG 64 im Donaupark.

Die weiteren österreichischen Anlagen könnten auch im nächsten Abschnitt, Fernes stehen: Die Festungsbahn in Salzburg (1892), die Schlossbergbahn in Graz (1894) oder die Hungerbergbahn in Innsbruck (1906). Um einiges jünger ist die erste Seilschwebebahn Österreichs, auf die knapp 2000 m hohe Rax. Ludwig Hirschfeld, der Verfasser des Bestsellers "Was nicht im Baedeker steht" kommentierte den Festakt im Hochgebirge, zu dem der Bundespräsident und der Wiener Bürgermeister erschienen waren: Es hat sich viel mehr ereignet als die bloße Eröffnung einer neuen Bergbahn. Dass man fortan vom Fuße der Rax in zehn Minuten aufs Plateau gelangen kann und in zwei Stunden vom Stephansplatz, dass die wundervolle Berghöhe Wien ganz nahe gerückt ist wie eine Vorstadt, das ist ein Ereignis, das weite Zukunftsmöglichkeiten hat. Es geht doch aufwärts. Peter Payer schreibt: Ein wahrer Rax-Boom setzte ein. … Um 1930 war die Rax mit jährlich rund 75.000 Übernachtungen der meistbesuchte Berg der Ostalpen.

Für den Abschnitt Fernes hat der Autor Sportliches, Kurioses und auch Tragisches ausgewählt. Er berichtet von Meisterschaften im Wettgehen, wie dem 1893 ausgeschriebenen Distanzmarsch von Berlin nach Wien. Dabei warben zwei deutsche Vegetarier für ihre Lebenseinstellung. Einer gewann den Bewerb. Für die ca. 600 km brauchte er etwas weniger als fünf Tage. Ein anderer Abenteurer endete tragisch. Peter Payer nennt Franz Reichelt (1878-1912) das erste Opfer des Kinos. Der gelernte Schneider konstruierte einen Fallschirmanzug, mit dem er vom Eiffelturm schweben wollte, jedoch abstürzte. Eine französische Filmfirma dokumentierte die Aktion und das traurige Ende des Erfinders.

Hingegen profitierte Josef Delmont (1873-1935) vom neuen Medium Film. Geboren als Josef Pollak im Waldviertel, wuchs er im Wiener Bezirk Brigittenau auf. Als dort ein Zirkus gastierte, riss der Neunjährige von daheim aus und zog mit den Artisten. Später war er Dompteur in Afrika, Asien und Australien. Nach 1901 schuf er in den USA 200 Cowboy- und Tierfilme. In Wien und Berlin wirkte Josef Delmont als Kinobesitzer, Kameramann, Drehbuchautor, Regisseur und Schauspieler. Später wurde er als phantasievoller Autor der "Brigittenauer Romane" bekannt. Weitere Lebensgeschichten im 3. Abschnitt sind dem Schriftsteller Otto Friedländer (1889-1963), dem Historiker Raul Hilberg (1926-2007), dem Dialektlyriker Franz Mayer-Limberg (1911-1992), dem Universalkünstler Friedensreich Hundertwasser (1928-2000) und dem "Zettelpoeten" Helmut Seethaler (* 1953) gewidmet.

Peter Payer ist überzeugt, dass die Auseinandersetzung mit der konkreten - analogen! - Stadt-Realität weit ergiebiger ist, als die heute so verbreitete digitale Erkundung. … Die Zeilen dieses Buches verstehen sich als Kontrapunkt und Plädoyer für die genaue und selbstbestimmte Wahrnehmung der Stadt, für die Entwicklung eines eigenen Urteilsvermögens abseits der digitalen Bild- und Textflut. Man kann dieser Empfehlung nur zustimmen und wird dabei - und bei der Lektüre des empfehlenswerten Buches - viel Spannendes entdecken.

hmw