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Das Volk und seine Kultur#

(Auf der Suche danach, was zu diesem Thema eine gute Frage sei)#

von Martin Krusche

Wir haben erlebt, daß spätestens in den 1970er- bis 1980er Jahren die bipolare Zuschreibung von a) hier Volkskultur und b) dort Hochkultur hinfällig wurde. Dieses Konzept war nicht mehr geeignet, treffend zu beschreiben, was sich in unserer Gesellschaft kulturell tut. Als Kulturpessimist hat man es in solchen Umbrüchen einfach. Man erträumt sich etwas „Gutes“, das es in den „guten alten Zeiten“ gegeben haben soll, nimmt es als Referenzpunkt und beklagt die aktuellen Zeiten sowie ihre Sitten; oder um es mit Cicero zu sagen: „O tempora, o mores!“

Ist das bloß Mumpitz, peinlicher National-Kitsch, oder doch schon bedenkliche Fahrlässigkeit im Umgang mit Begriffen und Kategorien? (Foto: Martin Krusche)
Ist das bloß Mumpitz, peinlicher National-Kitsch, oder doch schon bedenkliche Fahrlässigkeit im Umgang mit Begriffen und Kategorien? (Foto: Martin Krusche)

In Zeiten wachsender Verunsicherung nehmen es viele Menschen, die mit Heilsversprechen aufwarten, nicht gar so genau. Also boomt schon geraume Zeit der Begriff Heimat, um ein ganzes Land zu markieren, etwa Österreich, obwohl das Wort Heimat nie einen Staat, eine Nation gemeint hat, sondern wesentlich kleinräumiger anzuwenden wäre. Das Elternhaus, die Wirtschaft, von der man stammt, maximal das Dorf, aus dem man kommt. Soweit unsere Traditionen.

Die Idee, daß sich ein ganzes Staatsvolk mit kulturell halbwegs homogenen Formationen decken würde, ist nicht belegbar. Deshalb finden wir uns etwas besser zurecht, wenn wir begrifflich zwischen Demos und Ethnos unterscheiden. Das eignet sich eher, um anschaulich zu beschreiben, was uns umgibt.

Das wurde von einstigen Autoritäten ebenso gesehen. Als Kaiser Franz Josef zum Großen Krieg aufrief und als Kaiser Karl die Sache hinter sich bringen wollte, eröffneten beide ihre Proklamationen mit den Worten „An Meine Völker!“ beziehungsweise „An Meine getreuen österreichischen Völker!“ (Plural!) Das habsburgische Österreich galt erklärtermaßen als ein Vielvölkerstaat. Waren es wirklich ethnische Konflikte, die den großen Krieg möglich machten? Ich glaub das nicht. Es sind weit eher Interessenskonflikte herrschender Kreise gewesen, die mit ethnisch gefärbten Vorwänden zu einer Sache der Völker umgedeutet wurden.

Wo sich nicht gleich politische Interessensgruppen auf die Begegnung verschiedener Ethnien draufsetzen, sind natürlich durchaus Konfliktlagen möglich, doch es wird mehrheitlich zu interessanten Situationen des Austausches kommen. Das läßt sich auch quasi „innerethnisch“ feststellen, denn jedes Gemeinwesen kennt große Unterschiede an Mentalität und Prioritäten innerhalb einer Ethnie. Ließe sich zum Beispiel auf Ressourcenkampf und politisch begründete Interessenskonflikte verzichten, weshalb sollten sich zum Beispiel Gefolgsleute der Volkskultur und der Gegenwartskunst gegenseitig in die Haare bekommen?

Historische betrachtet: Die Feudalzeit fand ein Ende. Die Ständegesellschaft mußte sich wandeln und in ihren Hierarchien durchlässiger werden. Untertanen begannen, sich als Staatsbürgerinnen und -bürger zu erfahren, zu entwickeln. Das Schichtspezifische kultureller Konzepte verblaßte. Die inhaltlich unendlich schwachen kulturellen Hegemonie-Versuche der Nazi-Barbaren haben uns zwar ein fruchtbares Erbe hinterlassen, aber das hat keine kulturelle Kraft, sondern bloß soziale Sprengkraft.

Streitschriften wie Hilmar Hoffmanns „Kultur für alle“ (1979) waren in meinem Umfeld einst ebenso anregend wie Diskursbeiträge aus Lateinamerika, etwa die „Pädagogik der Unterdrückten“ (1971) von Paulo Freire. Sie merken schon, wenigstens seit den 1970er Jahren war unser Nachdenken über Kultur von internationalen Debatten mitbestimmt. Da kamen auch so lebhafte Geister wie der Amerikaner Jerry Rubin mit „Do it!“ (1971) vor. Oder Malcolm X. Russische Dissidenten bewegten uns. Namen wie Andrej Sacharow und Jelena Bonner hatten einen vertrauten Klang.

Der Luis als Universal-Seppl, eine Postwurfsendung vom 5.4.2017: Mich wundert, daß sich Bauersleute von solchen Darstellungen nicht verschaukelt fühlen, sondern das sogar gelegentlich live reproduzieren. (Foto: Martin Krusche)
Der Luis als Universal-Seppl, eine Postwurfsendung vom 5.4.2017: Mich wundert, daß sich Bauersleute von solchen Darstellungen nicht verschaukelt fühlen, sondern das sogar gelegentlich live reproduzieren. (Foto: Martin Krusche)

Jahrzehnte später: Für die Lektüre und Debatte von Simon Brault’s „No Culture, No Future“ (2010) hat es dann leider bei vielen (auch in meinem Umfeld) nicht mehr gereicht. Auf dem langen Weg über die Jahrtausendewende hinweg ist einer großen Zahl Kulturschaffender die Lust auf Wissenserwerb offenbar vergangen und es darf Meinung statt Wissen regieren. Dabei hatte es sich erst ganz vielversprechend entwickelt.

In den 1980ern, da wir uns mit der Popkultur hinreichend vertraut gefühlt haben und manche von uns auch künstlerische solche Wege gingen, fiel einem dann zum Beispiel jemand wie Hans Haid auf, der in Österreich für Konfrontationen mit „Traditionsschützern“ sorgte, von diesen Kreisen aber - dank seiner Kompetenzen - nicht einfach abgetan und weggewischt werden konnte.

Solche Impulse verstärkten sich zwischenzeitlich auf einem überraschenden Feld. Aus dem Faible für Folk Music, die von den britischen Inseln oder aus Frankreich kam, auch aus den USA, ebenso aus Italien und vom Balkan, tauchte in Österreich eine aktuelle Deutung von eigener Volksmusik auf, die sich nicht mit Schenkelklopferei, lustigen Hütchen und Almhütten-Gaudi befaßte. Formationen wie Aniada a Noar, Brodlahn, Greymalkin oder Wullaza verknüpften in den 1980ern Musiken und Debatten auf eine lebhafte Art, die schließlich auch von der Volkskunde nicht mehr ignoriert wurde. Und sie verweigerten sich der Unterhaltungsindustrie, verschlossen sich den Optionen, Ö3-tauglich gemacht, also klanglich geschrubbt zu werden.

Zugleich liefen im deutschsprachigen Raum wissenschaftliche Diskurse, die letztlich in Österreich zum Beispiel von der traditionellen Volkskunde zu Positionen wie „Europäische Ethnologie und Kulturwissenschaften“ (Dieter Kramer, 2013) führten. Unterwegs hatte zum Beispiel Hermann Bausinger 1961 mit „Volkskultur in der technischen Welt“ deutlich gemacht, daß die agrarische Welt längst nicht mehr die einzige oder vorrangige Quelle einer Volkskultur ist. Damit mochten sich Traditionalisten schwer tun, die etwa dem im Steirischen hoch geschätzten Viktor Geramb anhingen. Der hatte sich 1946 erneut festgelegt, dem urbanen Leben und den Intellektuellen zu mißtrauen, weshalb er lieber von einem „Mutterboden“ und anderen Merkwürdigkeiten einer angeblich bäuerlichen Welt schrieb.

Während all dessen zeigte uns die Unterhaltungsindustrie, wo so mancher Hammer hängt. Das führte zu höchst irritierenden Kategorien, wie etwa dem von vielen Seiten als Höhepunkt steirischer Volkskultur gefeierten Festival „Aufsteiern“. Wie das zusammengeht, bleibt mir ein Rätsel, denn was sich da in der Landeshauptstadt jährlich ereignet, wird von versierten Profis und von Konzernen auf die Beine gestellt. Es ist also vor allem eine touristische Sensation und ein kommerzielles Großereignis, das freilich einige traditionelle kulturelle Elemente implementiert bekam, soweit sich das mit diversen Interessenslagen verträgt. Ferner könnte ein Kulturereignis den einstigen kulturellen Gewohnheiten subalterner Schichten gar nicht sein.

Wo wäre heute die Praxis steirischer Volkskultur ohne ein eifriges Bildungsbürgertum, das sich dieses Genres angenommen hat? (Und zwar seit dem 18. Jahrhundert.) Was schließen wir denn daraus, wenn etwa die Gattin eines erfolgreichen Unternehmers einen Singkreis leitet, der sich quer durchs Jahr Volksliedern widmet und einmal jährlich seinen größten Auftritt hat, wenn im Advent ein schillernder Adventmarkt der lokalen Wirtschaft Publikumsfrequenz und Umsatzzuwächse bringen soll? So finden Sie auch in kleinen Städten und nicht bloß im Landeszentrum Graz volkstümlich kostümierte Events, die kommerziell begründet sind, den Menschen gute Unterhaltung und gute Gefühle liefern sollen, und im gleichen Aufwaschen auch noch Legitimation für Volkskulturbewahrer bringen.

Die Volksfrömmigkeit leistet sich bis heute eine interessante Autonomie gegenüber Institutionen und Diskursen. (Foto: Martin Krusche)
Die Volksfrömmigkeit leistet sich bis heute eine interessante Autonomie gegenüber Institutionen und Diskursen. (Foto: Martin Krusche)

Daß es dann auch noch andere Zugänge gibt, halte ich für gesichert. Die sind bloß in der Regel nicht massenwirksam, also auch nicht werbewirksam. Es erscheint mir als eine interessante Frage, was denn heute Volkskultur sei, da die Unterhaltungsindustrie mit ihren Produkten unser aller Leben ebenso durchdrungen hat, wie die Medienbranche. Selbstverständlich lassen sich kulturelle Ausdrucksformen finden, die weder von der Kulturindustrie noch von wissenschaftlichen Diskursen belastet sind, die teilweise bemerkenswerte Qualitäten hervorbringen; und zwar aus dem Freizeitverhalten von Menschen, denen solche kulturellen Phänomene ein Anliegen sind.

Wir leben in einem Kulturraum, der mit klein- und Flurdenkmälern ausgestattet ist, mit Wegkreuzen, Bildstöcken etc., aber auch mit profanen Zeichen, die kulturelle Relevanz zeugen. Brauchtum spielt dabei eine aufschlußreiche Rolle. Da es aber kein Zentralbüro für authentisches Brauchtum gibt (weil das in sich ein Widerspruch wäre) und weil selbst die Volkskunde uns bestätigt, daß Brauchtum etwa unveränderlich Dynamisches ist, das von interessengeleitenden Menschen laufend neu kreiert, ja erfunden wird, haben wir eigentlich kontinuierlichen Diskussionsbedarf.

Was aus diesen und anderen Gründen gar nicht geht: daß eine Interessensgruppe, etwa eine politische Formation, Brauchtum und Volkskultur für sich als Referenzsystem reklamiert und ihre eigennützige Deutung dieser Themen gegen andere Formationen in Stellung bringt.

Ein Tisch ist kein Sessel, ein Fenster keine Tür, eine Treppe kein Balkon. Wer etwa fordert: „Mehr Volkskultur, weniger Gegenwartskunst!“, wird beides erklären müssen, die eigene Auffassung von Volkskultur und von Gegenwartskunst. Erst in einer sachkundigen Betrachtung beider Genres kann so eine Forderung seriös diskutiert werden. Wer da auf inhaltliche Klarheiten verzichtet, produziert bloß Propaganda, die kulturpolitisch nicht berücksichtigt werden kann.

Ich denke, wir dürfen davon ausgehen, daß ausnahmslos jeder Mensch spirituelle und kulturelle Bedürfnisse hat. Ich denke, wir müssen davon ausgehen, daß es jedem Menschen völlig frei steht, wie diese Bedürfnisse gelebt, ausgedrückt werden. Was nun Staat, Markt und Zivilgesellschaft in diesen Fragen an offenen oder verdeckten Interessenslagen zeigen, möchte ich laufend zur Debatte gestellt sehen.