Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):

Krusche, Notiz #1: Marschik & Foucault#

von Martin Krusche

Kürzlich ein paar herbstliche Stunden mitten in der sommerlichen Hitzewelle. Ich war in letzter Zeit sehr mit meinen Optionen eines kulturpolitischen Feuilletons beschäftigt und im Hintergrund mit dem Steineklopfen. (Das meint Routinearbeit, um Geld zu bewegen.)

Ich hab ein Faible für diese lapidaren Zeichen auf meinen Wegen. (Foto: Martin Krusche)
Ich hab ein Faible für diese lapidaren Zeichen auf meinen Wegen. (Foto: Martin Krusche)

Was mir dabei an Denkräumen frei bleibt, ist mit der Arbeit an Bestandsaufnahmen ausgefüllt. Ich hab schon mehrfach erwähnt, daß sich mein Gefühl verdichtet hat, es würde nicht erst, es habe schon eine Ära geendet. Aber wie brauchbar, wie aussagekräftig ist so eine individuelle Deutung?

Deshalb waren die letzten Monate davon geprägt, daß ich Menschen danach gefragt hab. So viel schien schon klar zu sein, ich bin selbst in eine erhebliche Diskrepanz geraten, die sich zwischen mir und einem vorherrschenden Betrieb immer deutlicher, immer härter aufgetan hat. (Ich spreche sehr bewußt von Härte in diesen Prozessen.)

Manchmal habe ich gestaunt, wie unerbittlich mir selbst nahestehende Menschen entgegengekommen sind, um nicht bloß mein Denken, sondern auch meine Berufspraxis anzufechten. (Dabei war der Vorwurf der Antiquiertheit kein Einzelfall.)

Ganz bemerkenswert, daß solche Anfechtungen vor allem von Menschen kamen, die von meinem Metier wenig Ahnung haben. Es erweist sich inzwischen häufig, daß Leute mit einer bildungsbürgerlichen Marotte ein wenig auf dem Kulturfeld dilettieren und sich nach zwei, drei Monaten für sachkundig halten. Ich verstehe schon, wir haben alle täglich mit kulturellen Implikationen zu tun, also verstehen auch alle was vom Kulturbetrieb. Das klingt logisch.

Nun zeigt sich langsam, ich hab mich nicht getäuscht. Da sind Brüche offenkundig geworden. Ich beruhige mich in der Sache langsam, wo mir die Verständigung mit inspirierten Menschen gelingt, die über solche Kräftespiele nicht hinweggehen müssen, sondern sich erlauben, ganz genau hinzusehen, was sich da gerade auftut. Eine Schlüsselstelle war für mich eben erst jener Tag mit Inge und Franz Wolfmayr, den ich mit dieser Notiz markiert habe: Flüstern(...um besser gehört zu werden).

Einen wesentlichen Hinweis erhielt ich nun von Kulturwissenschafter Matthias Marschik, der mir mit Foucault kam: „Er spricht von den Diskursen, die die Welt durchziehen, die oft auf Jahrzehnte Gültigkeit haben und dann plötzlich kippen. So etwas passiert seit einigen Jahren, wo plötzlich Diskurse, die scheinbar schon verschwunden waren, nicht nur wieder salon-, sondern mehrheitsfähig wurden: Machistische, anti-demokratische, menschenverachtende.“

Ein Umbruch im Sinn des Wortes, ein Splittern und Brechen. Wenn ich eingangs mein kulturpolitisches Feuilleton erwähnt habe, dann ist damit eine Debattenfeld gemeint, auf dem ich das gerade faßbar zu machen versuche. Ich werde nicht umhinkommen, mich selbst derzeit als antiquiertes Wesen zu verstehen.

Marschik hat mir mein Gefühl, aus der Zeit gefallen zu sein, allerdings etwas relativiert. Er meinte: „Nein, noch nicht rausgefallen, aber zunehmend am Rande der Zeit.“ Das bietet mir eine wertvolle Orientierungshilfe.

Und dann kam dieser wesentliche Aspekt: „Was an Foucault auch fein ist, dass er das Subjekt auf der einen Seite nur als Knotenpunkt verschiedener Diskurse ansieht (als: ‚Das Große im Kleinen‘), aber gleichzeitig davon spricht, dass jeder Mensch ‚die Sorge um sich‘ pflegen muss.“

Das Subjekt als Knotenpunkt verschiedener Diskurse. Da bin ich bei den Narrativen, nach denen ich mich eben umsehe, nein, nach deren Status ich mich umsehe; eingedenk der Überlegungen von Historiker Harari, der dieses Narrativ, in dem ich mich zuhause fühle, für abgeschlossen, für erledigt hält. (Nach dem faschistischen und dem kommunistischen Narrativ habe sich nun auch das liberale erschöpft.)

In dieser Konfusion, die mir in persönlichen Bereichen unterkommt, die ganz Europa erfaßt hat, sehe ich nicht, daß der Faschismus wieder auferstanden sei, aber ich orte protofaschistische Momente. Diese Unterscheidung ist mir wichtig. Wir wissen, wohin das, was wir derzeit leben, führen kann. Wovon wird also die nächste große Erzählung handeln?