Wir freuen uns über jede Rückmeldung. Ihre Botschaft geht nur an das Administrator Team. Danke fürs Mitmachen, das zur Verbesserung des Systems oder der Inhalte beitragen kann. Ihre Nachricht (optional mit Ihrer E-Mail):
unbekannter Gast

Das Ringen um Zukunftsfähigkeit#

Kultur- und Wissensarbeit in der Region#

von Martin Krusche

Stellen Sie sich vor, zwei Aspekte des vertrauten Kulturbetriebs müßten entfallen. Erstens der Vorrang der Repräsentationspflichten, zweitens die Belehrung des Publikums. Was bleibt dann? Sehen Sie, das ist eine sehr interessante Frage. Seit das aufsteigende Bildungsbürgertum im 18. Jahrhundert begann, sein wackeliges Selbstbewußtsein gegenüber Besitzbürgertum und Adel zu kompensieren, indem es sich „Das einfache Volk“ als Mündel zum Belehren und Erziehen erwählt hatte, kennen wir diese Effekte. (Das war der Beginn der Volkskunde, dem die Erfindung der Volkskultur entsprang.)

Eine Maschine von Künstler Niki Passath. (Foto: Martin Krusche)
Eine Maschine von Künstler Niki Passath. (Foto: Martin Krusche)

Der Kulturbetrieb als Andachts-Thema, in dem höhere Weihen zu erringen wären? Ist okay. Das hat einen bewährten Teil des kulturellen Engagements, gegen den ich nichts einzuwenden brauche. Aber unsere Gesellschaft ordnet sich heute ganz anders also noch vor zehn, fünfzehn Jahren. Freizeit und Kommunikationsverhalten haben sich in der aktuellen Mediensituation radikal verändert.

Es sind uns die eigenen Kinder mit kulturellen Gewohnheiten herangewachsen, wie wir sie selbst nicht kennen. Innerhalb meiner Lebenspanne haben sich nun schon zwei industrielle Revolutionen ereignet. Ein absolutes Novum in der Menschheitsgeschichte. Das mischt unsere Kultur auf. Unsere Kinder werden sich demnächst in einer Welt unter Bedingungen bewähren müssen, die wir nicht kennen.

Ist es da plausibel, daß wir einen Kulturbetrieb mittragen, der sich so ereignet, wie wir es schon in den 1980er Jahren gemacht haben? Das ist ganz und gar nicht naheliegend! Da bräuchte es neue Konzepte. Welche? Aber wer möchte denn in eine Art kulturelles Forschungsprojekt investieren, wo grade die Gelder überall so knapp sind? Sie kennen vielleicht das Witzchen vom Holzfäller, der schuftet wie der Teufel, dem geraten wird, er solle nun einmal seine Axt und seine Säge schärfen, worauf der Mann erwidert: „Dazu habe ich keine Zeit. Ich muß noch so viele Bäume fällen.“

Lassen Sie mich doch einmal Axt und Säge schärfen! Mit dem heurigen Kunstsymposion haben wir folgende vier Erzählebenen markieren können, zwischen denen sich ein Wechselspiel entfalten soll, um zu einem nächsten Arbeitsansatz zu führen, der den Weg auf die Höhe der Zeit nicht unnötig erschwert. Ich hab diese vier Erzählebenen schon benannt:

  • 1) Wegmarken (Klein- und Flurdenkmäler in unserem Kulturraum)
  • 2) Ich bin eine Geschichte (Eine Region erzählt sich selbst)
  • 3) Gegenwartskunst (Zugänge jenseits des Alltags)
  • 4) Netzkultur (Das Austria-Forum als Informationsdrehscheibe und Wissensplattform)

Ich greife davon erst einmal jene heraus, die für sich bestehen muß, um keinen anderen Regeln zu folgen, als nur ihren eigenen: 3) Gegenwartskunst (Zugänge jenseits des Alltags). Es bedarf auf dieser Ebene keiner „Kunst um zu…“ und keiner Kunst als sozialem Werkzeug, als Therapieform, keiner Hobby-Kunst, um sich wohler zu fühlen, keiner Kunst als was auch immer. Das sind alles nachgeordnete Derivate der Gegenwartskunst.

Ludersdorfer Session mit Künstler Nikolaus Pessler. (Foto: Martin Krusche)
Ludersdorfer Session mit Künstler Nikolaus Pessler. (Foto: Martin Krusche)
Künstler Robert Gabris in seiner Installation(Foto: Martin Krusche)
Künstler Robert Gabris in seiner Installation(Foto: Martin Krusche)
Unternehmer Ewald Ulrich mit einer Arbeit von Niki Passath (Foto: Martin Krusche)
Unternehmer Ewald Ulrich mit einer Arbeit von Niki Passath (Foto: Martin Krusche)

Auf dieser Ebene zählt nur die Autonomie der Kunst und daß sich Kunstschaffende Fragen wie Aufgaben wählen , die mit künstlerischen Mitteln bearbeitet werden. (Im Persönlichen bleibt dann noch ein Ringen um Qualität und um Vollendung.) Jede Verwässerung solcher Grundsätze erledigt sich von selbst.

Dann wäre da der Bereich 4) Netzkultur (Das Austria-Forum als Informationsdrehscheibe und Wissensplattform). Da geht es um Evidenz. Da geht es um Teleworking und Telepräsenz. Das ist noch nicht jene Online-Kultur, wie sie heute via Apps und andere Anbindungen die Menschen rund um die Uhr miteinander vernetzt sein läßt.

Es ist auch nicht jene Form von Gemeinschaft und Kommunikation innerhalb einer Community, welche von „Gamification“ geprägt wurde. („Spielifizierung“ meint die Prägung menschlicher Verhaltens- und Kommunikationsweisen durch das Wesen und die Modalitäten von Computerspielen.) Der Bereich 4) Netzkultur hat sehr wesentlich eine Plattformfunktion, die uns verbindet, bis wir jeweils das nächste Mal in realer sozialer Begegnung an einem gemeinsamen Tisch sitzen.

Drei Bürgermeister als regionale Kooperationspartner, von links: Werner Höfler, Peter Moser und Robert Schmiersdorfer. (Foto: Martin Krusche)
Drei Bürgermeister als regionale Kooperationspartner, von links: Werner Höfler, Peter Moser und Robert Schmiersdorfer. (Foto: Martin Krusche)

Wären nun noch die ersten zwei Ebenen zu beleuchten, dank derer ein lokales und regionales Geschehen angeboten werden kann, das den Menschen Anknüpfungspunkte bietet, ohne sie zu belehren, zu „weihen“, sie in einen bestimmten Kulturbetrieb einbinden zu wollen.

Die Ebene 1) Wegmarken (Klein- und Flurdenkmäler in unserem Kulturraum) handelt von zweierlei, dem Blick in die Geschichte, in die Vergangenheit, zugleich aber auch die Beachtung eines aktuell gelebten Bedürfnisses. Genauer ausgedrückt, beim Umgang mit Wegkreuzen, Bildstöcken, Kapellen, aber auch profanen Wegmarken geht es vor allem darum, daß Menschen ihre spirituellen und kulturellen Bedürfnisse völlig ungestört ausleben.

Das ist keinem „allgemeinen Kulturauftrag“ unterworfen, keine etablierten Kulturpolitik, keinen Tourismus- oder Citymanagement-Agenda. Das bezieht sich aus der Vergangenheit und sucht seine ungestörte Gegenwart. Hier bin ich als Kulturarbeiter bloß Zaungast, keine bestimmende Kraft bei solcher von anderen Zwecken ungetrübten Kulturpraxis der Menschen.

Mobile Systeme, um an jenen Orten, die einem gerade wichig erscheinen, kulturelle und künstlerische Statements zu setzen. (Foto: Martin Krusche)
Mobile Systeme, um an jenen Orten, die einem gerade wichig erscheinen, kulturelle und künstlerische Statements zu setzen. (Foto: Martin Krusche)

Die Ebene 2) Ich bin eine Geschichte (Eine Region erzählt sich selbst) ist eine Referenz an die Qualitäten der Menschen, ist die Einladung, etwas davon nach außen zu tragen, in eine Art Bilderbogen einzubringen, um den Klang und die Färbung einer Region zu verdeutlichen. Sie merken vielleicht, auch hier ist das Verhältnis umgekehrt worden. Da geht das Wissen um die Dinge nicht von einem Kulturmanagement aus, das seine Perlen unters Volk streuen möchte, sondern eine konsequente Wissens- und Kulturarbeit betont und würdigt die primären Quellen. Das sind die Menschen, die hier leben.

Es gehört zu den Aufgaben innerhalb des Projektes „Dorf 4.0“, aus solchen Zusammenhängen nun Schlüsse zu ziehen und kulturpolitische Konsequenzen abzuleiten, die schließlich in der Praxis erprobt werden sollen. Ich hoffe, es erklär sich von selbst, daß solche Aufgaben nicht innerhalb eines einzelnen Kalenderjahres erledigt sein können. Das sind also Vorhaben, wie ich sie mir in den Jahren 2002/2003 zurechtgelegt habe. Das war die Startphase von „The Long Distance Howl“ (Art Under Net Conditions: Ein Projekt auf 20 Jahre). Sie finden hier einige Notizen zum 15. Jahr dieses Projektes: "Das 15. Jahr".