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Notiz 002: Charon#

von Martin Krusche

In der Wissens- und Kulturarbeit besteht ein wesentliches Themenpaket, das mich immer wieder fesselt: das Gedächtnis und das Vergessen. Das ist nicht bloß eine Frage persönlicher Befindlichkeit, wie trauen das auch großen Gemeinschaften, ganzen Gesellschaften zu. Seit Jahrtausenden. Aus Europas Mythologie kennen wir einen speziellen Fluß (als einen von mehreren in der Unterwelt). Es ist der Fluß des Vergessens.

Werner Loder ist auf sehr konkrete Art Grenzgänger zwischen zwei letztlich unvereinbaren Welten. (Foto: Martin Krusche)
Werner Loder ist auf sehr konkrete Art Grenzgänger zwischen zwei letztlich unvereinbaren Welten. (Foto: Martin Krusche)

Wer die Gemeinschaft der Lebenden verlassen hat, muß diesen Fluß überqueren. Dafür schuldet man dem Fährmann Charon Lohn. Ich mag diesen Mythos, weil man darin nicht einsam ins Unbekannte geschwemmt wird, sondern für den einmaligen Übergang einen kundigen Begleiter hat. Da man Charon für den Fuhrdienst bezahlt, ist diese schwierige Passage gesichert, denn dazu wurde eine Vereinbarung geschlossen, bei der beide Beteiligte eine Verpflichtung eingegangen sind.

Manchmal kommt man mit diesem Mythos ganz real in Berührung. Wir können an den Demenzkranken sehen, wie es ist, den Fluß des Vergessens zu überqueren, in eine andere Realität einzugehen. Sie tun das vor unseren Augen, ohne die Sicherheit durch den Beistand des mythischen Fährmannes. Aber es gibt versierte Begleiter für solche Reisen in das Vergessen.

Werner Loder ist einer von ihnen. Er steht Demenzkranken zur Seite. Er hat Erfahrung mit der Verständigung zwischen zwei radikal verschiedenen Welten. Die eine ist unsere Konsensrealität, in der verhandelt werden kann, was die Dinge seien und wie wir damit umgehen wollen. Die andere ist eine individuelle Realität, zu der wir keinen Zugang bekommen und die vor allem nicht verhandelt werden kann.

Das bedeutet, Loder ist sachkundig, was einige Aspekte dieses großen Themas unserer Kultur angeht: Gedächtnis und Vergessen. Wir sind auf beides grundlegend angewiesen, um uns als Menschen einzulösen, um in Gemeinschaft zu bestehen. Wir würden beizeiten unseren Verstand verlieren, könnten wir nicht vergessen. Das Erinnern ist aber eine wichtige Bedingung, um Gemeinschaft zu sichern. Also ist es für uns auf spezielle Art fordernd, wenn wir Menschen von vertrauten Pflichten entbinden müssen, weil sie in das Vergessen gehen, denn diesen Gang wählt niemand aus freien Stücken.

Mindestens seitdem Sokrates das Aufkommen der Schriftkultur kritisiert hat („Phaidros“), kennen wir Debatten über den Wert des Erinnerns. Wo Gedächtnis und Vergessen einander ausgewogen zuarbeiten, gedeihen wir. Nun sind wir es nicht gewöhnt zu ertragen, daß ein Mensch in unserer Mitte über Wochen, Monate hinweg verlöscht. Demenz ist so unerbittlich wie unabwendbar, ein Vorgang, der sich an Betroffenen nicht aufhalten läßt.

Vielleicht bedeutet Kultur unter anderem, auf das Unausweichlich des Verlöschens in Würde zuzugehen. In diesem Zusammenhang habe ich nun mit Werner Loder erste Überlegungen angestellt, was allfällige Berührungspunkte unserer Erfahrungen sind und welche Schlüsse daraus für ein kulturelles Engagement zu ziehen wären. (Siehe zu Werner Loder auch: Ein Ort der Freundschaft!)