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Notiz 015: Das Mal eines banalen Brandeisens#

von Martin Krusche

Vor Jahren erzählte mir der Maler Hannes Schwarz, wie er als Teenager mit seinesgleichen durch Paris gegangen war und die Menschen vor ihnen den Gehsteig räumen, auf die Straße ausweichen mußten. Damals war er noch ohne Bartwuchs, gehörte zur SS, war ein Zögling der NS-Ordensburg Sonthofen. Aus heutiger Sicht ein Kind, historisch gesehen ein junger Mann im wehrfähigen Alter. (Für mich ist das auf visueller Ebene mit Bildern aus dem Film Brennt Paris? verknüpft, René Clément, 1966).

Der Maler Hannes Schwarz (†) in seinem Haus in Weiz. (Foto: Martin Krusche)
Der Maler Hannes Schwarz (†) in seinem Haus in Weiz. (Foto: Martin Krusche)

Ich hab übrigens nie je zuvor oder je danach jemanden getroffen, der mit sich selbst so unerbittlich war, was seine Rolle in jener Zeit anging. Schwarz schien mir als alter Mann immer noch tief davon betroffen und irgendwie unversöhnlich, ich möchte sagen: er litt unter dem, was und wer er gewesen ist. Schwarz und seine Frau Friedl waren beide in der Kunst zuhause, in diesen Erzählungen und Zusammenhängen. Ohne Pathos. Radikal und konsequent, im Sinn der Wortes bis zum letzten Herzschlag.

Aber Paris! Und Pathos! Eben las ich: „Mit großer Trauer betrachte ich jetzt meine Fotos der berühmten Kathedrale Notre Dame. Es wird nie mehr so sein, wie es war. Frankreich weint...“ Diese entsetzliche Art von Selbstergriffenheit boomt augenblicklich, da Notre-Dame brannte.

Sie sehen ja, wie das gemacht wird, wie sich jemand -- dank der Entwicklungen während der Renaissance -- selbst als Betrachter inszeniert, sich selbst beim Ansehen von Bildern in das Zentrum des Geschehens rückt, denn so „betrachte ich jetzt meine Fotos“, statt einfach absichtslos den Moment zu schauen, um so vielleicht etwas zu erfahren, was noch nicht in ihm war. (So geht Zentralperspektive!)

Mit großer Trauer? Worum trauert so ein Mensch? Was greift da nach ihm? Welche Verlusterfahrung läßt so eine Pose zu? Und Frankreich weint? Wieso sollte das so sein? Wie tut eine Nation das? Woher nehmen solche Leute die Chuzpe, womöglich eine ganze Bevölkerung in ihren dubiosen Gefühlszustand hineinzureklamieren? Das ist scheußlicher Nationalkitsch.

Wie vieles geht zwangsläufig verloren, weil es elementaren Kräften nicht widerstehen kann. Aber die Ideen, dank derer es geschaffen wurde, können nicht brennen oder sich in Wasser auflösen. (Foto: Martin Krusche)
Wie vieles geht zwangsläufig verloren, weil es elementaren Kräften nicht widerstehen kann. Aber die Ideen, dank derer es geschaffen wurde, können nicht brennen oder sich in Wasser auflösen. (Foto: Martin Krusche)

Hans Belting bemerkte in seinem anregenden Essay „Florenz und Bagdad“ (Eine westöstliche Geschichte des Blicks): „Es gibt keinen Zweifel daran, dass die Perspektive als ein Instrument der Kolonialisierung fungierte.“ Darin wirkt eine feine Mechanik, dank derer sich ein Ich aufblähen kann, wenn es seinen Blick begehrlich auf etwas richtet. So reckt sich der Konquistador in Erwartungen, die Erde oder wenigstens das Begehrte solle sich ihm vor die Füße werfen.

Jetzt, da Europa gerade so viel von seiner über Jahrhunderte angemaßten Vormacht einbüßt, sehe ich das Bodenpersonal dieser Anmaßung auf Knien herumrutschen. „Ein Zeugnis unserer europäischen Identität.“ wird an anderer Stelle betont.

Ich verzichte hier auf weitere Zitate all dieser Befindlichkeitsprosa, mit der mir ein verschrecktes Bildungsbürgertum seine hausgemachten Identitätskrisen zumutet. Ich habe ja auch die Wortmeldungen all jener gelesen, die in meiner Umgebung kommentarlos zugesehen haben, wie über Jahre Kunst und Kultur schrittweise zur Magd des Marketings wurden. Was schert mich diese weinerliche Ratlosigkeit von Leuten, denen offenkundig der Unterschied zwischen Kitsch und Kunst völlig unklar ist?

Wäre ihnen diese Kultur ein großes Anliegen, was sie nun öffentlichkeitswirksam behaupten, dann wüßten sie außerdem, daß unsere Kultur von ganz anderen Kräftespielen in Gang gehalten wird und ein einzelner Brand geradezu Business as usual ist. Er ist fast schon banal im Fluß der Jahrhunderte, wenn man einmal kurz über die eigene Lebensspanne hinausblickt. Kultur, das ist doch vor allem alles, was bleibt, wenn die Artefakte verlorengehen.

Wie der Großteil der griechischen Statuen, die uns heute noch ihre Wirkung als prägendes Schönheitsideal demonstrieren, auch wenn es kaum erhaltene Originale gibt. Oder die Bibliothek von Alexandria, von der wir heute nicht einmal wissen: Brannte sie? Wurde sie vorsätzlich zerstört? Ging sie einfach verloren?

Um Notre-Dame müssen wir uns offenbar keine gar so großen Sorgen machen. Was brannte, ist verloren. Aber das Feuer konnte nicht in den Innenraum der Kathedrale vordringen. Die mittelalterlichen Glasfenster sind nicht betroffen. Es scheint genug Substanz erhalten zu sein, es scheint das nötige Geld auf den Tisch zu kommen, um das Gebäude in der Gegenwart zu stabilisieren und ihm eine Zukunft zu sichern.

Mir würde es gefallen, wenn sich diese ganze Erregungsgymnastik schnell erledigen ließe, um Gedanken und Blicke frei zu machen, die auf anstehende Fragen der Kultur Europas gerichtet sind. Dabei möge auf diese enervierenden Bedrohungsszenarien und diesen Voyeurismus verzichtet werden, um klären zu können, wozu wir heute in der Lage sind und worauf wir uns dabei stützen dürfen. Wir haben in Europa schon zu oft erregt in lodernde Flammen geblickt, um uns dabei gegenseitig unserer angeblichen Größe zu versichern. Zeit für eine neue Pose!