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Notiz 083: Aber er muß doch einsehen…#

(Intrada: über das Reden)#

Von Martin Krusche#

Wenn bezüglich der Netzkultur aus den letzten 30 Jahren heraus etwas unmißverständlich klargeworden ist, dann das: reale soziale Begegnung kann durch Telekommunikation und Telepräsenz nicht ersetzt werden. Ich hatte begonnen, eine Notiz zu verfassen, die von einem Spaziergang mit dem Lokalpolitiker Wolfgang Weber und dem Pädagogen Franz Wolfmayr handelte. Wir hatten uns dazu anläßlich einer kleinen Kontroverse auf Facebook verabredet. Und das war gut so; diese Schritte zur realen Begegnung.

An der Schwelle zum Wald über Gleisdorf: Pädagoge Franz Wolfmayr (links) und Lokalpolitiker Wolfgang Weber. (Foto: Martin Krusche)
An der Schwelle zum Wald über Gleisdorf: Pädagoge Franz Wolfmayr (links) und Lokalpolitiker Wolfgang Weber. (Foto: Martin Krusche)

Für jene Notiz wollte ich einen kleinen Prolog schreiben, der mich plötzlich in Gedanken zu einem Textvolumen führte, das ich nun lieber in eine eigene Glosse packe, damit der Überblick leichter fällt. Das kam so…

„Aber er muß doch einsehen, daß…“ Ich saß eben mit meinem Sohn Gabriel am Tisch und wir schwelgten etwas in Reminiszenzen, weil sein Weg aus der Kindheit in ein eigenständiges Erwachsenenleben etliche sehr spannende Passagen hatte. Wir unterhalten uns blendend damit, diese Passagen auf ihre komischen Potentiale hin abzuklopfen. Da purzelt immer irgendein Schwank heraus… „Weißt du noch, als du…“

Wo es Kontroversen gab, entstanden auch Momente, in denen jemand aus einer mächtigeren sozialen Position herab meinte: „Aber er muß doch einsehen, daß…“ Ein etwas störrischer Teenager und die Kombination von a) einsehen und b) müssen. Lustig! Ich erwiderte damals: „Müssen? Niemand MUSS irgendwas einsehen, weil Einsicht so nicht funktioniert.“

Das war für eine pädagogische Erörterung vielleicht etwas zu philosophisch gedacht und brachte mir eine kuriose Vorhaltung ein: Es sei mir anscheinend egal, was ein Jugendlicher so treibe etc. etc. etc. Der übliche Katalog an Ressentiments. Plus der typische Umkehrschluß, wie er immer eine Unterstellung ist, nie eine Frage nach einer konkreten Anschauung. (Wenn ich dies so behandle, dann sei ich ja offensichtlich auf das bezogen jener Meinung, trallali, trallala…)

Ich meine noch heute: niemand muß irgendwas einsehen. Einsicht beruht auf einer individuellen Erkenntnis. Die läßt sich nicht per Hebel oder Hammer in einen Geist befördern. Sie entsteht – wenn alles gut geht - durch einen anspruchsvollen Prozeß, der zum Teil auf gelingender Kommunikation beruht.

Fühlt sich jemand dabei zu sehr bedrängt oder eventuell übervorteilt, womöglich hintergangen, wird sich die Person abwenden. Zack, geht die Erkenntnis den Bach runter. Wer also bereit ist, im eigenen Herzen Erkenntnis durch Fügsamkeit zu ersetzen, wird sich als Lakai bewähren können, aber kaum als Bürgerin oder Bürger im Sinn eines Gewinnes für das Gemeinwesen.

Der illustrierte Mann: Gabriel Steinklauber. (Foto: Martin Krusche)
Der illustrierte Mann: Gabriel Steinklauber. (Foto: Martin Krusche)

Ein Bonmot besagt, der Mensch habe zwei wesentliche Grundbedürfnisse, jenes nach Autonomie (Selbstbestimmung) und das nach Zugehörigkeit. (Aristoteles nannte den Menschen ein Zoon politikon, ein Wesen, das zum Leben in Gemeinschaft neigt.)

Dazu möchte ich ergänzen: jeder Mensch, ausnahmslos jeder, hat kulturelle und spirituelle Bedürfnisse. (Die lebt man entlang seiner Erfahrungen und Interessen.) Wer sich fügsame Menschen wünscht, wird erklären müssen, wie sich daraus Demokratie bauen lassen sollte.

Und die Differenzen? Die Kontroversen? Auch das völlig Unvereinbare? Ich denke, es kann keine Gemeinschaft ohne Dissens geben. Aber es hilft mir, wenn ich die Gründe kenne, weshalb mir jemand widerspricht.

Das erinnert mich an ein Projekt, welches wir in Liechtenstein realisiert hatten. Mit im Set die türkische Künstlerin Deniz Gül, mit der ich eines Abends über den ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink gesprochen hatte. Sein Attentäter rühmte sich damals, einen „Ungläubigen“ aus dem Leben geschafft zu haben.

Gül hat Hrant Dink gekannt und dessen Wesen so zusammengefaßt: „Reden, reden, reden, bis wir einander kannten.“ Das ist ein bemerkenswerter Denkanstoß bezüglich einiger Bedingungen von Erkenntnis: Zeit und gelingende Kommunikation.

Um diese Glosse zum Abschluß in einen heiteren Moment zu führen: ein Bonmot besagt, daß Intelligenz sich in der Fähigkeit ausdrücke, über zwei einander widersprechenden Ansichten nicht den Verstand zu verlieren.

Post Scriptum: Was Gabriels Tattoos angeht, wird das Thema im Kontext der „Wegmarken“ noch aufzugreifen sein, weil wir es da mit einem komplexen Codesystem zu tun haben, das (physisch) weitgehend unterm Dresscode gelagert ist, aber eben auch stets ins Freie drängt, um da Zeichen zu setzen.(Die eigentliche Geschichte mit Weber und Wolfmayr kommt noch.)