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Notiz 085: Repolitisierung#

(Ein paar Takte über das Reden)#

Von Martin Krusche#

Wenn in einem Gemeinwesen das öffentliche Gezänk dominiert, ist das nicht bloß zum Einschlafen langweilig, es ist Ausdruck einer galoppierenden Entpolitisierung. Gezänk kommt ohne Wissenserwerb und ohne intellektuelle Selbstachtung aus, ist eine sturmgepeitschte See in ganz flachem Wasser.

Als ich begonnen hatte, zu einem Spaziergang mit dem Lokalpolitiker Wolfgang Weber und dem Pädagogen Franz Wolfmayr eine Glosse zu verfassen, ging mir ein Intro durch den Kopf, das mich gedanklich abschweifen ließ und daher etwas breit wurde. Deshalb hab ich es als eigene Glosse online gestellt: Aber er muß doch einsehen… (Intrada: über das Reden)

Lokalpolitiker Wolfgang Weber. (Foto: Martin Krusche)
Lokalpolitiker Wolfgang Weber. (Foto: Martin Krusche)

Ich hatte übrigens nicht vor, über den Inhalt unseres Gespräches zu schreiben, denn dazu gab es keinen Anlaß, keine Übereinkunft. Was wir tun, steht nicht jederzeit für irgendeine Bühne zur Disposition. Aber wenn ich mein Bedürfnis nach Repolitisierung unserer Gesellschaft betone, dann hat die Situation selbst damit zu tun.

Kurzgefaßt: Politik findet nach meiner Auffassung erst statt, wenn sich Staat und Zivilgesellschaft im Dialog befinden und Kooperation suchen. Bei dieser Ansicht stütze ich mich auf unsere Sozial- und Kulturgeschichte. Seit der Antike wird über die Idee vom guten Regieren nachgedacht.

Politeia und Polis#

Der Staat (Politeia, heute: Politik und Verwaltung) im Wechselspiel mit dem Gemeinwesen (der Zivilgesellschaft: Polis). Dabei sind beide Seiten gefordert. Daraus folgt, daß es kein Akt von politischer Relevanz ist, politische Kräfte anzubrüllen; öffentliche Protestkundgebungen ausgenommen. (Die sind zum Brüllen da.) Das Beispiel der Revolte lasse ich unberücksichtigt, denn unsere Leute haben kein Talent zur Revolution; von einem kurzen wie schwachen Getöse im Jahr 1848 abgesehen. Uns genügt in der Regel die operettenhafte Pose des Rebellen, die im historischen Österreich eher in der Figur des Wilderers auftaucht.

Die 2020er Pandemie mit ihren Lockdown- und Homeoffice-Situationen hat allerdings mögliche Frontstellungen zwischen Staat und Zivilgesellschaft deutlich vertieft. Gerade durch die Pandemie wurden uns Reglements auferlegt, wegen derer die Kontroversen und Konflikte in den Social Media hochgingen wie selten zuvor. (Dabei ein erheblicher Teil Anbrüllen in allen Härtegraden.)

Öffentlichkeit#

Wer es bis jetzt nicht kapiert hat, will es nicht wissen: das Internet bietet uns niedrigschwellige Zugänge zu Teilöffentlichkeiten, liefert in diesem Zusammenhang die Funktionen von Massenmedien, oft in den Händen von erregten Leuten mit nahezu null Medienkompetenz. Ich betone „Teilöffentlichkeiten“, weil es „die Öffentlichkeit“ nicht gibt.

Stattdessen sehe ich ein höchst fragmentiertes Feld, auf dem wir – durch Social Media – inzwischen auch die Effekte von Filterblasen kennen. Die geschlossene Realität von „Bubbles“, aus denen Andersdenkende sehr schnell ausgeschlossen werden und falls sie sich nicht aus eigenem Antrieb vom Acker machen, notfalls „getrollt“ werden. Das heißt, man schikaniert sie mit Troll-Methoden, mit Grobheiten aller Art, so lange, bis sie aufgeben, für Meinungs- und Antwortvielfalt zu sorgen. In frühen Netzkultur-Jahren nannten wir das „Flamings“, was heute unter den Begriff „Shitstorm“ fällt.

Pädagoge Franz Wolfmayr. (Foto: Martin Krusche)
Pädagoge Franz Wolfmayr. (Foto: Martin Krusche)

Sowas galt eigentlich als unverzeihlicher Verstoß gegen die Netiquette, die „Anstandsregeln“ des Netzes. Wer diese Konventionen ignorierte und sich in einer Gemeinschaft als „Troll“ hervortat, wurde damals gewöhnlich recht bald gesperrt.

Ich erwähne das alles so ausführlich, weil dieser Tage eine klein Kontroverse auf Facebook zu einem Waldspaziergang geführt hat. Über einen Auffassungsunterschied und eine kurze Debatte auf Facebook kamen Wolfgang Weber und ich überein: wir müssen reden.

Ich schlug den Spaziergang vor, was uns Bedenken wegen der Corona-Reglements ersparen würde. Dem schloß sich Franz Wolfmayr an, der mit Weber zu einem anderen Aspekt der Debatte im Dissens war.

Weber hat einerseits beruflich mit Regionalentwicklung zu tun, ist andererseits Gleisdorfer Gemeinderat und Vorsitzender des Wirtschaftsausschusses. Wolfmayr ist Pädagoge und befaßt sich inzwischen auf europäischer Ebene mit Fragen, wie sich Sozialbetriebe auf volkswirtschaftlicher Ebene bewähren können. Das hat ein unverzichtbares Fundament, nämlich eine klare Vorstellung von Menschenwürde und von diesbezüglicher Praxis.

Damit ist aber auch Weber unweigerlich befaßt. Wie kann man da Dissens haben? Man kann immer Dissens haben. Eine Gemeinschaft ohne Dissens müßte unweigerlich Verdacht erregen. Bleibt die Frage, wie mit Auffassungsunterschieden umzugehen sei.

Mein Europa#

Ich rede gerne über „mein Europa“, was nun nicht vorrangig an meinem Tun als Künstler liegt, sondern mit meiner Praxis in der Wissens- und Kulturarbeit zusammenhängt. Wie sind wir in europäische Kräftespiele verstrickt? Was bedeutet das für uns hier in der Region, auch hier in der Kommune? Das ist nämlich alles enger verzahnt als je zuvor.

Was heißt es, unter solchen Bedingungen, ein politisch anwesender Bürger zu sein? Darüber hatten wir auf unserem Spaziergang beispielsweise zu reden. Es muß ja laufend neu die Wahl getroffen werden, in allem eher auf Konsumation oder Partizipation zu setzen.

Eine der interessantesten Wegmarken Gleisdorfs, hier zu finden: ' Der Weg II '. (Foto: Martin Krusche)
Eine der interessantesten Wegmarken Gleisdorfs, hier zu finden: "Der Weg II". (Foto: Martin Krusche)

Das betrifft tausend Fragen, die auf europäischer Ebene genauso anfallen wie im Kleinräumigen, in einer Stadt, in einem Dorf. Bei all dem Gezänk, den Beschimpfungen und bei vieler „Ömpörung“ des Jahres 2020 scheint mir: wir sollten alle mehr spazierengehen, um in Begegnungen auf Augenhöhe über offene Fragen zu reden. Netzkultur, wie sie sich auf adäquate Medienkultur stützt, kann in den Phasen dazwischen enorm nützlich sein. Aber sie ist kein Selbstzweck. Sie erhöht unübersehbar die Neigung Lager zu befestigen, zu vertiefen und nach außen wehrhaft zu gestalten.

Mit Repolitisierung meine ich vor allem auch eine Gegenposition bei derlei Lager-Zuständen, in denen die Positionen hierarchisch angeordnet werden, wo wir sie komplementär sortiert bräuchten. Kommunikation und Kooperation als Fundamente des Politischen. Davon kann ich nicht abrücken.

Wie auch immer das für einen ganzen Staat anzulegen ist, auf kommunaler Ebene können wir dafür mit Eigenverantwortung sorgen, daß diese Anforderungen nicht umfassend durch andere Optionen ersetzt werden.