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Notiz 068: Hubmann im Klartext#

Der Kapitalismus, sein Wachstum und seine Krisen (Teil I)#

Von Richard Hubmann#

Wirtschaftskrise! Klimakrise! Werden in Zukunft nur mehr Maschinen arbeiten und wovon werden die Menschen leben? Darf die Republik Schulden machen? Öffentliche Diskurse? Schön wär's. Sobald der Begriff Kapitalismus in einer Debatte auftaucht, werden sofort Schützengräben bezogen und von hüben nach drüben brisante (Halb)- Wahrheiten geschleudert.

Richard Hubmann (Foto: privat)
Richard Hubmann (Foto: privat)

Kapitalismus wird mit Marktwirtschaft gleichgesetzt und diese wiederum mit Demokratie, wenn positiv konnotiert werden soll. Soll Kritik am System ausgedrückt werden, so spricht man von Finanzkapitalismus, Geldsystem etc. und rutscht mit diesen Begriffen auf einer schiefen Ebene in die Erzählungen von Verschwörungstheorien und Sündenböcken. Tatsächlich brauchen wir einen nüchternen Blick auf unser Wirtschaftssystem und klare Begriffe, wenn wir diese Fragen beantworten wollen.

Kapitalismus – Marktwirtschaft - Geldsysteme#

Dabei sollten allen die Eckdaten bekannt sein. Vor etwa 500 Jahren begann sich ein Wirtschaftssystem zu entwickeln, das darauf beruhte, dass Geld investiert wurde, um Produktionsmittel und Arbeitskräfte zu kaufen und die so produzierten Güter wieder zu verkaufen. Die Arbeitskräfte müssen mit ihrem Lohn für ihre Reproduktion sorgen. Der Lohn muss reichen, um die Familie zu ernähren und zu kleiden und wiederum Kinder aufziehen zu können.

Vorherrschend war damals Arbeiten in feudalen Verhältnissen. Im 16. Jahrhundert war die Arbeit einer Subsistenzbauernfamilie reine körperlich Arbeit und das Produkt ihrer Arbeit reichte in der Regel, um die Familie zu ernähren zu kleiden und die bescheidene Hütte zu heizen. Einen kleinen Teil seiner Arbeitskraft musste er als Zehent oder Robot an den Grundherrn abliefern.

Für Geld, Arbeitskraft und Waren bildeten sich Märkte. Geld und Märkte gab es auch schon vor dem Kapitalismus. (Bekanntlich berichtet schon das Neue Testament von der Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel durch Jesus). Für das Funktionieren des Kapitalismus sind Märkte zwar notwendig, Marktwirtschaft ist aber nicht mit Kapitalismus gleichzusetzen. In diesem Zusammenhang taucht auch immer das Bild von der „unsichtbaren Hand der Märkte“ auf.

Der schottische Moralphilosoph Adam Smith (1723 – 1790) hat mit dem „Reichtum der Nationen“ das erste Grundlagenwerk der Nationalökonomie geschaffen. Die „unsichtbare Hand“ ist für ihn eine Metapher dafür, wie durch den Markt der Eigennutz der Teilnehmer dem größtmöglichen Gemeinnutz dient. Allerdings geht Smith von einem freien transparenten Markt mit vielen Marktteilnehmern sowohl auf Seiten des Angebots als auch der Nachfrage aus.

Aber funktionieren die Märkte nach den Kriterien von Adam Smith so? Das ist leicht zu überprüfen. Man verfolge den Weg eines Schweinsschnitzels vom Bauernhof bis zur Fleischbudel eines Supermarkts und beobachte wieviel oligopolistische Strukturen durchlaufen werden.

Der Unterschied zwischen vorkapitalistischen und kapitalistischen Verhältnissen liegt auf der Hand. Ein Großteil der Arbeitskraft wurde im Feudalsystem mit Naturalien abgefunden und auch der Mehrwert wurde überwiegend als Arbeitsleistung, einem Teil der Ernte oder Kriegsdienst abgeliefert. Geldverkehr spielte eine untergeordnete Rolle.

In kapitalistischen Verhältnissen wird alles in Geld abgerechnet und auch der Mehrwert der Produktion wird vom Kapitalisten in Geld als Profit einbehalten. Dieser ist dazu bestimmt, wieder investiert zu werden und diese Investition soll wieder Profite abwerfen. (Die nach wie vor beliebte Karikatur des feisten Kapitalisten, mit einer teuren Zigarre vor einer protzigen Villa führt die Kapitalismuskritik auf einen Nebenschauplatz. Natürlich können sich die Thyssens, Hortens und Bill Gates allerlei leisten, aber mehr als essen und trinken können sie auch nicht und ihr Luxuskonsum wäre nicht das Hauptproblem des Kapitalismus und es geht ja auch nicht um Kritik von einzelnen Personengruppen sondern um die Kritik der Verhältnisse)

Kapitalismus, Staat und Wachstum#

Der systemische Zwang aus Geld mehr Geld zu machen, befeuert die Produktion von Gütern und die technische Phantasie. Mit der Erfindung der Dampfmaschine und dem vermehrten Einsatz von fossilen Energieträgern ging es ab dem 18.Jahrhundert mit der Industrialisierung steil bergauf und kapitalistisches Wirtschaften hat sich in den europäischen Ländern durchgesetzt. (Die gesellschaftlichen Umwälzungen und die politischen Brüche, die dadurch ausgelöst wurden, sind bekannt. Siehe: "Wo ist links, wo rechts?"!)

Im Zuge der Entwicklung ist eine dem Kapitalismus immanente Konfliktlinie immer mehr hervorgetreten. Das Kapital strebt nach einer möglichst hohen Profitrate. Im Widerspruch dazu bedarf es aber einer Kaufkraft, um die Güter auch kaufen zu können. Um die Massenkaufkraft zu stärken, bedarf es aber hoher Arbeitslöhne, die wiederum in einem geschlossenen System die Profite schmälern. So herrscht eine latente Konsumlücke. Dazu wurden im Verlauf der Geschichte mehrere Auswege gefunden:

  • Der Staat tritt als Nachfrager auf. Er kann dies aber wirksam nur tun, wenn er mehr Geld ausgibt, als er an Steuern einnimmt. (Woher kommt das Geld, das dem Staat geborgt wird? Warum können sich Staaten mit guter Bonität Geld zu Null Zinsen ausborgen?)
  • Es wird in Regionen mit niedrigen Löhnen produziert und in Regionen mit höherer Kaufkraft verkauft. (Globalisierung ist kein neues Phänomen)
  • Umfangreiche Pakte über Löhne und anderes zwischen Kapital und Gewerkschaften können dieses Problem eine Zeitlang erfolgreich einhegen (siehe Sozialpartnerschaft in Österreich), aber nicht lösen

Diese drei Strategien sind auch Dreh- und Angelpunkte, an denen sich politische Formationen und Ideologien definieren. (Fortsetzung: Teil II)