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Notiz 030: Vom Mut zur Nachtmeerfahrt#

von Martin Krusche

Wir verdanken einer stellenweise entfalteten Industrialisierung der Oststeiermark ganz wesentliche Beiträge zu jener wirtschaftlichen Entwicklung, die uns einen Wohlstand gebracht hat, welcher sich mit der ursprünglichen Landwirtschaft nicht schaffen ließ. (Dazu waren hier die agrarischen Betriebe zu klein.) Erst fand nach dem Zweiten Weltkrieg eine umfassende Volksmotorisierung statt, dann veränderte die Digitale Revolution in den 1970ern den Lauf der Dinge radikal und das Informationszeitalter zeigte sich unter anderem mit einer völlig neuen Medienwelt.

Wissenschafter Hermann Maurer (links) und Künstler Martin Krusche. (Foto: Ursula Glaeser)
Wissenschafter Hermann Maurer (links) und Künstler Martin Krusche. (Foto: Ursula Glaeser)

Das sind beides Aspekte von Raumüberwindung. War erst einmal das Pferd über rund fünftausend Jahre die wichtigste Tempomaschine des Menschen, so endete dieser „Kentaurische Pakt“ im erwähnten Krieg und schickte die Pferde als unsere Nutztiere hauptsächlich in die Welt von Sport und Freizeit.

Währenddessen hatte die Industrie quer durch das 20. Jahrhundert Kohle und Stahl bewegt, um das Automobil als kulturelles Hauptereignis weltweit zum Generalfetisch von Gesellschaften zu machen.

Das Motiv war freilich in unseren Mythen schon angelegt. Im alten Ägypten wurde die Sonne selbst als Gott Ra gedeutet, der tagsüber mit der Sonnenbarke über den Himmel fährt. Abends wechselt Ra in die Nachtbarke und fährt durch das Totenreich, um anderntags bei Sonnenaufgang wiedergeboren zu werden.

In der griechischen Mythologie ist es Sonnengott Helios, dem der Schmied Hephaistos einen Sonnenwagen gebaut hat, mit dem über den Himmel gefahren wird. Phaeton, des Gottes Sohn, kam ums Leben, als er diesen Wagen einmal lenkte und die Beherrschung über das Fahrzeug verlor.

Der leichte Wagen mit Speichenrädern wurde etwa als Steitwagen zum schnellsten und gefährlichsten Vehikel, das Menschen über Jahrtausende kennenlernten. Andrerseits wurde er zu einer Metapher für die wandernde Seele und hat als Kultwagen zahlreiche Entsprechungen. In Strettweg (nahe Judenburg) wurde eines der weltweit bedeutendsten Beispiele dafür gefunden, laut Joanneum auf das Ende 7. Jahrhundert v. Chr. datiert: der Kultwagen von Strettweg.

Europas Mythologie kennt die ungewissen Nachtfahrten, die Quest als Heldenreise, die Überfahrten in das Reich der Toten. Das bedarf der Fährleute, aber auch der Seelenbegleiter. In der aktuellen Technik scheinen uns Begriffe wie das Surfen und die Kybernetik längst vertraut, wenn wir an Computer und Netzwerke denken. Im Altgriechischen bedeutet Kybernetes so viel wie Steuermann.

Autor Martin Krusche in einem Unikat, dem Weingartmann*schen Renn-Haflinger. (Foto: Manfred Haslinger)
Autor Martin Krusche in einem Unikat, dem Weingartmann*schen Renn-Haflinger. (Foto: Manfred Haslinger)

Raumüberwindung. Abenteuerreise. Sich dem Ungewissen aussetzen. Die letzten Dinge. Da geht es nie bloß um körperliche Ereignisse, um das Physische, sondern stets auch um seelische Vorgänge. Der Psychologe C.G. Jung wird heute mit dem Begriff der Nachtmeerfahrt assoziiert. Ein Verweis auf die Ungewißheit des Lebens. Das Motiv wurzelt in der griechischen Mythologie. Danaë war wegen eines Orakelspruchs von ihrem Vaters, dem König Argos, eingekerkert worden. Er fürchtete, ein von ihr geborener Sohn könnte ihn töten. Als Danaë durch Zeus zur Mutter des Perseus wurde, ließ Argos beide in eine Kasten sperren und auf dem Meer aussetzen.

Sie sehen, es gibt allerhand gute Gründe, sich mit unseren Mythen und kulturellen Vorgeschichten zu befassen, um die Gegenwart zu begreifen; vor allem auch dort, wo sie sich in umfassenden technischen Konzepten niederschlägt.

Deshalb setze ich im Verlauf dieses 4. Novembers 2019 inhaltlich einige verbindende Schritte zwischen dem Gastwirt Gottfried Lagler, welcher sich der „Oldtimerei“ verschrieben hat, und dem Informatiker Hermann Maurer, der mit seiner reichen Erfahrung bezüglich der Digitalen Revolution in die Zukunft blickt.

Im Zusammenspiel loten wir einige kulturelle, soziale und technische Aspekte der aktuellen Umbrüche aus, was übrigens auch mit den Interessen und Kompetenzen von Gastgeber Ewald Ulrich korrespondiert. Das reicht bei ihm von seinem Faible für unsere Frühgeschichte bis zu seinen Meriten als erfolgreicher Unternehmer in der IT-Branche.

Wir sind also in diesen Tagen gut gerüstet, in unseren gemeinsamen Betrachtungen einen großen Bogen zu ziehen. Wir befinden uns alle längst auf einer Reise, über deren Bedingungen und Ziele wir zu wenig wissen. Was für eine interessante Zeit!

Neue Sachen: Vom Mut zur Nachtmeerfahrt
Martin Krusches: „Erste bis vierte industrielle Revolution. Wovon ist die Rede? Was macht das mit uns?“
(Input,
Mythos Puch VI)
Montag, 4. November 2019
17:00 - 18:00 Uhr, Schloß Freiberg, Ludersdorf
Eine Veranstaltung im Rahmen von
"Fokus Freiberg: Nächste Spuren"