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Notiz 093: Hingeworfen#

(Die Stadt, die Kunst und die Seuche)#

Von Martin Krusche#

Da ist erst einmal nichts. Nichts, das vom Alltag abweichen oder ablenken würde. Es sind die Zonen und Passagen der Innenstadt, die wir nutzen, um Dinge zu erledigen. Das Notwendige bewältigen. Öffentlicher Raum, der sich gelegentlich mit privaten, aber frei zugängigen Terrains verzahnt. Flächen zum Flanieren. Das Geschäftsleben muß hier nach außen wirken können. Die Schaufenster sind in ganz unterschiedlicher Qualität bespielt. Portale und Zeichensysteme bestehen als eine starre Erzählung.

Wenn die Normalität Pause macht, kann für besondere Momente Platz geschaffen werden.
Wenn die Normalität Pause macht, kann für besondere Momente Platz geschaffen werden.

Eigentlich sollte da öffentliches Leben sein, auch Geselligkeit. Doch die Seuche hat unsere Abläufe korrumpiert. Wir beginnen gerade erst, all das neu zu sortieren. Dann aber kommt es vor, daß einzelne Menschen dieser getrübten Seite der Stadt etwas gegenüberstellen. Das geistige Leben fordert erneut Spielraum. Ideen. Statements. Verständigungsschritte.

Da waren eben drei Stationen in der Stadt. Flüchtig. Bloß für wenige Stunden eines Vormittags. Aber was für eine Manifestation des Verlangens nach anderen Verhältnissen! Sowas fällt nicht vom Himmel. Es formiert sich nicht von selbst. Es wird uns auch von keiner Verwaltung angeboten, die ja letztlich immer bleibt, was sie ist: Umsetzungsorgan der Politik, nicht Quelle von was auch immer.

Und! Kunst!#

Wo es dann um Gegenwartskunst geht, liegen dem Geschehen Prozesse zugrunde, die kaum mit dem zu tun haben, was in einer längst durchökonomisierten Welt das Werk der Macher ist. Dieses Machen der Macher und das Leben in der Kunst sind von vollkommen verschiedener Natur. (Der Macher verdrängt ganz gerne, daß bei unserer Spezies erst das symbolische Denken war, dann, Jahrtausende später, die arbeitsteilige Macherei.)

Aber die Kunst! Dieses Einlösen von Folgerichtigkeit, in der man laufend seine Existenz riskiert, ökonomisch und seelisch, denn es macht zum Beispiel in genau diesen Fragen den Unterschied. Das Machen genügt sich selbst, will bloß gelingen. Die Kunst zerrinnt einem zwischen den Fingern, wenn man auf Folgerichtigkeit verzichtet. Dann werden die Werke zu Dekorationsgegenständen.

Professionalität kommt durch Arbeitszeit. Von links: Monika Lafer, Kerstin Feirer und Karin Müller Griessenauer.
Professionalität kommt durch Arbeitszeit. Von links: Monika Lafer, Kerstin Feirer und Karin Müller Griessenauer.

Das Dekorationsgeschäft#

Daran ist nichts auszusetzen, solange Menschen auf Etikettenschwindel und Guerilla Marketing verzichten, solange die Kunst nicht zur Magd des Marketings herabgewürdigt wird. Wenn also die verschiedenen Genres verscheiden sein dürfen und nicht eine Profession der anderen die Bilder und Begriffe klaut.

Wir müssen alle unser Brot verdienen. Wer mit Dekorationsgegenständen gute Budgets abholt, muß dafür nicht angefochten werden. Bonne chance! Niemand von uns kann auf ein angemessenes Jahreseinkommen verzichten.

Aber wir müssen unterscheiden können, ob sich jemand der Kunst verpflichtet hat oder dem Dekorationsgeschäft, weil das unterschiedliche Metiers sind, unterschiedliche Genres und unterschiedliche Lebenskonzepte, in denen sowas begründet wird.

Offene Debatten?#

Warum soll das überhaupt debattiert werden? Fragen des Broterwerbs sind bloß ein Aspekt des Themas. Reden wir über die Zukunftsfähigkeit einer Gemeinschaft. Vor allem in Zeiten eines fundamentalen Umbruchs. Das trifft derzeit auf jeden Fall zu. Zwischen den Jahren 2010 und 2020 hat sich dieser Umbruch entfaltet, hat sich eine Krise von hinreißendem Ausmaß etabliert.

Nein, die Krise ist nicht das Problem! Krisis. Der Begriff wird gerne mißverstanden. Die Krise ist bloß das Geschehen, in dem wir aus alten Verhältnissen heraustreten müssen, wahlweise herausstürzen. Dann fallen Entscheidungen. Geht es nun Richtung Katastrophe oder Katharsis? Dazu haben wir Krisen. Umbrüche. Um nächste Entscheidungen zu fällen.

Flüchtiger Blick über Wiesen: in der Bibliothekspassage bei Monika Lafer.
Flüchtiger Blick über Wiesen: in der Bibliothekspassage bei Monika Lafer.
Von links: Hackerspace-Hack Helmut Haberl (ja: HHHH!), Fotografin Karin Müller-Griessenauer und Schmuckdesignerin Eva Haberl.
Von links: Hackerspace-Hack Helmut Haberl (ja: HHHH!), Fotografin Karin Müller-Griessenauer und Schmuckdesignerin Eva Haberl.

Die Politik sollte uns dabei im Dialog gegenüberstehen. Die Verwaltung verwaltet sich derzeit hauptsächlich selbst. Krisis! Was für eine interessante Situation! Wo wird nun also inspirierend gedacht und anregend gehandelt? Woher kommen fruchtbare Impulse? Na, von der Kunstpraxis auf jeden Fall, denn die läßt uns gar keine andere Wahl.

Qualität und Vollendung#

Wer da bloß sich selbst zu verwalten beginnt, verliert das Essentielle. Kunst, um es mit dem schrulligen Markus Lüpertz zu sagen, bleibt immer ein Ringen um Qualität und Vollendung.

Ob sich Politik und Verwaltung dazu aktuell aufraffen möchten, aufraffen können, diese Orientierung auf Qualität und Vollendung, will erst geklärt werden.

Was ich seit Jahren sehe, ist ein stetiges Anheben der Werbebudgets, was ja nur möglich ist, wenn öffentliche Gelder von anderen Bereichen dafür abgezogen werden können. Die Kulturpolitik schuldet uns bis heute gesamtsteirisch das Mindestmaß an adäquaten Reaktionen auf a) den kompletten Umbruch - 2010 bis 2020 - und b) die Seuche.

Aktuelle Arbeiten von Ulli Lang
Aktuelle Arbeiten von Ulli Lang
Ungeschminkte Statements von Kerstin Feirer
Ungeschminkte Statements von Kerstin Feirer

Aber falls Sie irgendwo ein kulturpolitisches Ideenpapier entdecket haben, das der Lektüre wert ist und nicht schon zehn bis 20 Jahr alt, dann schreiben Sie mir bitte. Das würde ich sehr gerne lesen.

Interlude#

Ich war 2007 mit einem Projekt in Liechtenstein zugange, dem auch die türkische Künstlerin Deniz Gül angehörte: „next code: in between“.

Wir sprachen unter anderem über den kurdischen Intellektuellen Hrant Dink, der von einem jungen türkischen Eiferer ermordet worden war. Gül hatte Dink gekannt und über ihn gesagt: „Reden, reden, reden, bis wir einander kannten. Das war er.“ Das ist es, was ins weder diverse Managements noch Maschinensysteme der Vierten Industrielle Revolution abnehmen oder gar ersetzen können: Reden, reden, reden, bis wir einander kannten. Das ist einer der wesentlichen Zusammenhänge, weshalb wir den öffentlichen Raum nicht aufgeben und auch nicht der Ökonomie überlassen dürfen.

Crossover: Autorin Andrea Wolfmayr erhält von Fotografin Karin Müller-Griessenauer ein Andrea Wolfmayr-Portrait.
Crossover: Autorin Andrea Wolfmayr erhält von Fotografin Karin Müller-Griessenauer ein Andrea Wolfmayr-Portrait.

Das Ereignis#

Die Fotos (allesamt: Martin Krusche) stammen von der Ausstellung „Smash Art“ am 12.6.2021, einer Kooperation engagierter Kräfte, unter denen ich Cartoonistin Kerstin Feirer als Schlüsselperson kenne.

Es wurden für einige Stunden drei Positionen der Gleisdofer Innenstadt bespielt. An einer der Positionen Malerin Monika Lafer, die meine aktuelle Kooperationspartnerin im Projekt „Zeit.Raum“ ist.