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Notiz 006: Mal was zum Thema Altwerden#

von Andrea Heinisch

Du fragst die Krankenschwester, wann eigentlich die Ärztin kommt, und die Krankenschwester teilt dir indigniert mit, dass sie die Ärztin ist. Du lieber Himmel, wie jung sind denn Fachärzte heutzutage? Du stehst neben deinem Auto, von gegenüber hörst du ein Kind rufen: „Schau, da ist noch eine Oma!“ Du schaust dich um – aber da ist doch niemand außer dir.

(Foto: Andrea Heinisch)
(Foto: Andrea Heinisch)

Du bist zum Geburtstag einer Studienfreundin geladen und wunderst dich, warum sie lauter so alte Freunde und Freundinnen hat, bis du realisierst, dass die vermutlich in deinem Alter sind.

Ich bin eigentlich immer gern so alt gewesen, wie ich gerade war, und vor allem war ich es immer fraglos. Doch dann begannen sich diese Erlebnisse zu häufen, die mir deutlich gemacht haben, dass sich da eine Schere aufgetan haben musste zwischen mir und meinem Status in Sachen Alter. Als ob sich mein Alter von mir abgespalten und heimlich ein – ziemlich dubioses – Eigenleben entwickelt hätte.

Doch, da hat es natürlich auch bei mir schon diese Zahl 60 gegeben … wo jedes Kind weiß, dass die 60ig-Jährigen die Alten sind. Noch nicht die ganz Alten, aber die Alten. Aber okay, so eine Zahl lässt sich verdrängen. Es lässt sich bei einigermaßen gutem Willen als Laune der Natur abtun, dass man zu den Betroffenen gehört. Angeblich gehört. Aber auch die Natur verzählt sich manchmal.

Und doch: da hat sich etwas aufgetan: die Selbstverständlichkeit in Sachen Alter ist dahin, ich ertappe mich immer wieder bei der Frage: Bin ich alt? Also alt ohne Zusatzzahl. Nicht 35 Jahre alt, oder 40 oder meinetwegen 55 Jahre alt, sondern nur: alt.

Lächerlich dieser Stehsatz, dass man so alt sei, wie man sich fühlt. Ich fühle kein Alter, ich habe mein Alter nie gefühlt. Ich war einfach immer 10 Jahre alt oder 20 oder 44. Ich habe mich nie gefragt, wie man sich als 10-, 20- oder 44-Jährige zu fühlen hat und ob ich mich auch so fühle. Und wenn ich komplimentehalber zu hören bekommen habe, dass ich jünger aussehe, habe ich mich gefreut, aber es war kein Anlass, über mein Alter nachzusinnieren und ob ich mich altersgemäß fühle.

Bin ich (schon) alt oder werde ich (grad) alt? Das ist die Frage, 60 hin 60 her. Wobei zu konstatieren ist, dass ich und alt ganz offensichtlich in jedem Fall zusammengehören. Sonst gäbe es diese Frage ja gar nicht.

Das sagen mir ja auch meine Knochen (okay, wenn ich weniger wiegen würde, wäre das sicher nicht so), das legt mir mein zunehmend schlechtes Gedächtnis nahe (okay, das war schon immer schlecht, aber es wird noch schlechter), das sagt mir die Müdigkeit, die mich immer schneller ereilt (okay, wenn ich mehr Kondition hätte, wäre auch das anders).

Ich beginne zu ahnen, nein: immer häufiger weiß ich es mit allen Sinnen, dass mich das Alter „Alt“ früher oder später ereilen wird. Und schon allein dieses Wissen zeigt mir, dass ich bereits am Weg – oder vermutlich schon mit einem Fuß mittendrin bin.

Und so startet der erste Lebensabschnitt meines Lebens, der mir mehr als suspekt ist, den ich zu gern noch weit nach hinten geschoben hätte.

Wie zur Besänftigung, wie um mir deutlich zu machen, dass mein Leben doch eh schon so lang und voller Ereignisse gewesen ist, habe ich sowas wie Flash-Backs, erinnere ich mich plötzlich an Erlebnisse aus meiner Kindheit, Jugend, aus meinem jungen Erwachsenenalter, und das in maximaler Intensität, als ob ich nochmal mittendrin wäre. Das sind meistes schöne, mich bewegende Momente der Erinnerung, und doch ist es auch ein weiteres Zeichen: Früher, „als ich noch jung war“, habe ich das ja öfter gehört, dass man sich im (sic) Alter an Längst-Vergangenes viel besser als an Jüngst-Vergangenes erinnert.

Diese Schere, die sich da aufgetan hat, sie bedeutet auch, dass ich mich nicht mehr automatisch, also qua Alter, auf der Höhe der Zeit fühle. Soll heißen, dass ich immer öfter überlege, ob eine Meinung von mir altersbedingt ist. Dass ich sie also von einem Standpunkt aus bilde, der – positiv gewertet - den weiteren Blick eines längeren Lebens einbezogen hat, oder der - negativ gewertet – die aktuellen Zeitläufe und Entwicklungen halt nicht mehr in der ihnen zustehenden Bedeutung einbeziehen kann.

Und dann gibt es noch diese Sache mit der Zeitachse, wo man mit 60 nun eines zu tausend Prozent weiß: das Ende ist deutlich näher als der Anfang.

Klar weiß ich schon fast mein ganzes Leben lang, dass es eines Tages enden wird. Aber erst der Tod meines Vaters vor einigen Jahren hat diese Tatsache eben tatsächlich in mein Bewusstsein gebracht. So komisch das selbst für mich klingt, bis dahin hatte ich die (uneingestandene) Vorstellung, dass das Sterben zu diesen Dingen gehört, die immer nur anderen Menschen zustoßen. Wie Entführungen, Morde, schwere Unfälle oder schwere Krankheiten.

Um zuguterletzt noch modern zu sein (wo doch das Wort modern schon unmodern ist!) – wenigstes im (sic) „wording“: Der Tod ist evidenz- und faktenbasiert. Evidenz- und faktenbasierter geht es gar nicht. Und die Erkenntnis der eigenen Endlichkeit wirft natürlich ihre Schatten voraus – und ist wohl auch zentral, wenn es um den Lebensabschnitt „Alter“ geht. Es ist ja der letzte. (Erstmals veröffentlicht in „bild & text von andrea heinisch“.)